Straßenbahn in Küstrin: Historischer Rundgang lässt Erinnerungen lebendig werden

Einstige Trasse der alten Straßenbahn in Küstrin am Berliner Tor der Festung: Historischer Rundgang über das ehemalige Festungsgelände
Cornelia Mikat- Elektrische Straßenbahn in Küstrin war vor 100 Jahren bedeutend für die Stadt.
- Jubiläumsführung erinnert an ihre Geschichte und zeigt verbliebene Spuren.
- Bis 1937 fuhr die Straßenbahn über die Oder, dann wurde sie durch Busse ersetzt.
- Museumsdirektor Ryszard Skalba enthüllt eine Gedenktafel zur Bahngeschichte.
- Zeitzeuge Klaus Thiel erzählt persönliche Erlebnisse zur Straßenbahn.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wer heute täglich im deutsch-polnischen Oderland auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist, kann mit Neid auf die Infrastruktur zurückblicken, die es dort einmal gegeben hat. Kriegszerstörung und Reparation haben die Möglichkeiten vor 80 Jahren stark reduziert. Von den einst zahlreichen Fähren am Oderbruch fährt nur noch eine in Güstebieser Loose und das nur saisonweise.
Besonders deutlich wird das Problem an der Stadt Küstrin-Kostrzyn. Aktuell verbindet lediglich die Regionalbahn RB26 die Bahnhöfe Küstrin-Kietz und Kostrzyn. Und anders als in Frankfurt, wo die Buslinie über die Oder zum Deutschlandtarif fährt, ist das bei der Oderüberfahrt der RB60 nicht der Fall. Um so interessanter ist der Rückblick auf das, was dort einmal war. Bis 1937 fuhr sogar die elektrische Straßenbahn über die Oder bis zur Vorflutbrücke.
Erste Wagen kamen aus Niesky
Das Team des Museums der Festung Küstrin hat zur polnischen Nacht der Museen eine Sonderveranstaltung einem besonderen Jubiläum gewidmet: vor genau 100 Jahren, am 16. Mai 1925, fand um 16 Uhr im Depot am damaligen Neumarkt der Stadt die Einweihungsfeier einer elektrischen Straßenbahnlinie statt. Damit ersetzte man eine bereits seit 1903 in Betrieb befindliche Pferdebahn. Der Start der Museumsveranstaltung erfolgt vor der ehemaligen Artilleriekaserne auf der deutschen Oderinsel, die damals zur Altstadt gehörte. Dort begrüßt der Direktor des Küstriner Festungsmuseums, Ryszard Skalba, gemeinsam mit Museumspädagogen Jaroslaw Przespolewski und Museumsführer Klaus Thiel die Gäste. Sie führen entlang der früheren Straßenbahntrasse in Richtung der ehemaligen Altstadt. Dabei stellen sie nicht nur die Geschichte der Straßenbahn, sondern auch vieler an der Strecke ehemals befindlicher Gebäude vor.

Museumspädagogen Jaroslaw Przespolewski erläutert: „Die elektrische Straßenbahn wurde in Küstrin-Kietz erst durch den Bau eines Elektrizitätswerkes der Stadt und eines entsprechenden Umspannwerkes im Jahr 1924 möglich. Zuvor gab es seit 1903 eine Pferdebahn“.
Cornelia MikatJaroslaw Przespolewski erläutert: „Die elektrische Straßenbahn wurde in Küstrin erst durch den Bau eines Elektrizitätswerkes der Stadt 1913 und eines entsprechenden Umspannwerkes im Jahr 1924 möglich. Zuvor gab es seit 1903 eine Pferdebahn. Ende 1924 begannen mit dem Aufstellen von Fahrleitungsmasten die Arbeiten an der elektrischen Strecke.“ Straßenbahnen erwarb die Stadt von der Firma Christoph & Ungemach in Niesky. Diese erhielten zwei Fahrmotoren mit jeweils 22 PS, die eine Fahrgeschwindigkeit von bis zu 30 km/h ermöglichten. Anfangs verkehrten vier Fahrzeuge auf den Strecken. Zum Fuhrpark gehörten in den folgenden Jahren insgesamt sieben Triebwagen und zwei Beiwagen.
Von der Vorflut zum Bahnhof
In den 1930er Jahren existierten drei Straßenbahnlinien. Eine erste führte von der Brücke über den Vorflutkanal und den Marktplatz zum Stern in der Neustadt und endete am Bahnhof. Die zweite verband eine Station an der Brücke über den Vorflutkanal sowie Marktplatz und Stern mit dem Finanzamt und Krankenhaus. Und die dritte transportierte Fahrgäste vom Stern (der Hauptkreuzung der Stadt) bis zum Stadtwald und Friedhof. Die Straßenbahnen fuhren jeweils in einem 20-Minutentakt und bedienten in der Zeit ihrer größten Ausdehnung 25 Haltestellen.

