Fluglärm am BER: Extrem laut – erste Messungen in Waltersdorf geben Kritikern recht

In Waltersdorf steht eine neue mobile Messstation, die den Fluglärm am BER in Schönefeld aufzeichnen soll. Im Hintergrund der Antenne fliegt ein Flugzeug von Qatar Air.
Till Eichenauer- Fluglärm am BER wird seit 6. Mai 2025 in Waltersdorf gemessen; erste Daten zeigen 78,1 Dezibel.
- Hoffmann-Kurve ignoriert: Flugzeuge verursachen Lärm in Wohngebieten.
- Easyjet-Flieger hält Kurve ein, verursacht weniger Lärm (75 Dezibel).
- 80,5 Dezibel gemessen bei Lufthansa-Flug am 12. Mai.
- Messstation soll 30 Tage lang Daten sammeln.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es grummelt leise hinter den beschaulichen Einfamilienhäusern „am Kornfeld“ in Waltersdorf. Langsam steigt der Pegel, wird von den Hausfassaden zurückgeworfen und scheint von allen Seiten zu kommen. Während man noch versucht, die Richtung zu bestimmen, aus der das Brummen kommt, wird es schon zu einem durchdringenden Gebrüll.
Dann taucht plötzlich ein weißes Flugzeug hinter den Häusern auf und faucht so nah über die Dächer der Siedlung, dass man bequem den Text auf dem Bauch lesen kann: „Qatar“ steht dort in großen roten Buchstaben.
„Am besten ist es für uns, wenn der genau hier drüber fliegt“, sagt ein älterer Herr, der seinen Namen ‚aus Gründen‘ nicht in der Zeitung lesen will. Warum das so sei? „Na, weil jetzt das Ding da steht.“ Er deutet auf einen weißen Autoanhänger mit einem weißen Kasten, auf dem das Logo des BER und „Fluglärmüberwachung“ steht. An einer langen Antenne ragen einige Messinstrumente in den Himmel.
Fluglärm am BER: mobile Messstation in Waltersdorf
Der Anhänger ist eine mobile Messstation für den Fluglärm, der seit dem 6. Mai 2025 in einer verschlafenen Sackgasse in Schönefeld-Waltersdorf steht – gut zwei Kilometer entfernt vom östlichen Ende der Startbahn des BER. Der Anwohner, wie auch die Betreiber des Flughafens hoffen, dass der Apparat verlässliche Daten zum Fluglärm über Waltersdorf sammelt.
Die Daten kann jetzt jeder live auf der Fluglärm-Karte „Travis“ online mitverfolgen. Die Boeing 787 von Qatar Air mit Ziel Doha lässt den Wert der mobilen Messstation in Waltersdorf bis auf 78,1 Dezibel hochschnellen. Flughöhe 560 Meter. Die beiden anderen Messpunkte in der Schönefelder Nachbar-Gemeinde, die sich nördlich bzw. südlich befinden und fest installiert sind, bleiben deutlich darunter.

Ein Screenshot von der Fluglärm-Seite des BER zeigt die Messpunkte rund um den Flughafen. Der mittlere Wert zeigt die neue, mobile Messtation in Waltersdorf: 78,1 Dezibel.
Travisber/Screenshot Till Eichenauer„Die Region steht im Fokus, wegen der Debatte um die Hofmannkurve“, erklärt Sabine Deckwerth, Sprecherin des BER. Diese mobile Messtation soll 30 Tage lang objektive Informationen über den Lärm sammeln. Aufgestellt wurde die Anlage auf Wunsch der Fluglärmkommission.
Das ist die Hoffmann-Kurve
Die Hoffmann-Kurve ist eine spezielle Flugroute, die entwickelt wurde, um den Fluglärm in bestimmten Gebieten zu reduzieren.
Sie sieht vor, dass Flugzeuge nach dem Start eine bestimmte Kurve fliegen, um dicht besiedelte Gebiete zu meiden.
Am BER wird kritisiert, dass diese Kurve oft nicht eingehalten wird, was zu erhöhtem Lärm in Orten wie Waltersdorf führt.
Maßgeblich bei der Auswahl des Ortes beteiligt war auch Christine Dorn. Sie sitzt als Vorsitzende des Bürgervereins Brandenburg-Berlin (BVBB) in der Fluglärmkommission und beschäftigt sich fast ein Vierteljahrhundert mit dem Flughafen und den Auswirkungen auf die Menschen in der Region. Schon seit 2001, als die ersten Planungen für den BER präsentiert wurden. Seitdem hat sie mit Klagen und Petitionen für besseren Schallschutz in Häusern und gegen lärmende Flugrouten gekämpft.
Waltersdorf: Erste Messungen zeigen über 80 Dezibel
Christine Dorn will nicht warten, bis die Messungen abgeschlossen und ausgewertet sind und hat sich schon jetzt angeschaut, was die mobile Station in Waltersdorf gemessen hat. Auf ihrem Laptop zeigt sie die Flugkurve eines Lufthansa-Fluges nach Frankfurt (Main) vom 12. Mai, der den Messpunkt in nur 500 Metern überflogen hat. Das Ergebnis: 80,5 Dezibel. „Man kann auf den gespeicherten Daten sehen, dass das Flugzeug erst in der Mitte der Startbahn gestartet ist und deshalb deutlich weiter nach Osten ausholen muss.“ Ein Geräuschpegel von 80 Dezibel entspricht laut dem Fluglärm-Bericht des BER von 2023 einem vorbeifahrenden ICE mit 250 mit Kilometern in der Stunde in 25 Meter Entfernung.

