Die Rathenower Optischen Werke (ROW) zählten im Wendejahr 1989 noch fast 4.500 Mitarbeiter. Wohl die wenigsten werden ernsthaft darüber nachgedacht haben, aus welcher Masse ihr Volkseigener Betrieb geformt worden war, der zu DDR-Zeiten praktische alle Brillen für das Volk produziert hatte.  

Emil Busch AG und Nitsche & Günther AG im Jahr 1945 enteignet

1945 war das Jahr der Enteignung von Emil Busch AG und Nitsche & Günther AG. Beide waren zuvor vollständig in die Rüstungsproduktion eingebunden und hatten Zwangsarbeiter eingesetzt. Aus Nitsche & Günther wurde zunächst der Betrieb Rathenower Optische Werke mbH, der 1948 mit der Emil Busch AG zum sozialistischen VEB ROW fusionierte. Doch gab es im Westen Deutschlands eine marktwirtschaftliche Fortsetzung der Industriegeschichte.

NiGuRa: Nitsche - Guenther - Rathenow

Schon Anfang der 1940er Jahre wurde im altmärkischen Osterburg ein Nitsche-&Günther-Zweigbetrieb gegründet. Dieser wurde 1948 enteignet. Die Familiengesellschafter verlegten den Firmensitz nach Düsseldorf und produzierten „NiGuRa“-Brillen. Das Kürzel stand für Nitsche - Guenther - Rathenow.

Erst von Rodenstock geschluckt, dann nach Hongkong verkauft

NiGuRa bestand fort, bis die Firma 1981 vom in München ansässigen Rodenstock-Konzern geschluckt wurde. 2003 wurde die Tochtergesellschaft mit Metzler, einer anderen Tochtergesellschaft, vereint und an die Moulin Global Eyecare Ltd. Hong Kong verkauft. Diese geriet in finanzielle Schieflage, was auf NiGuRa-Metzler durchschlug. Im Juni 2005 musste die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt werden.

2012 erfolgte der Abschied vom Brillenmarkt

Die Sanierung gelang nach Verkauf an die europäische Investmentgesellschaft SISU Capital Limited. Doch musste sich die NiGuRa Metzler Optics International GmbH im November 2012 wegen erneuter Insolvenz endgültig vom Markt verabschieden. Im März des Jahres hatte die GmbH einen neuen Mehrheitsgesellschafter aus Asien erhalten, der alsbald und völlig überraschend seine finanzielle Unterstützung einstellte.

Emil Busch GmbH ging in der Carl-Zeiss AG auf

Eine kurze Geschichte rankt sich um die Fortsetzung der Emil Busch AG nach 1945. Das Unternehmen hatte seinen Sitz nach Göttingen verlegt, firmierte 1953 in eine GmbH um und setzte zunächst auf Brillengläser. Die Emil Busch GmbH spezialisierte sich in der Folge auf optische Messinstrumente und ging in  der Carl-Zeiss AG auf. Das war der nach 1945 entstandene westliche Spross des Traditionsunternehmens aus Jena.
Kurz  nach Kriegsende  hatten die USA viele Spezialisten und die Geschäftsführung in die südwestdeutsche Zone gebracht, während die sowjetischen Besatzer später den Betrieb erst fast vollständig demontierten und 1948 verstaatlichten.