Kirche in Prenzlau: Marienkirche wieder im Besitz von Orgel

Die Marien-Kirche in der uckermärkischen Kreisstadt Prenzlau hat wieder eine Orgel. Die Einweihung ist ein großer historischer Moment.
Charly Schwarz- St. Marien in Prenzlau hat wieder eine Orgel, die Einweihung galt als historischer Moment.
- Es handelt sich um eine William-Hill-&-Son-Orgel von 1907 – größte original erhaltene in Kontinentaleuropa.
- Die Orgel stand bis 2018 in Schottland und wurde restauriert sowie in St. Marien eingebaut.
- Treiber des Projekts war Kreiskantor Hannes Ludwig, der auch ein Buch und ein Grabstein-Exponat präsentierte.
- Konzerte starteten mit vier Hill-Festtagen und „Last Night Of The Proms“; wöchentliche Rush-Hour-Reihe folgt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Heute gehen wir Tauben schießen“, wurde von ein paar barfüßigen Kniehosen-Streunern beschlossen. Die Katapulte waren am Uckersee getestet, sie funktionierten, schossen weit genug. Erst noch die Hosentaschen voll Kieselsteine gestopft und dann ab zur Marienkirche. Die Tauben saßen damals wie heute in den Rosetten des Ostgiebels.
Über die Türme der Seitenmauern war gut auf die freiliegenden Seitenmauern der Kirchenruine zu gelangen und dann bäuchlings auf der Mauer vorgerobbt zum Giebel, soweit wie möglich. War eine sichere Position erreicht, aufrecht hingesetzt, Katapult geladen, gezielt und Schuss. Daneben, weg war nicht nur die anvisierte Taube, sondern alle stoben davon.
Es hieß dann warten, bis die Viecher trotz lauernder Scharfschützen wieder ihren Stammplatz einnahmen. … Diese Zeilen sind aufgeschrieben von Hans Kassube, einem alten Prenzlauer von heute über 90 Jahren, der als Halbwüchsiger nach Kriegsende in sein Prenzlau zurückkehrte, das er kaum noch wiedererkannte.
Marienkirche Prenzlau brannte im 2. Weltkrieg aus
Die mutigen Jungs spielten in den Ruinen. Von der einst stolzen Marienkirche in Prenzlau waren kaum mehr als die Außenmauern stehen geblieben. Das ist nun über 80 Jahre her.
Das Wahrzeichen der Kreisstadt hatte lange an seinen Wunden zu lecken. Mit einer Gesamthöhe von 68 Metern winkt die Marienkirche jedem schon von weitem entgegen, ganz egal, aus welcher Richtung man sich Prenzlau nähert. Bis in die 1970er Jahre musste sie warten, um endlich ein neues Dach zu bekommen.
Bis 2009 bekam die Marienkirche auch wieder ihre Stimme – die Glocken wurden geweiht. Erst im Jahre 2020 überspannte die Gewölbedecke mit einem Umfang von 2.000 qm nach historischem Vorbild und in handwerklicher Tradition das Kirchenschiff. Die sinusförmige Empore wurde im Dezember 2024 fertiggestellt. Hier sollte auch wieder eine Orgel ihren Platz einnehmen.
St. Marien in Prenzlau bekommt wieder eine Orgel
Diesen Traum träumte auch seit vielen Jahren Hannes Ludwig, seines Zeichens Kreiskantor in Prenzlau seit 2007. Dafür wurde er lang belächelt. Eine Bespielung des riesigen Gotteshauses war nicht geplant, schien nicht realisierbar. Aber so mancher Träumer hat sich als Macher entpuppt.
Ludwigs unermüdlichem Streben ist es zu verdanken, dass die Bewerbung Prenzlaus um die Orgel der englischen Erbauerfirma William Hill & Son letztlich von Erfolg gekrönt war. Dieser, wie Kenner bestätigen, Rolls-Royce unter den Orgeln, wurde 1907 erbaut und stand bis 2018 in einer Kirche in Schottland, wo die Orgel im bereits geschlossenen Gotteshaus nicht mehr gespielt wurde. Dort gab es für das hervorragende Instrument keine Zukunft mehr.

Die Marienkirche in Prenzlau ist das Wahrzeichen der Kreisstadt der Uckermark.
Patrick Pleul/dpaUm es dennoch zu erhalten, sollte es auf die Reise in eine Kirche gehen, in die es erstens passt und zweitens original instandgesetzt und wieder aufgebaut regelmäßig erklingen kann. Hill-Orgeln stehen heute noch in Sidney oder auch in Westminster Abbey in London und die jetzt in Prenzlau eingebaute ist die größte, original erhaltene englische Orgel im kontinentalen Europa.
