Rund 1,1 Millionen Euro: Das ist der geschätzte Preis für eine Kanzel nach Vorbild des barocken Originals, das sich bis 1945 in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche im westhavelländischen Rathenow befand. Eine Spendenaktion dafür ist 2021 angelaufen. 500 Euro steuerte zuletzt ein ehrenamtlich tätiger Mann Gottes aus Neuruppin bei.
Der 1996 gegründete Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche sieht seine Mission erfüllt, wenn die Kirche schlussendlich auch über eine neue große Orgel und eine Kanzel verfügt, die eine Nachschnitzung des barocken Originals darstellen würde. Laut Förderkreischef Heinz-Walter Knackmuß hat die Tischlerfirma Spatzier in Wiesenburg (Mark) eine Kostenschätzung abgeliefert: Genau 1.090.613,24 Euro werden demnach benötigt. Dem Projekt hat der Verein eine eigene Spendenaktion gewidmet, die am 26. September 2021 gestartet wurde. Seither sind rund 16.500 Euro eingegangen. „Das ist eine Summe in Rekordzeit für den Förderkreis“, so Knackmuß.
Zuletzt hat Kevin Kama aus Neuruppin gespendet. Er ist als Lektor tätig. Das ist die Bezeichnung für Ehrenamtliche in evangelischen Kirchengemeinden, die sogar Gottesdienste leiten dürfen. Bei der neuesten Förderkreis-Spendenaktion hatte Kama seinerzeit für den Auftakt gesorgt. Denn den Gottsdienst, in dem sie gestartet wurde, hatte dieser Lektor geleitet. An dem Tag spendete er die ersten zwölf sogenannten Kanzelstifterbriefe im Gesamtwert von 600 Euro. Zuletzt reichte Kama 500 Euro an den Förderkreis weiter, dem er selbst angehört. Als Kevin Kama am 6. Januar 2022 seinen 29. Geburtstag feierte, hatte er um Kanzel-Spenden statt Geschenke gebeten. In der Nachschnitzung sieht er ein unterstützenswertes Projekt.

Unten Moses, oben Jesus

In besten barocken Zeiten hatte Johann Vorberg die Kanzel im Jahr 1709 für die Sankt-Marien-Andreas-Gemeinde angefertigt. Es habe sich um ein spätes Werk seiner gereiften Meisterschaft gehandelt, schwärmt Knackmuß, ein Kunstwerk von einmaliger Schönheit, wie keine Kanzel, die Vorberg zuvor geschnitzt hat, in Parey an der Elbe oder in Neuendorf am Damm.
„Dieser elegante kraftvolle Mose mit dem langen schwarzen Bart als Kanzelträger mit den 10 Geboten auf zwei Gesetzestafeln und die 12 Apostel mit ihren Insignien, die ja den meisten Christen vertraut sind: Petrus mit dem Schlüssel, Andreas mit dem Andreaskreuz, Jakobus mit der Jakobsmuschel, Johannes mit dem Kelch und Matthäus mit der Bibel und einer Schreibfeder. Und oben auf dem Baldachin Jesus Christus, der die Stadt segnet“, erklärt der bibelfeste Vereinsvorsitzende.

„Eine Kanzel gehört in die Kirche wie der Ball auf’s Fußballfeld“

Wie Knackmuß weiter ausführt hatte diese Kanzel als Besonderheit zwei Kanzelkörbe. Eine Säule mit einer umlaufenden Ranke trug den zweiten Kanzelkorb. Beim Gottesdienst am 26. September 2021 habe Kevin Kama darin den biblischen Bezug zu dem Jesuswort aus dem Johannesevangelium gesehen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Johannes 15,5). „Eine Kanzel gehört in die Kirche wie der Ball auf’s Fußballfeld oder das Amen am Ende des Gottesdienstes“, habe der Lektor gesagt.
Freilich ist das auch dem Förderkreis seit Bestehen bewusst. Als sich dieser gründete, habe es aber andere Prioritäten gegeben als eine barocke Kanzel nachzuschnitzen, so Knackmuß: „Der Wiederaufbau des Chorraums, der Aufbau des Turms und der Kreuzgewölbe waren wichtiger.“