Streik am Flughafen BER: Wie lebt es sich einen Tag in Waltersdorf ohne Fluglärm?

Der Himmel über Waltersdorf in der Nähe des Flughafen BER. Die Menschen in der Einflugschneise leben jeden Tag mit dem Fluglärm.
Till Eichenauer- Verdi-Streik legt am 18.03. den BER lahm: 445 Flüge fallen aus, 57.000 Passagiere betroffen.
- Waltersdorf erlebt seltene Ruhe: sonst bis 78 Dezibel, Flieger teils alle 5 Minuten.
- Anwohner berichten Belastung: Gespräche werden unterbrochen, Fenster im Sommer oft zu.
- Zusätzlich Verkehrslärm: L400, Amazon-Laster; Staus, Wunsch nach eigener Autobahnauffahrt.
- Nicht alle profitieren: Parkservice mit 350 Plätzen ohne Fahrten, Rückkehrer weltweit fest.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die über 700 Jahre alte Dorfkirche von Waltersdorf (Dahme-Spreewald) leuchtet im Sonnenschein. Kein Wölkchen ist am Himmel – und vor allem auch kein Flugzeug! Eine echte Ausnahme, denn das Gotteshaus aus Feldsteinen, steht nur gut zwei Kilometer entfernt vom Ende der südlichen Startbahn des Flughafens Berlin-Brandenburg.
Seit der Airport vor fünfeinhalb Jahren eröffnet wurde, fliegen bei Ostwind die startenden Maschinen im Abstand von wenigen Minuten über die 2000-Seelen-Gemeinde. Manchmal nur in 500 Meter Höhe. Die Messstation im Ort misst Spitzenwerte von bis zu 78 Dezibel – der Lautstärke eines klingelnden Weckers auf dem Nachttisch.
Heute (18.03.) startet und ladet aber nichts über Waltersdorf. Der Grund: Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) zum Streik aufgerufen. Die 445 Starts und Landungen, die für den Tag geplant waren, fallen aus – etwa 57.000 Passagiere werden heute nicht fliegen.
Fluglärm in Waltersdorf: „Es ist sehr, sehr laut“
Was für die Flugreisenden ein Ärgernis ist, ist für die Menschen in der Einflugschneise eine kleine Verschnaufpause vom Lärm. „Es ist sehr laut – wirklich sehr, sehr laut. Und es gibt Tage, da kommen die hier wirklich alle 5 Minuten rüber“, sagt Dominique Reykowski.
Der 28-Jährige hat sein ganzes Leben in Waltersdorf verbracht. Er sagt, der Lärm der Flieger verändert das Zusammenleben spürbar: „Wenn man draußen in einer Gruppe zusammensteht und es kommt ein Flieger, dann unterbricht man schon ganz automatisch das Gespräch. Und fängt erst wieder an, wenn er weg ist. Das hat man sich seit der Kindheit schon antrainiert.“

Dominique Reykowski engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Waltersdorf. Weggehen will er eigentlich nicht, aber „wegen der ganzen Gesetzgebungen zum Schallschutz ist es sehr schwer, sich hier ein eigenes Haus zu bauen“, sagt der 28-Jährige.
Till EichenauerGerade jetzt, wenn der Frühling beginnt, und vor allem im Sommer sei es besonders belastend, wenn man viel draußen ist oder gerne mal das Fenster offen hat, sagt Dominique Reykowski. Im Haus sei es relativ ruhig: „Durch das Schallschutzprogramm haben wir immerhin gute Fenster bekommen.“
Aber auf der Straße in Waltersdorf ist es auch an diesem Tag ohne Flieger oft schwer, ein Gespräch zu führen. Durch den Ort fahren am Tag Tausende Autos und Lkw. Zu den Stoßzeiten staut sich praktisch immer der Verkehr.
Lärm in Waltersdorf vom Himmel und der Erde
Am Ortseingang in Richtung Schulzendorf geht Sabina Hesse spazieren. Um sich dort zu unterhalten, muss man sich wegen des Verkehrs sehr anstrengen. „Es wäre schöner gewesen und entspannter, wenn Amazon seine eigene Auffahrt auf die Autobahn gebaut hätte“, sagt die Rentnerin Hesse. Zusätzlich zu den täglichen Pendlern fahren viele der Laster des Versandhändlers auf der L400 durch Waltersdorf und machen den Anwohnern das Leben schwer.
Dazu kämen an normalen Tagen noch die Flugzeuge: „Gerade das unangenehme, hohe Geräusch der Turbinen hört man hier. Manchmal ist es so laut, dass man Draußensein kaum genießen kann.“ Besonders in den späten Abendstunden sei es zunehmend belastend. Als sie vor 20 Jahren nach Waltersdorf gezogen ist, habe sie sich gesagt, wenn es einmal zu laut werde mit dem Flughafen, dann gehe sie weg. „Jetzt warten wir, bis mein Mann auch in Rente ist und dann suchen wir uns etwas Neues. Ganz woanders wahrscheinlich.“

Auf den Straßen von Waltersdorf wird es oft eng. Der Ort hat mit Lärm von Oben und von Unten zu kämpfen.
Till EichenauerAber nicht alle im Ort scheinen unter dem Lärm zu leiden. Reinhard Wolschon lebt seit 30 Jahren in Waltersdorf: „Man nimmt das nicht mehr wahr. Man hört’s kaum. Der Körper blendet das mit der Zeit aus.“ Nur in manchen Situationen störe ihn der Fluglärm noch, etwa wenn man beim Fernsehen einen Satz des Nachrichtensprechers verpasst, wenn eine Maschine tief über dem Ort ist. Er lasse sich davon aber nicht stressen, sagt der 67-Jährige noch, steckt sich seine Kopfhörer ins Ohr und setzt seinen Spaziergang fort.
Tatsächlich sind nicht alle in Waltersdorf froh, wenn der Flughafen Berlin-Brandenburg in der Nachbarschaft kurzfristig den Betrieb einstellt. Der Parkservice einfachgutparken.de macht mit Flugreisenden sein Geschäft. „Wir haben hier rund 350 Parkplätze. Die Leute kommen und stellen ihr Auto ab und wir fahren mit unserem Shuttleservice die Reisenden rüber zum Flughafen“, sagt Mitarbeiter Andreas Bree.
Heute gehe aber gar nichts, so Bree: „Die ganzen Anreisen sind abgesagt.“ An guten Tagen habe man 35 Fahrten, heute keine einzige. Zudem hätte man mit der Situation im Iran schon genug Probleme. „Die Leute hängen in Dubai, Thailand und der ganzen Welt fest und kommen nicht zurück, um ihre Autos bei uns abzuholen. Das bringt bei uns alles durcheinander.“
Immerhin Andreas Bree nutzt das schöne Wetter und die Ruhe in Waltersdorf, um ein paar Ausbesserungen am Büro der Firma zu machen. Und dann kreist gegen Mittag doch noch eine kleine Propellermaschine über Waltersdorf – und damit war es am Ende doch kein echter Tag ohne Fluglärm.


