Tierschutzhof Neuruppin
: Das grausame Schicksal von Hund Hope

Hope wurde in einer Scheune zum Sterben abgelegt. Dann half der Tierschutzhof Ostprignitz-Ruppin dem Hund. So wird Tieren in Not geholfen.
Von
Burkhard Keeve
Neuruppin
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So wurde die Hündin in einem Graben gefunden, mit gebrochenem Kiefer. Dann wurde sie zum Streben in eine Scheune gebracht. Doch dann kümmerte sich der Tierschutzhof in OPR um das verletzte Tier.

So wurde Hündin Hope in einem Graben gefunden, mit gebrochenem Kiefer. Dann wurde sie zum Streben in eine Scheune gebracht – bis sich schließlich der Tierschutzhof in OPR um das verletzte Tier kümmerte.

Martina Lahmer/Tierschutzhof

Schiefer Zahn, treuer und neugieriger Blick: Kaum kommt jemand zu Martina Lahmer auf den Tierschutzhof in Ostprignitz-Ruppin, ist Hündin „Hope“ schon an. Der Mischling will Zuneigung. „Hope" ist für sie der passende Name, wenngleich viele schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Da Tier wurde mit gebrochenem Kiefer in einem Graben gefunden. Kaputt, allein, hilflos, in einer Scheune abgelegt zum Sterben.

Dann rief doch jemand beim Tierschutzhof an. Für den Mischling war das die Rettung. Der Einsatz war zwar teuer, für Martina Lahmer aber ohne Alternative. Sie kannte einen Chirurgen in Berlin-Spandau, einen Spezialisten. „Ich rief ihn an, schickte ihm ein Foto und fragte: ,Können Sie da was machen?'" Eine Woche später wurde Hope operiert. Vier Stunden lang.

Im August 2024 wurden die Drähte entfernt. Von der Tortur ist dem freundlichen Mischling nichts mehr anzusehen – bis auf den schiefen Zahn, der aus dem Maul ragt. „Hope" scheint es niemandem krumm zu nehmen, was ihr schicksalhaft widerfahren ist. Im Gegenteil. Das Futter schmeckt, die Streicheleinheiten werden genossen.

Gute Nachricht: Es wurde ein neues Zuhause für das Tier gefunden. Im Oktober siedelt die um. Der Dank von Martina Lahmer geht an alle Spender, die für die vierstelligen Tierarzt-Kosten aufkamen.

Schlafen, dösen, fressen, gestreichelt werden. Für die Hündin Hope gibt es nach der OP wieder Hoffnung. Das freundliche Tier kommt bald in ein neues Zuhause.

Schlafen, dösen, fressen, gestreichelt werden. Für die Hündin Hope gibt es nach der OP wieder Hoffnung. Das freundliche Tier kommt bald in ein neues Zuhause.

Burkhard Keeve

Martina Lahmer und der Tierschutzhof in Neuruppin

20 Hunde, 25 Katzen leben auf dem Tierschutzhof zwischen Neuruppin und Rheinsberg. Tief versteckt im märkischen Nirgendwo. Abseits vom Schuss und fern ab von Nachbarn, die jeden Morgen um vier Uhr, in der Früh einen Rappel kriegen würden, wenn die 65-Jährige ihre Meute freilässt und Frühstück serviert. „Dann wird es laut.“

Sie wollte und will es so. Tiere aufnehmen, die in Not geraten sind, angebunden am Baum landen, misshandelt wurden, die keiner mehr will, weil sie zu alt, zu krank oder kaputt sind. „Sorgenfelle“, wie die Hunde heißen, die auf ein Zuhause hoffen, hat sie etliche: Dackelmix Pauli, die scheue Miss Molly oder der blinde Jack-Russel-Mischling Emil, der aus einem polnischen Tierheim gerettet wurde.

Liebt die Einsamkeit und ihre Tiere. Martina Lahmer, Chefin des Tierschutzhofs in Ostprignitz-Ruppin kümmert sich um Tiere in Not. Ein Tierheim gibt es in OPR nicht.

Liebt die Einsamkeit und ihre Tiere. Martina Lahmer, Chefin des Tierschutzhofs in Ostprignitz-Ruppin kümmert sich um Tiere in Not. Ein Tierheim gibt es in OPR nicht.

