One Billion Rising in Angermünde
: „Tanzen hilft mir gegen Angst und Wut“

Angermünde gehört zu One Billion Rising, einer weltweiten Protestbewegung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Was Betroffene erzählen und welche neuen Angebote der Hilfe es gibt.
Von
Daniela Windolff
Angermünde
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One Billion Rising 2025 in Angermünde: Über 100 Mädchen und Frauen setzen mit Musik und Tanz Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Angermünde beteiligt sich seit 2016 an der weltweiten Protestaktion.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Über 100 Mädchen und Frauen setzen mit Musik und Tanz Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Angermünde beteiligt sich seit 2016 an der weltweiten Protestaktion.

Daniela Windolff
  • One Billion Rising 2025: Über 100 Frauen und Mädchen in Angermünde tanzen gegen Gewalt.
  • Polizei Brandenburg meldet 6.325 Fälle häuslicher Gewalt 2023.
  • Lee-Ann (21) aus Angermünde verarbeitet Erlebnisse durch Tanzen.
  • One Billion Rising stärkt Gemeinschaftsgefühl und Solidarität.
  • Tanzen, Selbstverteidigung und Body-Shaming im Fokus der Tanzpädagogin Christina Gressmann.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Sexueller Missbrauch, Belästigungen, körperliche und psychische Gewalt und seit Neuestem das sogenannte Body-Shaming in sozialen Medien - das sind keine Randerscheinungen, sondern schlimme Erfahrungen, die durchschnittlich jedes dritte Mädchen, tausende Frauen auch hierzulande mindestens schon einmal im Leben gemacht hat. Weltweit sind es eine Milliarde!

Allein in Brandenburg verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik 2023 insgesamt 6.325 Fälle häuslicher Gewalt, darunter mehr als 4.000 Frauen und Mädchen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der jüngste Mord an einer jungen Frau in Casekow bei Schwedt ist zwar ein besonders brutaler Fall, der die Öffentlichkeit bewegte. Doch viele Fälle bleiben unentdeckt und unaufgeklärt, weil sich Betroffene schämen oder sich nicht trauen, sich jemanden zu öffnen oder gar Anzeige zu erstatten.

Von Gewalt betroffene Frau aus Angermünde erzählt

„Das Schlimmste ist, dass dir nicht zugehört wird, dass man dir nicht glaubt oder dir sogar Schuld gibt“, erzählt Lee-Ann. Die 21-Jährige aus Angermünde hat selbst als Kind Gewalt erlebt, Erfahrungen, die ihr Leben bis heute prägen, auch ihre Berufswahl. Die junge Frau arbeitet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und erlebt dort viele Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erlebnissen durch sexuellen Missbrauch, körperliche und psychische Gewalt.

Lee-Ann weiß, wie schwer es ist, das zu verarbeiten, sich daraus zu lösen, mit Ängsten und Wut umzugehen. Ein Grund, weshalb sie sich schon seit frühester Jugend leidenschaftlich im Projekt One Billion Rising, das die Tanzpädagogin der Uckermärkischen Musik- und Kunstschule, Christina Gressmann in Angermünde initiierte und das seit 2016 hier jedes Jahr größer wird.

Angermünde ist seit 2016 Teil von One Billion Rising

Wie überall auf der Welt tanzen am 14. Februar Menschen gemeinsam auf öffentlichen Plätzen nach einer emotionalen, kraftvollen Musik von „Break the Chain“ („Sprengt die Ketten“), die zur Hymne der weltweit größten Frauenbewegung und Tanzdemo One Billion Rising wurde.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Über 100 Mädchen und Frauen tanzen gemeinsam in der weltweiten Protestbewegung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Das Tanzstück "Stark gegen Gewalt" ist eine eigene Choreografie.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Über 100 Mädchen und Frauen tanzen gemeinsam in der weltweiten Protestbewegung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Das Tanzstück "Stark gegen Gewalt" ist eine eigene Choreografie.