Die Mobile Messstation für Fluglärm in Waltersdorf beim Flughafen BER. Der Ort im Wohngebiet wurde so gewählt, dass möglichst keine Störgeräusche die Messung stören.
Till EichenauerUnd damit ist man auch bei dem Problem, das die Fluglärm-Kritiker immer wieder vorbringen: Die sogenannte Hoffmann-Kurve wird nicht eingehalten, weil die Piloten nicht die gesamte Länge der Startbahn nutzen und in der Folge den Schlenker nach Süden erst über Waltersdorf vollführen. Eigentlich sollten die Piloten schon vor der Autobahn A113 nach rechts abdrehen. Die jetzt aufgestellte Messtation soll beweisen, welcher Lärm verursacht wird, wenn das nicht geschieht.
„Die Flugzeuge, die sich nicht an die Hoffmann-Kurve gehalten haben, sind bisher einfach zwischen den beiden Messtationen im nördlichen Waltersdorf und in Kiekebusch durchgeflogen“, sagt Christine Dorn. Knapp 200 Meter von der Station befindet sich auch die Kita „Robin Hood“ in Waltersdorf – hier wurde bislang schlicht noch nicht gemessen.
Hoffmann-Kurve am BER wird nicht eingehalten
Mit der neuen Messstation zeigt sich auch, dass Fluglärm in Waltersdorf vermieden werden kann, wenn sich die Piloten an die Hoffmann-Kurve halten. Wie es richtig geht, macht ein Easyjet-Flieger nach Edinburgh vor, der nur 20 Minuten nach dem Qatar-Air-Flug startet. Der Airbus A320 rollt am westlichen Ende der Startbahn los und verlässt diese schon weit vor dem östlichen Ende. Dadurch zieht der Flieger schon deutlich früher über die Hoffmann-Kurve nach Süden. In diesem Fall zeigt die Messstation in Kiekebusch 75 Dezibel – das Mikrofon neben der Kita in Waltersdorf bleibt währenddessen aber immer unter 60. „Damit könnten die Waltersdorfer gut leben“, so Dorn.

Ein Screenshot von der Fluglärm-Seite des BER zeigt einen Flug, der entlang der Hoffmann-Kurve fliegt. In der Folge ist der Lärm in Waltersdorf überschaubar.
Travisber/Screenshot Till EichenauerFluglärm-Kritiker, wie Christine Dorn und der Erfinder der Hoffmann-Kurve, Marcel Hoffmann, kritisieren, dass durch die kurzen Starts ab der Mitte der Rollbahn vermeidbarer Fluglärm in Kauf genommen wird. „Das Problem ist, dass die anderthalb Kilometer näher an der Kita mit dem Start beginnen und dann so tun, als ob der Lärm nicht vermeidbar wäre“, sagt Christine Dorn. Viel lauter noch als die Qatar-Wir-Maschine, die vom Anfang der Bahn gestartet ist, seien die Flugzeuge, die einen Kurzstart von der Intersection machen. Christine Dorn gibt einige Beispiele vom 11. Mai:
- 6.09 Uhr: KLI770 nach Amsterdam 84 dB(A)
- 7.24 Uhr: LX963 nach Zürich 81,3 dB(A)
- 7.40 Uhr: XQ967 nach Izmir 81,9 dB(A)
- 8.01 Uhr: EW8540 nach Ibiza 81,9 dB(A)
- 8.09 Uhr: XQ665 nach Antalya 80,2 dB(A)
Weniger Lärm in Waltersdorf würde sich auch Valentina Toma wünschen. Sie, Ihr Mann und ihre junge Tochter haben sich vor eineinhalb Jahren ein Haus direkt neben der jetzt aufgestellten Messstation gekauft. „Wir hatten uns das damals nicht ganz so schlimm vorgestellt.“ Wenn die Flugzeuge genau über den Ort fliegen, sei eine normale Unterhaltung selbst in der Wohnung nicht mehr möglich, sagt die junge Mutter.
„Ab und zu hast du hier zwei Stunden am Stück, wo es richtig Gedröhne ist. Da wackeln hier richtig die Wände“, fügt ihr Mann Benjamin hinzu. Dass es niemals richtig leise werden würde in Waltersdorf, wussten das Ehepaar schon vorher. Vielleicht tragen die neuen Messdaten neben ihrem Haus dazu bei, dass sie in Zukunft zumindest immer dann und wann mal eine kurze Ruhepause bekommen.


