Asylbewerber: Bürgermeister fordert mehr und kleinere Flüchtlingsheime

Landrat Ludger Weskamp (Mitte) bei einem Vor-Ort-Termin im Asylbewerberheim Stolpe-Süd. Seit Mitte April wurden dort Dutzende Bewohner mit Corona infiziert. Der Ansteckungsherd ging von einer Putzfrau aus.
Landkreis Oberhavel„Ich halte es nach wie vor für richtig, diese Form der Unterbringung mehr zu dezentralisieren“, bestätigte Günther am Dienstag im Gespräch. Nach wie vor? Bislang, so scheint es in des Bürgermeisters Sätzen durch, muss er das Thema gegenüber seinem Parteigenossen, Landrat Ludger Weskamp, entweder nicht mit genug Nachdruck angesprochen oder aber bei diesem kein Gehör gefunden zu haben. „Nach der Corona-Krise möchte ich zur Flüchtlingsunterbringung einen regelmäßigen Austausch. Und zwar einen solchen, von dem ich den Eindruck habe, dass ich informiert bin und mitreden kann.“ Einen solchen Vorschlag werde er dem Landrat demnächst schriftlich zukommen lassen.
Bisher, so Günther, habe Weskamp immer darauf verwiesen, welche organisatorischen Vorzüge ein Heim dieser Größenordnung habe. „Aber was das für Risiken mit sich bringt, sehen wir ja jetzt“, sagt er mit Verweis auf mehrere Dutzend Corona-Fälle im Heim und die seit Wochen über die Unterkunft verhängte Quarantäne.
Hennigsdorf soll auch weiterhin eine Stadt sein, in der Flüchtlinge leben und willkommen geheißen werden. „Wir wollen unsere Verantwortung weiter wahrnehmen. Ich rede ja nicht von einer Schließung des Heimes. Aber wir haben in Stolpe-Süd eine Kapazität von 500 Plätzen in sechs Blöcken. Das ist wirklich eine Menge für einen Standort“, gibt es zu bedenken. Einer direkten Antwort auf die Frage, ob er in der Vergangenheit zu wenig auf diese von ihm gewünschte Dezentralisierung gedrungen habe, weicht er aus: „Das Thema ist ja jetzt so präsent geworden.“
Hennigsdorfs Bürgermeister erinnert auch daran, dass sich die Stadt immer aus eigener Kraft bemüht habe, für dezentrales Wohnen zu sorgen. Er verweist da-rauf, dass mehr als 100 Flüchtlinge in Wohnungen leben. So positiv will Simone Tetzlaff von der evangelischen Flüchtlingsberatung das nicht stehen lassen: „Seit zwei Jahren werden so gut wie keine Wohnungen mehr an Flüchtlinge vermietet“, beklagt sie. Im vorigen Jahr sei ganzen fünf Anträgen Erfolg beschieden gewesen. Für Flüchtlinge ohne dreijährige Aufenthaltserlaubnis und ohne Arbeitsplatz sei eine Bewerbung fast aussichtslos. Holger Schaffranke, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft HWB, räumt die Notwendigkeit dieser Voraussetzungen ein: „Sonst übernimmt der Landkreis die Kosten nicht.“ Gut 120 Asylbewerber würden in Wohnungen der HWB leben. Er verweist auch auf die prekäre Lage am Wohnungsmarkt. Egal, ob Deutscher oder Ausländer: „Wer sich heute auf unsere Warteliste setzen lässt, bekommt in frühestens zwei Jahren eine Wohnung.“
Schaffranke wünscht sich, dass der Landkreis stärker mit den kommunalen Wohnungsgesellschaften kooperieren würde. Und er hat gleich einen Tipp parat: „Ich weiß von meinen Kollegen im Nordkreis, dass diese freie Wohnungen haben.“ Von Fürstenberg bis Hennigsdorf, von Kremmen bis Schildow: „Eine etwas gleichmäßigere Verteilung der Asylbewerber fände ich sehr sinnvoll. Die Enge in Stolpe-Süd produziert einfach Probleme. Ich wünsche mir dort bessere Lebensbedingungen, nicht nur in Corona-Zeiten“, fasst Günther seine Forderung zusammen. Aber wird er damit Gehör beim Landrat finden? Günther räumt ein: „Da muss ich wohl sehr dicke Bretter bohren.“
Diese Bretter könnten sogar zu dick für den Bürgermeister sein. Das jedenfalls legen Antworten nahe, die am Mittwoch vom Landkreis kamen. Zwar wird darin versichert: „Der Landkreis ist immer bereit, mit seinen Partnern konstruktiv nach Lösungen zu suchen.“ Doch die Richtung wird klar vorgegeben und deutet keine Kurskorrektur an: „. Eine Ausweitung der dezentralen Unterbringung ist grundsätzlich nicht vorgesehen.“ Dabei wird auf Vorgaben von Bund und Land verwiesen, „die die Unterbringung von Asylbewerbern überwiegend in Gemeinschaftsunterkünften vorsehen“. Worauf der Kreis nicht eingeht: Dabei könnte es sich auch um eine größere Anzahl kleinerer Heime handeln. Stattdessen heißt es: „Auch in Zukunft wird der Standort Stolpe-Süd eine wichtige, zentrale Rolle einnehmen." Das sei auch Bürgermeister Günther bekannt.
Zahlen zur Belegungder Unterkünfte
499 Plätze gibt es im Asylbewerberheim Stolpe-Süd. Davon sind aktuell 412 belegt. Im gesamten Landkreis stehen 1 639 Betten zur Verfügung, von denen derzeit 1 194 belegt sind.
Nach Ausbruch der Corona-Infektion im Heim Stolpe-Süd waren am 23. April 68 Bewohner an dem Virus erkrankt.⇥rol