Arzt in Königs Wusterhausen: Können junge Mediziner den Ärztekollaps noch stoppen?

Ansässig im Achenbach-Krankenhaus von Königs Wusterhausen: Beatrice Hertel koordiniert das Weiterbildungsnetzwerk für Fachärztinnen und -ärzte des Landkreis Dahme-Spreewald seit drei Jahren. Sie weiß um die Potenziale und Grenzen des Projekts.
Marlene Wetzel- Landkreis Dahme-Spreewald hat Ärztemangel, in KW fehlen Hausärzte deutlich.
- Ende Mai schließt eine Praxis am Fontaneplatz – rund 1000 Patienten suchen Ersatz.
- KVBB-Bedarfsplanung: in KW möglich wären achteinhalb neue Hausarztpraxen.
- Fachärzte gelten rechnerisch als überversorgt, doch viele sind über 50 und teils selten.
- Projekt „Weiterbildungsnetzwerk“ soll Nachwuchs binden – 35 vermittelt, wenige Niederlassungen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Eine Katastrophe“ nennt eine Anwohnerin die hausärztliche Versorgungslage rund um den Fontaneplatz schon jetzt. Ende Mai schließt hier auch noch die Praxis von Dr. Neithard Hansche – rund 1000 Patienten und Patientinnen müssen dann einen neuen Hausarzt finden. Nur wo?
Denn in Königs Wusterhausen gibt es nicht nur gefühlt zu wenige Hausärzte, sondern tatsächlich: Nach der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), die die ambulante medizinische Versorgung für gesetzlich Versicherte organisiert und überwacht, wären weitere achteinhalb Niederlassungen möglich. Zur Einordnung: Nach Vorgaben der Bedarfsplanung kann ein Arzt hier theoretisch 1.498 Menschen versorgen.
Im Planungsbereich Schönefeld-Wildau ist die Versorgung sogar noch schlechter. Hier könnten zwölf Allgemeinmediziner eine neue Praxis öffnen und jeweils 1.614 Patienten behandeln.
Bedarf an Fachärzten wächst
Bei den Fachärztinnen und -ärzten sieht die Situation anders aus: Rein rechnerisch gilt LDS mit diesen laut KVBB-Sprecher Christian Wehry als überversorgt. Deshalb sind weitere Zulassungen für Fachärztinnen und -ärzte aktuell nicht möglich, außer für Rheumatologen. Der Gesundheitsbericht des Landkreises von 2025 zeigt jedoch: Über die Hälfte der Fachärztinnen und -ärzte ist über 50 Jahre alt. Und die Bevölkerung von LDS wächst im Norden. Es werden künftig also auch neue Fachärztinnen und -ärzte benötigt.
Versorgung von Fachärztinnen und -ärzten in LDS
Hintergrund der hohen Facharzt-Versorgung in LDS sei die Nähe zu Berlin und medizinische Versorgungszentren wie in Königs Wusterhausen, die Versorgungsaufgaben für das weitere Umland übernehmen, erklärt Wehry.
Weil nicht jede Ärztin oder jeder Arzt, die oder der einen Kassensitz hat, auch Vollzeit arbeitet, kann es trotzdem zu längeren Wartezeiten kommen. Zudem erfolgt die Bedarfsplanung von Fachinternisten, Kardiologen, Lungenspezialisten oder Gastroenterologen zum Beispiel nicht auf Kreis- oder Stadtebene, sondern in größeren Planungsregionen. Deshalb können längere Fahrtwege zum Fachinteristen entstehen, gerade im Süden des Landkreises, wo die Menschen älter sind und mehr medizinische Versorgung benötigen.
Nicht zuletzt wird der Versorgungsgrad der Fachinternisten für alle Subgruppen insgesamt berechnet. Die Steuerung der Subgruppen wird über eine Mindestregelung bei Rheumatologen und über eine Maximalregelung bei den anderen Subgruppen gesteuert. Dadurch kann es dazu kommen, dass zwar insgesamt eine planerische Überversorgung herrscht, es aber wenige Fachinternistinnen und -internisten einer Subgruppe, etwa Kardiologen, gibt.
Auch wenn die ärztliche Versorgung nicht Aufgabe eines Landkreises selbst, sondern hauptsächlich der KVBB ist, hat der Landkreis Dahme-Spreewald ein Projekt ins Leben gerufen, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken: das Weiterbildungsnetzwerk für angehende Ärzte und Ärztinnen.
Beatrice Hertel koordiniert das vom Landkreis vollfinanzierte Projekt seit drei Jahren. Die Idee stammt von Dr. Katja Klugewitz und Dr. Benjamin Möpert. Sie erklärt, bevor fertig studierte Ärztinnen und Ärzte eine Praxis führen können, müssen sie eine mehrjährige Weiterbildung zum Facharzt machen. Das gilt auch für Hausärztinnen und -ärzte, die „Fachärzte“ in Allgemeinmedizin werden, und für Fachärztinnen und -ärzte für Innere Medizin, die später häufig als Hausärztinnen und -ärzte tätig sind.
