Vor etwa 150 Jahren befanden sich große Teile Deutschlands in einem bis dato noch nicht gekannten wirtschaftlichen Aufschwung. Maßgeblichen Anteil daran hatte der prosperierende Eisenbahn- und Verkehrsbau sowie die damit einhergehende rasante gesamtindustrielle Entwicklung.
Darüber hinaus brachte der gegen Frankreich gewonnene Krieg (1870/71) neben der lange herbeigesehnten deutschen Einheit eine Stärkung des nationalen Selbstwertgefühls. Ferner spülten durch Frankreich zu zahlenden Reparationsleistungen von 5 Milliarden Francs in Gold beachtliche Finanzmittel in die Staatskasse des nun als Kaiserreich vereinten Deutschlands.Nicht zuletzt bewirkten diese finanziellen Mittel einen bis dahin noch nicht gekannten Investitionsschub im Land.

Mehr Arbeiter in der Landwirtschaft als in der Industrie

Mit diesem unerwarteten finanziellen Segen wurde auch das westliche Havelland beglückt, wie der Böhner Kantor und Chronist Meyer in seinen Aufzeichnungen zu berichten wusste. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte und arbeitete noch der Großteil der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Diese Situation sollte sich nur wenige Jahrzehnte später deutlich ändern.
Heute gilt für Deutschland das Jahr 1895 als der Wendepunkt, an welchem erstmals mehr Menschen in den Städten als auf dem Lande ihren Lebensunterhalt verdienten. Wenn auch keine detaillierten statistischen Daten darüber vorliegen, so kann man durchaus davon ausgehen, dass unsere Region hier keine Ausnahme bildete. Ganz im Gegenteil, denn neben der immer mehr im regionalen Wirtschaftsgeschehen tonangebenden optischen Industrie und ihren zahlreichenden Zulieferbetrieben waren es auch die Ziegel- und Landmaschinenindustrie sowie die Holzverarbeitung, die hier hunderten Menschen Arbeit und Brot gaben.

„Die Dörfer entleerten sich“ - Industriealisierung verlief nicht konfliktfrei

Doch der relativ rasante Umbruch vom totalen Agrarland zum mehr und mehr industriell geprägten Landstrich ging dabei alles andere als konfliktfrei vor sich. Als den Prozess beschleunigender Katalysator wirkten dabei die vom jungen Deutschen Kaiserreich über die Banken ausgereichten finanziellen Mittel zur Neugründung oder Expansion bereits bestehender Betriebe und Unternehmungen.
Der Böhner Chronist Meyer vermerkt hierzu am Beispiel seines Heimatorts: „In der Folge trat eine nie dagewesene Nachfrage nach Arbeitskräften ein. Durch Anbieten hoher Löhne wurden die Arbeiter nach dem Mittelpunkt der Industrie gelockt. Die brauchbarsten, fähigsten, fleißigsten und sittsamsten jungen Leute - Knechte und Mägde - verzogen von hier nach Rathenow, traten in die Busch‘sche optische Anstalt oder die Köhler‘sche Fabrik für Holzwaren ein und verdienten Löhne, zwischen 7 bis 12 Mark wöchentlich. Die Dörfer entleerten sich.“

Überzogene Lohnforderungen verbliebener Arbeitskräfte

Wie sich der Fachkräftemangel unmittelbar auf die Landwirtschaft aufwirkte, beschrieb Meyer auch: „Der Landmann konnte für seine anstrengenden, keinen Aufschub zulassenden Arbeiten keine Kräfte mehr auftreiben, selbst um hohen Lohn nicht. Dazu machte der zurückgebliebene Schund unverschämte Lohnforderungen. 17- bis 18-jährige Burschen verlangen schlankweg ungebührlich hohen Lohn, arbeiten aber wollten sie nach Belieben. Erlaubte sich aber der Dienstherr, sie anzutreiben, so begehren sie auf oder verließen sofort den Dienst. 100 Türen standen ihnen ja offen, sie waren fortan der gesuchteste Artikel.“
Der Chronist schrieb weiter davon, dass die verbliebenen Arbeitskräfte abends nicht mehr über sieben Uhr hinaus arbeiten wollten, auch wenn die Arbeiten noch so dringlich und das Wetter noch so günstig war. „Der Landwirt war in den Händen der Dienstboten, letztere waren die neuen Herren geworden“, so Meyer.

Verdoppelung der Rathenower Bevölkerungszahl zwischen 1840 und 1880

So wie die Böhner Bauern wird es damals alle Landwirte in den Dörfern um den aufstrebenden Industriestandort Rathenow getroffen haben. 1840 gab es in der Optikstadt nur rund 5.000 Einwohner, vierzig Jahre später waren es bereits 10.000.
Aktuell leben in Kernstadt und ihren Ortsteilen rund 25.000 Menschen. Dank infrastruktueller Möglichkeiten können viele nach Berlin pendeln, wo es teils weit höhere höhere Löhne gibt.