Daniela Windolff

„Mir hat das Tanzen in der großen Gemeinschaft sehr geholfen, meine Ängste, meine Erlebnisse zu bewältigen. Tanzen ist eine andere Form als Worte, seine Gefühle auszudrücken, es befreit und es schweißt zusammen. Man fühlt sich eins mit den anderen, stärker als allein und vor allem wahrgenommen“, erzählt Lee-Ann.

Tanzen als Zeichen der Kraft der Gemeinschaft

Sie ist nicht die einzige Betroffene in der großen Tanzkommune in Angermünde. One Billion Rising gibt auch jenen eine Stimme, ein Podium, die sich noch nicht trauen, sich zu öffnen, zu reden. Manchmal fließen Tränen. „Das Tanzen ist ein emotionales Ventil und eine Möglichkeit, sich auszudrücken, wenn Worte oder auch Vertrauen noch fehlen, vor allem aber zeigt es, dass Betroffene nicht allein sind und beweist die große Kraft und Stärke, die Menschen haben, wenn sie zusammenhalten“, sagt Ann-Lee.

Sie bricht das Schweigen: Lee Ann aus Angermünde engagiert sich schon seit frühester Jugend im Projekt One Billion Rising und will mit dem Tanzen aufrütteln. Sie hat als Kind selbst Gewalterfahrungen erlebt. Das OBR-Maskottchen spendet Halt und Kraft.

Sie bricht das Schweigen: Lee Ann aus Angermünde engagiert sich schon seit frühester Jugend im Projekt One Billion Rising und will mit dem Tanzen aufrütteln. Sie hat als Kind selbst Gewalterfahrungen erlebt. Das OBR-Maskottchen spendet Halt und Kraft.

Daniela Windolff

Das ist auch für Anna (14) und ihre Freundinnen das, was sie an One Billion Rising begeistert und warum sie mittanzen: „Es ist einerseits ein sehr tolles Gefühl zu wissen, dass wir hier in Angermünde zu einer ganz großen weltweiten Bewegung gehören. Und es ist ja ein sehr aktuelles Thema und gar nicht so weit weg, wenn man sieht, was überall passiert und man sich als Mädchen nicht mehr sicher fühlt. Ich finde es wichtig, zu zeigen, dass man nicht hilflos und ausgeliefert ist und auch schon Kinder aufzuklären, dass sie über ihren Körper selbst bestimmen und dass sie Grenzen setzen dürfen und vor allem, dass wo sie sich Hilfe holen können“, betont Anna.

One Billion Rising rüttelt die Öffentlichkeit wach

Im Tanzprojekt mit Christina Gressmann üben sie nicht nur Choreografien, sondern sprechen auch über diese Themen.

One Billion Rising will vor allem auch die Öffentlichkeit noch stärker sensibilisieren für das Thema Gewalt und sexuelle Selbstbestimmung, es will aufrütteln, hinzuschauen, was nebenan passiert und Mädchen stark machen. So erklärt Initiatorin Christina Gressmann ihre Motivation, jedes Jahr diese große öffentliche Tanzaktion zu organisieren: „Wir tanzen gemeinsam für eine Welt, in der Liebe und Respekt regieren und wissen uns bei jedem Schritt vereint mit Millionen Frauen in der ganzen Welt, die sich gemeinsam erheben gegen Gewalt.“

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Die Veranstaltung fand zum ersten Mal nicxht auf dem Marktplatz, sondern im geschützten Bürgergarten am Haus Uckermark statt. Nina Klünner (18) trägt ein selbstverfasstes sehr emotionales Poetry Slam zum Thema sexueller Missbrauch und Gewalt vor.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Die Veranstaltung fand zum ersten Mal nicht auf dem Marktplatz, sondern im geschützten Bürgergarten am Haus Uckermark statt. Nina Klünner (18) trägt ein selbstverfasstes, sehr emotionales Poetry Slam zum Thema sexueller Missbrauch und Gewalt vor.

Daniela Windolff

Ihr Team ist immer größer geworden, das Programm ebenso. Unterstützt wird sie inzwischen auch von Tanzgruppen aus Schwedt und Prenzlau, die gemeinsam Choreografien für die Tanzshows erarbeiten.