Weiterbildungsnetzwerk soll Klebeeffekt rund um KW erzeugen
Ziel des Projekts sei es, es dem Nachwuchs zu erleichtern, die Weiterbildung in LDS zu bestreiten, und dabei einen sogenannten Klebeeffekt zu erzeugen. Nämlich, dass die angehenden Ärztinnen und Ärzte die Arbeit auf dem Land lieben lernen, nach der Weiterbildung hierbleiben und eine Praxis eröffnen oder übernehmen, so Hertel.
Dazu vermittelt sie zwischen Arbeitgeberinnen und -gebern (insgesamt sechs Kliniken und 17 Praxen in der Region) und Bewerberinnen sowie Bewerbern. Der Stellenmarkt gleiche einem „Flickenteppich“ und die Weiterbildung sei oft mit mehreren Arbeitgeberwechseln verbunden. Sie kümmere sich darum, dass diese nahtlos abliefen und keine Phasen der Erwerbslosigkeit dazwischen entstünden, erzählt die Koordinatorin.
Weiterhin organisiere sie Stammtische, wo sich die angehenden Ärztinnen und Ärzte vernetzen können und ihnen bereits praktizierende Ärztinnen und Ärzte Tipps, zum Beispiel zur Praxisgründung, geben. Je ländlicher es werde, desto schwieriger werde es auch, Personen zu finden, die dort ihren Facharzt machen möchten. Durch das Netzwerk hätte der Nachwuchs jedoch die Möglichkeit, potenzielle Arbeitgeberinnen und -gebern kennenzulernen. „Wenn ich weiß, ich muss sowieso wechseln, dann schaue ich mich um: Wer passt auch zu mir, wo fühle ich mich aufgehoben, von wem lerne ich, was ich lernen möchte“, erklärt die Projektkoordinatorin.
Gleichzeitig unterstützt Hertel niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner dabei, eine Weiterbildungsbefugnis zu beantragen. Denn der Antrag sei mit „vielen, vielen Stunden Arbeit“ verbunden, weshalb manche Ärztinnen und Ärzte davor zurückschreckten, ihn überhaupt zu stellen. Die Folge davon: weniger Weiterbildungsstellen.
Projekt wird sehr gut angenommen
Das Projekt werde auf beiden Seiten sehr gut angenommen, stellt sie fest, der Zulauf sei „immens“. 35 angehende Fachärztinnen und -ärzte habe sie seit Beginn des Projekts in den Landkreis vermittelt. Wie viele es vor Beginn des Projekts waren, lässt sich laut Kirsten Ohlwein, Pressesprecherin der Landesärztekammer, nicht ermitteln.
Hat das Projekt Grenzen? Nicht jede junge Ärztin und jeder junge Arzt wolle gleich zu Beginn ihrer oder seiner Karriere eine Praxis eröffnen und selbstständig sein. Die Medizin werde immer weiblicher, so die Koordinatorin. Gerade wenn sie selbst Kinder hätten, würden viele ein Anstellungsverhältnis und Teilzeitoptionen bevorzugen.
Weiterbildungsbefugnisse in Dahme-Spreewald ein Problem
Weiteres Problem: Es gebe viel mehr Bewerber als Befugte, vor allem im Norden des Landkreises. Denn die Anstellung eines Assistenzarztes bedeutet Mehraufwand für den Weiterbildenden. Der junge Kollege müsse eingearbeitet und angeleitet werden, könne nicht einfach auf die Patienten losgelassen werden und sei nicht dafür da, mehr Patienten zu bewirtschaften. Schließlich diene die Weiterbildung dem Lernen.
In vielerlei Hinsicht sollte immer auch eine medizinische Fachangestellte oder ein Fachangestellter (MFA) in der Praxis anwesend sein, wenn eine Ärztin oder ein Arzt weitergebildet wird, erklärt Hertel weiter. Aber die seien ebenfalls Mangelware. Und nicht zuletzt koste die Weiterbildung den Arbeitgeber Geld, auch wenn es Förderungen gebe.
Viele der Befugten gingen überdies bald in Rente, gerade die Hausärzte. Damit entfalle ihre Befugnis. Und fertige Fachärzte müssten erst mal drei Jahre praktizieren, ehe sie weiterbilden dürften. Darin sehe sie jedoch auch eine Aufgabe des Projekts: die jungen Kolleginnen und Kollegen zu ermuntern, die Weiterbildungsbefugnis zu beantragen.
Ob die Weiterbildung im Landkreis, wie geplant, dazu führe, dass die angehenden Ärztinnen und Ärzte sich hier auch niederlassen, könne man bislang nicht sagen, gibt Stefan Wichary, Dezernent für Soziales, Jugend, Gesundheit, Integration, Kultur und Sport zu. Seit Projektstart seien es zwei gewesen, sagt Hertel und in diesem Jahr soll eine weitere Person dazukommen.
Letztlich müsse das gesamte Umfeld stimmen, um junge Ärzte für eine Niederlassung zu gewinnen, resümiert KVBB-Sprecher Wehry: „Findet der Partner einen Job? Wie ist der Anschluss an Straße und Schiene? Gibt es Unterstützung bei der Suche nach Praxis- und Wohnimmobilien? Wie ist das Angebot an Schulen, Kultur und Sport? Auf diese Fragen müssen Land und Kommunen gute Antworten geben.“