Späte Ehrung für die Orgelbauer des britischen Königshauses
Ludwig unternahm im Zuge seiner Recherchen mehrere Reisen zu verschiedenen Hill-Orgeln und besuchte in England die Grabstätte des Orgelbau-Firmengründers William Hill. So war jedenfalls der Plan. Ohne familiäre Nachfolge war der Grabstein kaum auffindbar, und Ludwig, der ihn mit bloßen Händen von Erde befreite, um den Schriftzug freizulegen, stellt ihn heute in Prenzlau zu seinen Ehren in der Marienkirche aus.
Ludwigs Enthusiasmus ging sogar so weit, dass er nun zu den Hill-Orgeln und seinen Erbauern ein Buch herausbrachte, weil es eine solche Dokumentation bisher weder in England noch hier gab. Das Buch ist im Selbstverlag erschienen und kann in Deutsch oder Englisch erworben werden.
Als Auftakt zum 15. Uckermärkischen Orgelfrühling fanden aus gegebenem Anlass nun vier Hill- Festtage statt. Neben feierlicher Orgelweihe, Festgottesdiensten und mehreren sehr verschiedenen Konzerten gab es auch die Uraufführung eines Dokumentarfilmes. Unter dem Titel „Eine Orgel für Prenzlau“ begleitete der Filmemacher Riccardo Wittig den Umzug der Orgel vom Ausbau in Schottland über die Restaurierung bis hin zum Einbau durch die Eberswalder Orgelbauer in Sankt Marien über die gesamte Zeit.
Dokumentarfilm über die Orgel für Prenzlau
Ergebnis ist ein einstündiger Film über die Menschen mit einer großen Leidenschaft und Liebe zu einem Projekt, welches uns jetzt höchsten Klanggenuss bescheren kann. Auch dieser Film ist auf DVD erhältlich. Grandioses Klangerlebnis für alle Besucher Unbestrittener Höhepunkt der Konzertreihe zu den Hill-Tagen war „Last Night Of The Proms“ am Samstagabend.
Vertreter der Bürgerstiftung der Sparkasse Uckermark, der Sparkasse Uckermark, der Stadt Prenzlau, Marktkauf Prenzlau und der Uckermärkischen Dienstleistungsgesellschaft als Förderer dieser 4 tollen Tage waren mit stolzer Erwartung unter den Besuchern. In seiner Begrüßungsrede stellte Thorsten Weßels als Mitglied des Vorstands der Sparkasse Uckermark dar, wie groß die Freude über dieses gelungene Projekt ist.
In einer gerappelt vollen Marienkirche vor rund 1.000 Besuchern gaben dann die 143 SängerInnen aus drei Chören, 49 OrchestermusikerInnen und 2 Organisten ein Megakonzert, das wohl allen Anwesenden in Erinnerung bleiben wird und wie es die Marienkirche so wohl noch nicht erlebt hat. Die Abstimmung unter den Künstlern war perfekt.
Festkonzert der Orgel in St. Marien
Wenn Jürgen Bischof das Orchester vor der Orgel dirigierte, stand Hannes Ludwig als Dirigent vor den 3 Chören, den Blick nach hinten, die dirigierenden Hände in Richtung der Chöre. Die Einstudierung des Chores der Kantorei Prenzlau im Vorfeld erfolgte durch Hannes Ludwig; Jürgen Bischof und Jakub Rabizo übernahmen dies für den Uckermärkischen Konzertchor Prenzlau und Professor Szymon Wyrzykowski für den Akademischen Chor der Westpommerschen TU Szczecin. Zu hören waren teils bearbeitete Werke von Liszt, Elgar und Vierne.
Als Organisten fungierten sowohl der Kreiskantor Hannes Ludwig aus Prenzlau als auch Prof. Henry Fairs aus Birmingham. Wohl niemand hat sich an diesem Abend an der niedrigen Temperatur im ungeheizten Kirchenschiff gestört. Der warme Klang der majestätischen Orgel, das Spiel des Preußischen Kammerorchesters zu diesem Anlass in sinfonischer Besetzung und dazu der mehrstimmige, wundervolle Gesang aus drei Chören ließen die Herzen von innen erwärmen.
Die Hill-Tage in Prenzlau läuteten für die Marienkirche ein ganz neues Zeitalter ein. Für diese Orgel als Kulturdenkmal ersten Ranges war dies ein äußerst würdiger Empfang. Für Prenzlauer wie Hans Kassube hat sich endlich eine große Kriegswunde geschlossen. Mariens königlicher Klang für alle.
Wie versprochen wird die Orgel in Marien auch weiterhin gespielt. Einheimische und Touristen können sich auf die Rush-Hour-Konzerte freuen, nun mit monumentalem Klang. Dieses kostenfreie Angebot kann man von Juli bis September jeden Donnerstag ab 17 Uhr genießen. Noch mehr Orgel gibt es außerdem beispielsweise am 20. Juni zur Langen Nacht der offenen Kirchen. Auch 2 Konzerte sind bereits angekündigt: Am 26.5. sind „THE QUEEN‘S SIX“ zu erleben, am 7.6. wird ein Konzert zum 350. Todestag von Paul Gerhardt zu hören sein.



