Die nach Jenny Marx benannte Kindertagesstätte in Rathenow Ost besteht seit einem halben Jahrhundert. Das Jubiläum wurde am Donnerstag, 7. April 2022, gefeiert, auf den Tag genau 50 Jahre nach Eröffnung. Seinerzeit gehörte Ingrid Frehle als Krippenerzieherin zum Personal im Haus. Am Kita-Geburtstag gehörte sie zu den Gästen.
Ingrid Frehle (Jahrgang 1948) hat in ihrem Berufsleben zwei Systeme kennengelernt. Autoritär geprägt waren die Zeiten vor 1990, danach antiautoritär. Als sie ins Berufsleben einstieg, war noch Walter Ulbricht der starke SED-Mann in der sozialistisch, planwirtschaftlich und vor allem zentralistisch agierenden DDR. Erich Honecker gelangte erst im Jahr 1976 an die Hebel der Macht. In heutigen Zeiten kaum vorstellbar, dass Frehles erster oberster Dienstherr das Ministerium für Gesundheitswesen (MfG) war.

Nach Mefa-Abschluss in Brandenburg an der Havel ging es zunächst nach Premnitz

Die Rathenowerin hatte eine Ausbildung zur Krippenerzieherin angestrebt, wofür sie nach Abschluss der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule (POS) für drei Jahre nach Brandenburg an der Havel musste. Da Krippen dem MfG unterstanden, war auch die Ausbildungsstätte eine Einrichtung des Gesundheitswesens. Ingrid Frehle besuchte die Medizinische Fachschule (Mefa).
Im Anschluss konnte sie sich nicht einfach irgendwo bewerben. Sie wurde in eine Krippe in der Stadt Premnitz geschickt. Dort arbeitete sie etwa zweieinhalb Jahre lang, ehe es endlich nach Rathenow gehen konnte.

„Jenny Marx“ war erste Kinderkombination (Kiko) in Rathenow

Im Osten der Stadt befand sich das „Jenny Marx“-Neubauprojekt auf der Zielgeraden. Ab Januar 1972 gehörte die Erzieherin zum Team, damals Kollektiv genannt. Noch wurde der künftige Arbeitsplatz eingerichtet, wobei das Personal half. Am 7. April war Eröffnung. Für Rathenow war das eine Premiere: Laut Ingrid Frehle eröffnete die erste Kinderkombination (Kiko). Krippe und Kindergarten unter einem Dach hatte es bis dahin in der Stadt noch nicht gegeben. Doch war die räumliche Nähe auch schon alles, was die beiden Einrichtungen verband.
Die Bereiche waren strikt voneinander getrennt. Das lag insbesondere auch daran, dass die Erzieherinnen im Kindergarten einen anderen Dienstherren hatten. Das war das Ministerium für Volksbildung, das Margot Honecker seit 1963 führte. Für das Gesundheitswesen – inklusive der Krippen – war ab 1971 Ludwig Mecklinger zuständig. Erst nach Wende in der DDR und deutscher Wiedervereinigug wurden Krippen und Kindergärten zu Kindertagesstätten (Kita) zusammengefasst.
Nach Ende des zentralistischen Systems, gingen die Einrichtungen in kommunale Trägerschaften über. Die städtische Kita „Jenny Marx“ besteht inzwischen also schon weit länger als es die Kiko in der Karl-Gehrmann-Straße gab. Die 18 Arbeitsjahre in der DDR hatten freilich Ingrid Frehle stark geprägt.

Krippenkinder „trocken“ im Laufe des ersten Lebensjahres

Aus Frehles Zeiten im Arbeiter- und Bauernstaat resultieren einige durchaus erwähnenswerte Angaben. So etwa sagt sie, dass Kinder in der Regel zwischen dem vierten und fünften Lebensmonat in Krippen aufgenommen wurden. Heute haben unter einjährige Kinder im Land Brandenburg nur einen Rechtsansruch auf Kita-Betreuung, wenn es die familiäre Situation erforderlich macht. Laut Janine Meißner (Jahrgang 1986), Leiterin der Kita „Jenny Marx“, wurde das bislang jüngste Kind im Alter von einem halben Jahr in die Krippe gebracht.
Im Arbeitsleben sind sich die beiden Frauen nie in der Karl-Gehrmannn-Straße begegnet. Zwei Jahre bevor Janine Meißner 2018 die Leitung der Einrichtung übernahm, war Ingrid Frehle in Rente gegangen.
Und wie schnell waren DDR-Krippenkinder „trocken“? Frehle meint, dass das zu beinahe 100 Prozent im Laufe des ersten Lebensjahres der Fall war. Meißner sagt, dass aktuell 98 Prozent aller „Jenny Marx“-Krippenkinder noch in den Windeln stecken. Ein Grund ist, dass das von alten DDR-Fotos her bekannte „Topfen“, also in Reihe auf Plastetöpfen sitzende Kinder, heute nicht mehr praktiziert wird. Hierbei spielen Elternwünsche eine wichtige Rolle. Sicher leisten auch Einweg-Windeln ihren Beitrag, da heutigen deutschen Kleinkindern in der Regel das miese Gefühl von vollen Baumwollwindeln vorenthalten bleibt. Übrigens, so bestätigt es Ingrid Frehle, waren DDR-Krippenkinder in der Regel auch sehr zeitig abgestillt.

Seit 1972 wird in der Kita gekocht

Unabhängig davon, wie man über die sozialistischen bzw. autoritären DDR-Zeiten urteilen mag, hat sich doch eine Sache in der Kita „Jenny Marx“ aus ganz alten Zeiten herüber gerettet. Kompromisslos und ohne Unterbrechung wird seit Eröffnung vor 50 Jahren in der Küche für die Kinder gekocht. Dafür hatte sich das Kita-Nachwende-Personal, dem Ingrid Frehle angehörte, mit Erfolg stark gemacht.