FKK in Königs Wusterhausen
: Warum baden immer weniger Menschen nackt?

FKK hat an den Seen um Königs Wusterhausen eine lange Tradition. Wie die Nackten am Tonteich einen der letzten FKK-Strände der Gegend bewahren.
Von
Maria Häußler
Königs Wusterhausen
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FKK ist am Tonteich bei Königs Wusterhausen Pflicht.

FKK ist am Tonteich bei Königs Wusterhausen Pflicht.

Maria Häußler
  • Am Tonteich bei Königs Wusterhausen ist Nacktbaden Pflicht – Besucher weisen Neulinge ein.
  • FKK hat dort Tradition; viele fürchten mehr Textilgäste und Streit um Regeln.
  • Ältere Paare kommen häufig. Jüngere meiden FKK oft wegen Social Media und Schönheitsdruck.
  • Weitere FKK-Orte: AKK-Strand am Motzener See (für Mitglieder, Gäste zahlen), zudem Müggelsee.
  • Nach der Wende fühlte sich FKK vielerorts verdrängt. Einige baden nur noch privat nackt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Glasklares Wasser, ruhige Atmosphäre und ein Sandstrand: Die Badewiese am großen Tonteich ist vor allem bei älteren Paaren beliebt. Das liegt vermutlich daran, dass hier nackt gebadet wird. Die FKKler lesen, dösen und plaudern gelegentlich im Vorbeigehen miteinander. „Neue“ Badegäste werden schnell erkannt und auf die Regeln hingewiesen: Alle sollen hier nackt sein. Zu groß sei die Gefahr, dass auch diese „schöne Oase“ nach und nach von Textilträgern eingenommen werde.

„Wegen Kleidung gibt es hier öfter mal Kämpfe“, sagt die 63-jährige Ines Brüll aus Königs Wusterhausen. „Klar, wenn einer anfängt, dann machen das die andern auch.“ Die Freikörperkultur sieht sie bedroht, auch ihre 42-jährige Tochter trage lieber Badekleidung, obwohl sie anders aufgewachsen ist. Brüll gefällt am Nacktbaden vor allem, dass es verbindet: „Man kommt viel schneller ins Gespräch“, sagt sie.

An den Seen um Königs Wusterhausen hat FKK eine lange Tradition. Der Motzener See, der nur elf Kilometer vom Tonteich entfernt liegt, gilt als „nasse Wiege der Freikörperkultur“. Der Allgemeine Körperkulturverein Birkenheide (AKK) in Kallinchen ist einer der ältesten noch bestehenden deutschen FKK-Vereine und eröffnete am 1. Mai 1921 seine Badesaison.

Wo es bei Königs Wusterhausen noch FKK-Strände gibt

Tatsächlich ist FKK noch älter. Nacktbaden war Teil der Lebensreform um 1900. Die Gegenbewegung zur Industrialisierung strebte nach einer Rückkehr zur „natürlichen Lebensweise“. Daraus entstanden dann die FKK-Vereine.

Heute gehört einer der wenigen ausgewiesenen FKK-Strände in der Gegend am südlichen Stadtrand von Berlin zum AKK-Verein Kallinchen. Der Strand am Motzener See ist allerdings nur für Mitglieder frei zugänglich und kostet Gäste 4,50 Euro. Die Badewiese am Tonteich sei dagegen „öffentlich“, bestätigt eine Mitarbeiterin des dort angrenzenden FKK-Campingplatzes am Telefon. Weitere FKK-Strände gibt es zum Beispiel am Müggelsee, am Flughafensee in Tegel und bei der Bammelecke in Grünau, genannt Bammelbucht.

Am schattigen Ufer des Tonteichs genießt ein Pärchen aus Berlin den Tag. Auf die Entwicklung von FKK und die eigene Erfahrung angesprochen, legt Matthias Rau sein Buch weg und erzählt, dass er schon immer gerne nackt badet und seine allererste Badehose nur für einen Urlaub in Marokko gekauft habe. Nach der Wende sei FKK immer weiter zurückgedrängt worden, meint der 73-Jährige.

Seine Kleidung hängt über der Campingstuhllehne. Rau lächelt viel und trägt die Haare schulterlang. Seine Partnerin rückt neugierig näher, um dem Gespräch besser folgen zu können. Sie trägt die Haare kurz und spricht mit Akzent.

Joanna Lesniak und Matthias Rau gehen schon seit zehn Jahren zur FKK-Wiese am Tonteich bei Königs Wusterhausen.