Burkhard Keeve

Was aber treibt eine gebürtige Berlinerin in die Einsamkeit aufs platte Land? Aber was heißt schon einsam? Sie hat ihre Tiere. Und die Liebe zu ihnen sitzt tief. Erzeugt in frühster Kindheit, geprägt durch ihre Eltern, die in Berlin den ersten Katzenschutzverein gründeten, wie sie erzählt.

Vorrangiges Ziel sei es gewesen, Streuner zu kastrieren. „Wir hatten nur eine kleine Wohnung, wenig Geld. Immer waren meine Eltern am Wochenende auf Flohmärkten, um etwas dazuzuverdienen.“ Nur um es wieder in die Katzen zu stecken.

Da müsse der Wunsch bei ihr entstanden sein, nach Platz, viel Platz für viele Tiere. „Schon als Kind wollte ich einen Bauernhof, keinen aus Holz zum Spielen, einen echten.“

Zunächst aber Abitur und ab über die Wolken. Zehn Jahre jettete sie als Stewardess durch die Welt. Doch die Tierliebe war nicht weg. Irgendwann drang sie heftig wieder an die Oberfläche, konnte nicht mehr warten. „Ich wollte unbedingt einen Hund.“

Dafür schmiss sie ihren Flug-Job, fing als Pharmareferentin an. Vertraglich abgesichert, dass sie ihren Hund überall mit hinnehmen kann. Gebongt. „Das Erste, was ich getan habe, ist ins Berliner Tierheim zu gehen und zu sagen: ,Ich will den ältesten, hässlichsten und schwer vermittelbaren Hund'.“ Kein Problem. Später kannten viele ihrer Pharma-Kunden in Deutschland ihre kleine Promenadenmischung, die das Reisen genoss.

Den Hof weitab vom Schuss, irgendwo zwischen Rheinsberg und Neuruppin, fand Martina Lahmer 2003. Hier wimmelt es von frei laufenden Katzen, wenn sie sich sehen lassen.

Den Hof weitab vom Schuss, irgendwo zwischen Rheinsberg und Neuruppin, fand Martina Lahmer 2003. Hier wimmelt es von frei laufenden Katzen, wenn sie sich sehen lassen.

Burkhard Keeve

Nach der Wende streckte die Berlinerin ihre Fühler nach einem Hof in Brandenburg aus, studierte die Anzeigen in den Tageszeitungen. „Es gab da eine Rubrik Bauernhöfe-Resthöfe“, erinnert sich Martina Lahmer. Sechs Jahre dauerte die Suche. Dann passte es: 12.000 Quadratmeter, Scheune, Remisen, Wohnhaus. Sie konnte sofort einziehen. Das war 2003. Arbeiten wollte sie nicht mehr. „Ich hatte sparsam gelebt. Jetzt muss die kleine Rente reichen.“

Die einsame Alleinlage, zwei Kilometer Holperweg liegen zwischen ihrem Hof und der Ruppiner Zivilisation, hütet sie. Es sei besser, niemand wisse, wo sie lebe, sagt sie. So bleibe sie mit ihrer Tierwelt geschützt, störe niemanden. „Meine Telefonnummer kann jeder haben.“

Auch zwischendurch bekommen die Vierbeiner auf dem Tierschutzhof mal ein Leckerli. Zum Hof gehören noch zwei Pflegestellen, die Hunde so lange pflegen, bis sie vermittelt werden. Gerne hätte sie noch mehr dieser Stellen.

Auch zwischendurch bekommen die Vierbeiner auf dem Tierschutzhof mal ein Leckerli. Zum Hof gehören noch zwei Pflegestellen, die Hunde so lange pflegen, bis sie vermittelt werden. Gerne hätte sie noch mehr dieser Stellen.

Burkhard Keeve

Sie bezeichnet sich als geselligen Menschen. Eine Freundin lebt mit auf dem Hof, hilft, wie andere Tiermenschen, die zum Gassigehen kommen, oder wenn es mal wieder zum Tierarzt geht. Auch einige Futterstellen für frei laufende Katzen versorgt sie mit Nachschub. Immer ist etwas zu tun. Da freut sie sich, dass ihre Freundin „handwerklich geschickt ist“.

Ihre Katzen haben übrigens lebenslanges Haus- und Hofrecht. Dürfen bleiben oder gehen, wie sie wollen. Die meisten bleiben. Gibt ja schließlich Futter und Schlafplätze genug. Ganz selten wird auch mal eine vermittelt, aber wirklich ganz selten. Sie sorgt eigentlich nur dafür, dass sie gesund und kastriert sind.

