Wie in einem post-apokalyptischen Dorf wuchern bei Döberitz hohe Pflanzen um zahlreiche Gebäude. Im laubfreien Winter ist besser zu erkennen, wie es auf dem früheren Betriebsgelände der nicht mehr bestehenden Novoktan GmbH aktuell aussieht.
Rund 26 Hektar groß ist das umzäunte Gelände südlich des Premnitzer Ortsteils Döberitz, auf dem mit Unterbrechung seit Mitte der 1930er Jahre Antiklopfmittel (Tetraethylblei/TEL) für Flugzeugbenzine hergestellt wurden. Weil seit Anfang der 2000er Jahre EU-weit kein verbleites Benzin mehr verkauft werden darf, wurde seinerzeit die Produktion eingestellt.

Post-apokalyptische Atmosphäre: Natur erobert sich in Döberitz Lebensräume zurück

Auf dem Gelände der früheren Novoktan GmbH hat sich die Natur Lebensräume zurückerobert. Die Kulisse erinnert an post-apokalyptische Filme. Vor Gebäuden wie dem der damaligen Betriebsfeuerwehr, eines Kraftwerks, einer Wäscherei und Kantine wuchern Bäume. Indessen prangt seit Anfang 2022 der Name Bluespear am Tor.
Das international operierende Sicherheitsberatungs- und Schulungsunternehmen mit Sitz in Genk in der belgischen Provinz Limburg erachtet die Verhältnisse als günstig und will eine Trainingsakademie schaffen. René Zarnikow, der in Premnitz ein Sicherheitsunternehmen führt, hat nach eigenem Bekunden die Blicke der Belgier auf das Gelände gelenkt. Bluespear hat es daraufhin gemietet.

Bluespear im Havelland: mehr möglich als nur Überlebenstraining für UN-Mitarbeiter

Verhalten bei Entführung und Überleben in Gefangenschaft und Wildnis gehören zum Portfolio. Etwa UN-Mitarbeiter lassen sich von Bluespear auf Einsätze in Kriegs- und Katastrophengebieten vorbereiten. Doch Zarnikow denkt inzwischen größer und erhält Zuspruch auch vom Chef des Feuerwehrtechnischen Zentrums (FTZ), das der Landkreis Havelland in Friesack betreibt. Sebastian Lodwig, im Ehrenamt Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW) in Rathenow und aktuell SPD-Bürgermeisterkandidat in der Kreisstadt, bestätigt das von Zarnikow ausgemachte Potenzial des Geländes. Denn Übungszentren für Behörden gibt es nur sehr wenige in Deutschland. Etwa die Fighting City in Berlin sei ganzjährig ausgebucht, so Lodwig.
Bei der Fighting City (Ruhleben) handelt es sich im Ursprung um ein britisches Schulungszentrum für Häuserkampf. Es gehört jetzt der Landespolizei. Spezialeinsatzkommandos, Personenschutzgruppen, Feuerwehr und THW können dort üben.
Gemeinsam mit René Zarnikow, dem Premnitzer Bürgermeister Ralf Tebling (SPD), der in der Stadt für Wirtschaftsförderung zuständigen Anja Führlich und Journalisten blickte Lodwig in dieser Woche hinter den Döberitzer Zaun. Im Grunde könnten dort alle Rettungskräfte, Katastrophenschützer und polizeilichen und militärischen Sondereinsatzkräfte trainieren. Neben Häusern und Straßen gibt es sogar Gleisanschluss. Als Kulisse für Filmproduktionen mit post-apokalyptischen Handlungen würde das Gelände freilich auch taugen.

Artenschutzrechtlich keine unüberwindliche Hürden

Jene sumpfartigen Bereiche, wo sich womöglich wieder seltene Tierarten wohl fühlen könnten, sollen von der Nutzung ausgenommen sein, so Zarnikow. Das würde dort reichlich Raum für Ausgleichsflächen ermöglichen, so Bürgermeister Tebling. Wie er weiter vor Ort berichtete, müsse zur Umnutzung des Geländes zuvor ein Bebauungsplanverfahren durchlaufen werden, das freilich der Eigentümer finanzieren müsste. Wie er aus erster Hand, von Kreisdezernent Michael Koch, erfahren habe, würden der Idee keine unüberwindlichen Belange in Sachen Artenschutz entgegen stehen. Wie René Zarnikow erklärt, würde Bluespear das Gelände gern erwerben. Noch ist das belgische Unternehmen nur Mieter.

Neubau auf Fundamenten eines Werks aus den 1930er Jahren

Aktuell gehört die gesamte Immobilie der britischen Firma Innospec, die bis 2006 unter dem Namen Octel Company firmierte. Die Novoktan GmbH war ein Tochterunternehmen. Octel hatte das Gelände der schweizerischen Alcor Chemie GmbH abgekauft, die es 1990 von der Treuhand erworben hatte. Die heute bestehenden Gebäude stammen aus jenen frühen DDR-Zeiten, als die Antiklopfmittel-Produktion nach Wiederrichtung des Werks wieder angefahren wurde. Das in den 1930er Jahren errichtete Werk war 1946 durch die sowjetische Besatzungsmacht komplett demontiert worden. Übrig blieben nur Fundamente und teils Bereiche, in die man auch heute besser keinen Fuß setzt.
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