Am Aberglauben der Menschen änderte die im 18. Jahrhundert einsetzende Phase der Aufklärung zunächst nicht viel. Doch immer mehr kluge Leute stellten sich in den Dienst der Aufklärung. Zu ihnen gehörte zweifelsfrei Samuel Christoph Wagener (1763-1845). In Rathenow war er seit den 1790er Jahren bei den in der Neustadt in Garnison liegenden Leib-Karabinier (Kürassiere) als Prediger tätig. Er war Teil der Gesellschaft und mit allerlei Offizeren, Bürgern und Geistlichen aus Stadt und Umland bekannt.
Freilich hatte Wagener auch Kontakt nach Stechow, wo Vertreter der Familie Hülsen seit 1777 das Pfarramt ausübten. Zu Wageners Zeiten war das Christian Gottfried Hülsen. Und der hat dem Mann aus Rathenow eine Geschichte zugetragen, die sich 1798 im Buch „Die Gespenster: Kurze Erzählungen aus dem Reiche der Wahrheit“ (Teil 2) wiederfinden sollte. Was war in Stechow geschehen?

Fräulein Hake mit Prediger Hülsen gut bekannt

Laut Wageners Wiedergabe der Ereignisse wohnte Ende der 1770er Jahre ein Fräulein von Hake auf dem herrschaftlichen Gut in Stechow. Sie war eine Nichte des damaligen Gutsbesitzers. Vormals war sie sogenannte Hof- und Staatsdame in Herford. Wegen schlechten Gesundheitszustands hatte sie dort Abschied genommen, um die letzten Lebensjahre in Ruhe verbringen zu können. Wagener betonte ihren Charakter: „Sie vereinte in sich die achtungswürdigsten Eigenschaften, die des Verstandes und des Herzens. Ihr Umgang gewährte dem Prediger  des Ortes, Herrn Hülsen, die lehrreichste und angenehmste Unterhaltung.“ Sie soll frei von Vorurteilen und Aberglauben gewesen sein. Das kam der Frau nun zu Gute.
Fräulein Hake bewohnte das oberere Stockwerk eines Gebäudeteils, in dem niemand weiter schlief als die Frau selbst und ihre Kammerjungfer. In Rufweite befand sich ein Wirtschafter, der dem Fräulein bei Bedarf  mit Hilfeleistungen zur Verfügung stand. „Ihre Kränklichkeit war von der Art, dass sie fast beständig Mangel an Schlaf litt und durch das geringste Geräusch geweckt werden konnte“, so Wagener. Kein Wunder also, dass sie einst in einer finsteren Frühlingsnacht des Jahres 1778 aus dem Schlaf gerissen und heftig erschreckt wurde. Die Rede ist von spukhaftem Poltern.

Auch die Kammerjungfer aus dem Schlaf gerissen

Das Geräusch klang, als würde der Russ aus der Röhre abgekratzt. Nachdem es kurz aufgehört hatte, setzte es sich noch lauter und mit neuen Tönen fort. Das Geräusch wanderte, wie es schien, ohrenscheinlich bis vor die Stubentür des Fräuleins. Auch die Kammerjungfer wurde nun aus dem Schlaf gerissen: „Man horcht, denkt nach, was das natürliches sein könnte, flüstert sich Vermutung zu, ohne jemals auf die richtige zu kommen“, so Wagener weiter.
Das Poltern verstärkte sich noch. Das Fräulein befahl der Kammerjungfer, vor der Türe nachzusehen. Doch voller Schauer weigerte sie sich.  Fräulein Hake raffte sich auf, öffnete selbst die Tür und rief zunächst nach dem Wirtschafter. Doch plötzlich nahm die Frau die Konturen einer hüpfenden Gestalt wahr, die heftige Klatschgeräusche machte. Fräulein Hake schlug fix die Tür zu, bis endlich der Wirtschafter kam.
Bei näherer Untersuchung entpuppte sich der Poltergeist als eine Eule, die durch den Schornstein gefallen war. Wagener pries abermals den Charakter des Fräuleins und die günstigen Umstände, die zur Klärung des Falls beigetragen hatten. Sonst hätte sich daraus womöglich eine echte Spuk- und Geistergeschichte entwickeln können. Die Eule war derweil auf den Kornboden des Guts gebracht worden, wo sie sich bis zu ihrem Tod im nächsten Winter von Mäusen ernährte.