Tanzstück „Stärker als Gewalt“ erzählt von Wut und Mut

Rund 100 Tänzerinnen, vom Grundschulalter bis zu Erwachsenen, tanzen gemeinsam und erzählen im Tanzstück „Stärker als Gewalt“ ausdrucksstark und berührend mit Musik und Bewegung von Gefühlen der Angst, Bedrohung, Wut, aber auch von erstarkendem Selbstbewusstsein und Solidarität.

Das drückt auch Nina Klünner (18) in ihrem aufrüttelndem Poetry-Slam über Erfahrungen einer jungen Frau mit sexuellen Übergriffen und häuslicher Gewalt, eine von Tausenden im Land, die oft noch heimlich leiden. „One Billion Rising“ ist auch 2025 in Angermünde wieder eine bewegende, emotionale Show mit viel Spaß und Energie vor einem ernsten, traurigen Hintergrund.

Selbstverteidigung mit Tanz auf TikTok

Die Angermünder Tanzpädagogin Christina Gressmann beschränkt sich dabei jedoch nicht nur auf das Projekt One Billion Rising, obwohl es eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt. „Tanzen ist generell ein Mittel, seinen Körper bewusster wahrzunehmen und Gefühle auszudrücken und es macht Kindern nicht nur Spaß, sondern auch selbstbewusst. Das ist Voraussetzung für Selbstbestimmtheit“, so Christina Gressmann, die in ihren Tanzgruppen mehr als 200 Kinder und Jugendliche unterrichtet und auch ein eigenes Tanzstudio in Angermünde eröffnet hat.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Junge Tänzerinnen der Uckermärkischen Musik- und Kunstschule "Friedrich Wilhelm von Redern", die Schirmherrin der Veranstaltung ist.

One Billion Rising 2025 in Angermünde: Junge Tänzerinnen der Uckermärkischen Musik- und Kunstschule "Friedrich Wilhelm von Redern", die Schirmherrin der Veranstaltung ist.

Daniela Windolff

Sie hat weitere Ideen und Projekte, verbindet Tanzen auch mit Elementen der Selbstverteidigung und zeigt zum Beispiel auf TikTok Choreografien.

Body-Shaming auf Social Media wird zum Problem

Außerdem will sie das drängende Thema Body-Shaming stärker in Projekten und Tanzworkshops mit ihren Tanzschülern thematisieren, das unter Kindern und Jugendlichen in den sozialen Medien besorgniserregende Ausmaße annimmt.

Body-Shaming bedeutet, jemanden aufgrund seiner körperlichen Erscheinung zu beleidigen, diskriminieren oder abzuwerten. Beim Tanzen in Angermünde sind alle gleich und eine große Gemeinschaft, das ist auch die Botschaft von One Billion Rising.

Was ist One Billion Rising?

One Billion Rising (deutsch: Eine Milliarde erhebt sich) ist eine weltweite Protestaktion gegen Gewalt an Kindern und Frauen, ein globaler Streik, eine Einladung zum Tanz, die jedes Jahr am Valentinstag stattfindet. Eine Milliar­de (one billion) tanzender Frauen, Kinder und Männer sollen das Thema ins öffentliche und individuelle Bewusstsein rufen, Solidarität und Unterstützung verdeutli­chen.

Ins Leben gerufen wurde die Aktion 2012 in New York (USA) von der Künstlerin und Feministin Eve Ensler und findet seitdem jedes Jahr am 14. Februar, dem Valentinstag statt.- Die Zahl eine Milliarde (one Billion) weist auf eine UN-Statistik hin, nach der eine Milliarde Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer einer schweren Körperverletzung oder Vergewaltigung werden.

Die jährliche Aktion findet inzwischen in über 200 Ländern der Welt statt. In Deutschland gab es 2025 insgesamt in 155 Kommunen Aktionen, darunter auch in Angermünde, als einziger Ort in der Uckermark.