Jedes Jahr werden rund 30 Hunde vermittelt

Anders sieht es bei den bellenden Vierbeinern aus. 30 Tiere im Jahr bringt sie unter. Aber nicht an jeden und nicht ohne genau abzufragen, wieso, weshalb, warum und vor allem wo. Die ersten Bewerbungen laufen übers Telefon. „Ich kriege sofort heraus, ob es jemand ernst und gut meint“, sagt Martina Lahmer. Potenzielle Kunden müssen dann noch ein Video über Whatsapp schicken, wie sie wohnen. Erst dann kommt es zum ersten echten Tier-Mensch-Kontakt.

Als sie 2003 den Hof kaufte, pendelte sie noch einige Jahre zwischen JWD und Berlin hin und her. War nur am Wochenende war sie draußen. Tagsüber versorgte ein Bekannte ihre Tiere. Vor 15 Jahren, mit 50 und frisch gekündigt, zog sie dann komplett um. Schnell hat sie Freunde, Gleichgesinnte gefunden, die sie auch heute noch täglich besuchen und unterstützen.

Aber Geld ist immer knapp. Allein die Futterkosten belaufen sich auf 1000 Euro im Monat. Plus Tierarzt, geht es ins Fünfstellige im Jahr. Ohne Spenden ginge nichts mehr, sagt sie. Aber sie ist gut vernetzt. Sie weiß genau, so ein Fall wie „Hope" geht ans Herz. Da wird gerne gespendet. Sie hat auch einige Paten, die monatlich etwas geben für die Unvermittelbaren, die trotzdem leben wollen.

Natürlich werden auch die Katzen nicht vergessen. Diese haben ein lebenslanges Aufenthaltsrecht bei Martina Lahmer, weil sie kaum vermittelbar seien,

Natürlich werden auch die Katzen nicht vergessen. Diese haben ein lebenslanges Aufenthaltsrecht bei Martina Lahmer, weil sie kaum vermittelbar seien,

Burkhard Keeve

Von offizieller Seite wird sie nicht unterstützt. Als Verein kann sie Spendenbescheinigungen ausstellen. Ein Tierheim wie im Nachbarlandkreis Oberhavel gibt es in Ostprignitz-Ruppin nicht. Aber dieselben Sorgen. „Ich bin knüppelvoll.“ Hätte sie mehr Pflegestellen, die Hunde so lange betreuen und pflegen, bis sie vermittelt sind, könnte ihr Tierschutzhof wieder Tiere aufnehmen. Aber so? Nein.

„Ich habe zwei Pflegestellen. Ich wünschte, ich hätte mehr.“ Der Wunsch klingt nach Appell. Ganz zu Beginn hatte sie einmal zehn Schafe und einen Golfrasen auf dem umzäunten Gelände. Dann kamen Wölfe und sie hatte zehn tote Schafe in einer Nacht. „Das war vor 15 Jahren.“ Da lag das Wolfsproblem von heute noch in weiter Ferne. Jetzt lässt sie der Natur ihr Recht. „So etwas will ich nicht noch einmal ansehen müssen.“

Die flauschige Miss Molly gehört zu den Sorgenfellen des Tierschutzhofes. Sie ist lieb, aber sehr scheu und hat Angst vor Menschen.

Die flauschige Miss Molly gehört zu den Sorgenfellen des Tierschutzhofes. Sie ist lieb, aber sehr scheu und hat Angst vor Menschen.

Burkhard Keeve

Im zugewachsenen Terrasse sitzen an diesem Vormittag die Jungschwalben und putzen sich den Regen vom Gefieder. Links und rechts haben sich blinde und sehende Vierbeiner auf ihre Decken ausgestreckt. Hope schläft auf einem Sessel. Rechts sind die Katzen. Geschützt durch hohe Zäune und eine Schleuse. Tür auf, Mensch rein (ohne Hund). Tür zu. Nächste Tür auf, dann geht das Gewusel los. Martina Lahmer hat Futter dabei. Das lassen sich die sonst scheuen Miezen nicht entgehen.

Kontakt zum Tierschutzhof: Telefon 0177 8903041, Mail: tierschutzhof-OPR@gmx.de