Im Berliner Tor Küstrins: Der Direktor des Küstriner Festungsmuseums, Ryszard Skalba, enthüllte gemeinsam mit Museumsführer und Zeitzeugen Klaus Thiel sowie Martin Rogge, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Küstrins, eine grafisch gestaltete Gedenk- und Informationstafel zum 100-jährigen Jubiläum der elektrischen Straßenbahn.
Cornelia MikatMuseumsführer Klaus Thiel, er ist in der Küstriner Altstadt aufgewachsen und wohnt heute in Berlin, ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Er ergänzt: „Die Straßenbahn wurde zur Lebensader für die Bewohner. Trotz finanzieller Probleme bemühte sich die Stadt, die Fahrpreise mit 15 Pfennig für Erwachsene und 10 Pfennig für Kinder erschwinglich zu halten. Mit Ausnahme der Geschäftsjahre 1928/29, in denen die Straßenbahn dank über einer Million Fahrgäste Gewinn einfuhr, blieb ihr Betrieb eine defizitäre Angelegenheit.“
Mit der Straßenbahn zur Entbindung
Im Berliner Tor der Festungsstadt enthüllen die Gastgeber der Veranstaltung eine neue grafisch gestaltete Gedenk- und Informationstafel zum 100-jährigen Jubiläum der elektrischen Straßenbahn. Ryszard Skalba verwies auf drei heute noch sichtbare Elemente des einstigen Straßenbahnbetriebes. An der Decke des Berliner Tores befinden sich einige Halteelemente des früheren Fahrdrahtes, ebenso Rosetten am ehemaligen Bahnhof und sichtbare Spuren der Gleise in der Zorndorfer Straße. Im Berliner Tor werden zudem Gleise und Halterungssteine präsentiert.

Widmeten sich gern den Fragen der Führungsgäste: Der Direktor des Küstriner Festungsmuseums Ryszard Skalba mit Museumsführer und Zeitzeugen Klaus Thiel.
Cornelia MikatDer historische Spaziergang führt weiter über die Berliner Straße zum Marktplatz und dem ehemaligen Zorndorfer Tor. Unterwegs berichtet Zeitzeuge Klaus Thiel zum Beispiel darüber, wie er das erste Mal Straßenbahn fuhr. Die Story ging so: „Seine Mutter bekam im Jahr 1936 heftige Wehen. Schnell machte sie sich auf den Weg zur damals einzigen Telefonzelle am Marktplatz, um das Krankenhaus anzurufen. Doch die dortigen Mitarbeiter konnten ihr nicht helfen. Von drei vorhandenen Krankenwagen war einer im Einsatz, einer defekt und beim Dritten (es war sonntags) der Fahrer betrunken. Man riet ihr, die Straßenbahn zu benutzen.“ Dieser ersten, noch unbewussten Mitfahrt in der Straßenbahn folgten für Klaus Thiel noch viele weitere.
Besonders gern benutzte er die Bahn in Richtung Neustadt. Dort gab es ein Kino, in dem nachmittags Kinderfilme liefen. Oft war die Fahrt mit der Straßenbahn, wie der heutige Rentner berichtete, für ihn viel interessanter als die gezeigten Filme.
Er bedauert sehr, dass die einst blühende Stadt an der Oder am Ende des Zweiten Weltkriegs unterging. Weil damals kein Stein auf dem anderen blieb, bezeichnet man, wie er sagt, die Ruinenstätte auch gern als das Pompeji an der Oder.
Von der Pferde- zur Straßenbahn in Küstrin
Am 10. März 1903 wird die Küstriner Pferdebahn eröffnet. Und zwar mit gebrauchten Wagen aus Potsdam. Die Hauptstrecke führt vom Markt zum Bahnhof Neustadt. Eine zweite Strecke vom Markt zum Bahnhof Altstadt (ab 1906).
Ab 1921 fuhren parallel zur Pferdebahn Omnibusse zwischen den Bahnhöfen Neustadt, Altstadt und Kietz.
Am 16. Mai 1925 fand um 16 Uhr im Depot am damaligen Neumarkt der Stadt die Einweihungsfeier einer elektrischen Straßenbahnlinie statt. Damit wurde die Pferdebahn abgelöst.
Die Straßenbahn hatte keine eigenen Gleiskörper, was Probleme mit dem zunehmenden Autoverkehr bereitete.
Im Frühjahr 1934 erreichte das Streckennetz im Zuge des Ausbaus nach Westen bis zur Vorflutbrücke (geplant war bis Küstrin-Kietz) mit 6,65 km ihren größten Ausbauzustand.
1937 erwarb die Stadt das Omnibusunternehmen Jäger. Damit konnte die Kommune bessere Nahverkehrsangebote machen, als mit der Straßenbahn. Am 30. November 1937 fuhr letztmalig eine Küstriner Straßenbahn über die Oder. Die Strecke bis Küstrin-Kietz befuhr nun der Omnibus. Im restlichen Streckennetz der Straßenbahn stiegen aber die Fahrgastzahlen.
Am 25. Januar 1945 wurde die Stadt zur Festung erklärt. Der Straßenbahn- und Omnibusverkehr wurde eingestellt.