Joanna Lesniak und Matthias Rau gehen schon seit zehn Jahren zur FKK-Wiese am Tonteich bei Königs Wusterhausen. Wegen möglicher Nachteile beim Suchmaschinen-Ranking wurde das Foto gepixelt.

Maria Häußler

Die 71-jährige Joanna Lesniak erzählt, in ihrer Heimat Polen sei FKK nicht üblich gewesen. Als junge Frau nachts ins Schwimmbad einbrechen, das ist eine ihrer Erinnerungen ans Nacktbaden in Polen. „Das war toll. Deshalb hatte ich hier auch keine Schwierigkeiten damit“. Lesniak trägt allerdings ein luftiges Tuch, das ihre Brüste bedeckt und bis kurz über den Schambereich reicht. Als weitere Badegäste sich am Gespräch beteiligen und darauf hinweisen, dass so etwas nicht geht, nimmt sie es bereitwillig ab. „Ach ja, okay“, sagt sie.

Missverständnis nach der Wende: Empörung an der Ostsee

Umgekehrt erzählt die Polin von Erfahrungen an der deutschen Ostsee, wo die Nacktheit störte. „Schämen Sie sich nicht?“, fragte eine junge Mutter dort. „Ja, vor allem Leute aus dem Westen empören sich“, sagt Matthias Rau und nickt. Das sei eines der ersten deutsch-deutschen Missverständnisse nach der Wende gewesen. „Dann gab es die FKK-Strände, immer neben dem Hundestrand, und die guten Strände wurden zu Textilstränden. Vorher war alles gemischt.“

Rau glaubt, dass Naturisten „vielleicht nicht ganz so konservativ“ sind. Hängt es also auch mit der politischen Einstellung junger Menschen zusammen, dass sie nicht mehr nackt baden gehen? Oder doch eher mit dem Selbstbewusstsein, das mit dem Alter wächst? Lesniak hat eine andere Theorie: „Das liegt an Social Media“, sagt sie. Überall könnte ein Foto entstehen und ungewollt im Netz landen. Hinzu komme das auf den Plattformen allgegenwärtige Schönheitsideal, mit dem sich die jüngere Generation vergleiche.

Ein Weg, der zur Badewiese führt, heißt „Kamerun“. In der DDR wurde der Begriff als Synonym für Nacktheit verwendet. Hintergrund sei die Kolonialzeit, erklärt Matthias Rau, der in Berlin als Stadtführer arbeitet: „Die wilden Nackten“, sagt er. „Mich wundert, dass sich hier keiner daran stört“.

Warum sie kein Textil an ihrem Körper mögen, erklären die Naturisten am Tonteich so: Es zwickt, es bleibt lange nass und man wird nicht gleichmäßig braun. Eine Frau auf Krücken erklärt, dass sie das erste Mal nackt schwimmen war, weil in der Schwangerschaft der Bikini nicht mehr passte – und seitdem nie wieder einen trug. „Es fühlt sich einfach viel besser an.“ Sie erzählt aber auch, dass an der Badewiese manchmal ein Spanner unterwegs sei.

Glasklares Wasser in Bestensee bei Königs Wusterhausen: FKK ist hier Pflicht.

Glasklares Wasser in Bestensee bei Königs Wusterhausen: Durch FKK fühlen sich die Badegäste hier verbunden.

Maria Häußler

Etwas weiter nördlich, am Strandbad Zeesener See, tragen alle Textil. Auf FKK angesprochen antworten aber die meisten, dass sie selbst gerne nackt baden. Doch es klingt wie aus einer längst vergangenen Zeit.

Die 35-jährige Catlene aus Königs Wusterhausen trägt ein T-Shirt und eine kurze Hose am Strand. Als Kind an der Ostsee habe sie die Freikörperkultur erlebt, erzählt sie. „In Brandenburg macht das gerade an naturnahen Stränden jeder so, wie er will. Das finde ich unkompliziert.“ Sie selbst bade aber nur an kleinen Buchten nackt, wo wenig los ist.

„Bei uns war das Standard damals“, sagt die 59-jährige Kerstin Schiefelbein aus Zeesen, die in Kleidung am Kiosk sitzt. „Bei den Jugendlichen heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Die Zeit ändert sich eben.“ Heutzutage bade auch sie lieber nur noch im Aufstellpool im eigenen Garten nackt – mit Sichtschutz.