Impfstoff gesucht: Oberhaveler Forscher entwickelt synthetisches Coronavirus
Diese synthetisch hergestellten Klone werden nun von Forschergruppen weltweit eingesetzt, um Corona-Proben zu testen, antivirale Medikamente zu finden, und möglichst rasch Impfstoffe zu entwickeln. Nach Veröffentlichungen in Fachpublikationen „sind wir weltweit von den größten Universitäten kontaktiert worden, die diese Klone haben wollen“, so der Wissenschaftler. Auch deshalb, weil die in Bern entwickelte Methode künftig auch für die Bekämpfung anderer hochinfektiöser Viren verwendet werden kann.
Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.
In dem Hochsicherheitslabor des Instituts für Virologie und Immunologie (IVI) des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV in Mittelhäusern und an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern gelang es den Forschenden, das Coronavirus aus synthetischer DNA zu rekonstruieren. Dafür wurden DNA-Kopien, die Teile des Coronavirus-Erbguts enthalten, in Hefezellen eingeschleust und darin zu einer vollständigen Kopie zusammengesetzt. Anschließend konnten die Forschenden daraus infektiöse Coronaviren herstellen.
Vor seiner Arbeit in Bern hatte Jörg Jores bereits elf Jahre in Kenia zu Tierkrankheiten geforscht und die Hefezellen-Methode entwickelt. In Bern haben die Forscher das Coronavirus „innerhalb von nur einer Woche nachgebaut“, erläuterte Professor Volker Thiel vom Institut für Virologie und Immunologie (IVI). Dafür verwendeten die Forschenden ein System aus Hefezellen, das in Bern entwickelt wurde und das sich nun erstmals in einer Epidemie bewährt hat. „Wir haben dieses System so optimiert, dass wir Coronaviren und andere Viren schnell klonen können“, ergänzt der Veterinärbakteriologe Professor Jörg Jores. Das Virus sei zudem mit einem grünen Farbstoff markiert worden. „Damit lässt es sich besser testen.“ Diese Berner Methode ermöglicht eine schnelle Reaktion auf neuartige und sich rasch ausbreitende Viren und deren Eigenschaften in Echtzeit – also noch während eines Ausbruchs.
Die provisorischen Ergebnisse der Studie, für die sich auch die Welt-Gesundheitsorganisation WHO interessiert hat, waren bereits auf einem sogenannten Preprint-Server der wissenschaftlichen Diskussion zur Verfügung gestellt worden. Nun wurden die definitiven Ergebnisse im Journal Nature publiziert.
Die Wissenschaftler in der Schweiz unterstützen mit den synthetischen Klonen bisher zahlreiche Diagnostiklabors weltweit, die damit genauere und schnellere Tests von Corona-Proben durchführen können. Zusätzlich erhalten die Berner Forschenden zahlreiche Anfragen von Firmen und anderen Forschenden, um mögliche Wirkstoffe gegen das Virus im Hochsicherheitslabor an den Klonen zu testen. „Dafür muss kein Virus hin- und hergeschickt werden. Die Sequenz ist einfach nachzubauen“, so Professor Jörg Jores.
Bereits im Januar hatten Epidemiologen des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern die Ausbreitung des Coronavirus berechnet. Die Erkenntnisse der jetzigen Studie wurden der WHO noch vor der Publikation zugestellt und dienten dort der Einschätzung der weltweiten Lage.
Jörg Jöres ist 50 Jahre alt. Aufgewachsen ist er in Neuholland, wo er auch zur Grundschule ging. Nach seiner Zeit an der Oberschule in Liebenwalde machte er sein Abitur am Oranienburger Runge-Gymnasium. Regelmäßig besucht er seine Eltern, die in Liebenwalde leben, und seinen Zwillingsbruder Jesco Jores, der in Lehnitz wohnt und Chefarzt der Chirurgie in Hennigsdorf ist. Zuletzt war er im Januar zu Besuch in Oberhavel. „Heimat ist Heimat“, sagt Jöres. Wenn er zu Besuch ist und Zeit hat, entspannt er sich gern beim Angeln oder bei der Jagd gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Vater. Jörg Jores ist verheiratet mit Anne Fischer (aus dem Elsass) und hat zwei Töchter (sechs und acht Jahre).
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Wie das Coronavirus geklont wurde
Viren sind wie Parasiten auf eine Wirtszelle angewiesen, um sich zu reproduzieren – sie dringen in Körperzellen ein und programmieren diese so um, dass sie neue Viren herstellen. Diese treten aus der Zelle aus und werden beispielsweise durch Tröpfcheninfektion mittels Husten oder Niesen weiterverbreitet.
Im Berner Modell wurden Stücke des Erbguts des Coronavirus aus synthetischer DNA hergestellt und in Hefezellen mittels der sogenannten transformations-assoziierten Rekombination (TAR) wieder zusammengesetzt.
Das Ergebnis war ein künstliches Hefe-Chromosom, auf dem die Erbinformationen des Virus gespeichert waren. Anschließend wurde in vitro (ohne Hefe-Zellen) mittels der sogenannten T7-RNA-Polymerase infektiöse RNA (Ribonukleinsäure) erzeugt, die in tierische Zellen eingeschleust wurde. In diesen Zellen vermehrten sich dann neue, synthetische Coronaviren – die Klone waren entstanden.⇥red


