2. Weltkrieg in Küstrin
: Erinnerung an Lager – wie Kostrzyn das Kriegsende begeht

Am 31. März 1945 hatte die Rote Armee Küstrin eingenommen. Die Stadt war am 15. Januar zur Festung erklärt worden. Das polnische Kostrzyn erinnert daran.
Von
Ulf Grieger
Küstrin
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Berliner Tor der Festung Küstrin. Die Anlage gehört zu dem wenigen, was von der über 700 Jahre alten Altstadt nach den Kämpfen vor 80 Jahren übrig geblieben ist.

Berliner Tor der Festung Küstrin. Die Anlage gehört zu dem wenigen, was von der über 700 Jahre alten Altstadt nach den Kämpfen vor 80 Jahren übrig geblieben ist. Dort bekommt das Vector-Zeichen „Vector of Memory“ der Europäischen Kulturroute der Befreiung seinen Platz.

Ulf Grieger
  • Kostrzyn erinnert an das Kriegsende von Küstrin vor 80 Jahren.
  • Hauptveranstaltungen vom 27. bis 31. März 2023.
  • Diskussionen, Theaterstücke und Friedensmessen.
  • Gedenkfeier für Kriegsgefangene des Stalag IIIc Alt Drewitz.
  • Buch zur Geschichte des Lagers erscheint bald.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Vor 80 Jahren, es war zu Ostern und Ende März, hörte die deutsche Stadt Küstrin auf zu existieren. Die vor 793 Jahren erstmals urkundlich erwähnte Stadt, die 1939 bereits 24.000 Einwohner hatte, war nach den Kämpfen buchstäblich ausgelöscht worden. Während die ehemalige Neustadt als polnisches Kostrzyn nach und nach wieder aufgebaut wurde, ist die Altstadt ein Ruinenfeld geblieben.

Dort befindet sich heute das Festungsmuseum von Kostrzyn. Unter Leitung von Ryszard Skalba leistet dort ein fünfköpfiges Team seit vielen Jahren wertvolle Konservierungs- und Erinnerungsarbeit. Die 2013 eröffnete Ausstellung in der Bastion Philipp haben sich 2024 insgesamt 7100 Gäste angesehen. Das waren mehr als 2023. Vor allem aber kommen jährlich tausende Gäste in die Altstadt, die dort auf dem Kattewall oder in den nun von Wildnis umgebenen Altstadt-Gassen spazieren gehen. Es ist auch eine europäische Begegnungsstätte geworden. Heute ist nur schwer vorstellbar, dass sich dort einmal ein lebendiges städtisches Leben abgespielt haben soll.

Ende der Kämpfe statt „Befreiung“

Die Stadt Kostrzyn, Eigentümerin des Altstadtareals und Betreiberin des Festungsmuseums, lädt zum 80. Jahrestag aber nicht dorthin ein. Der Sprachgebrauch ist auch ein Besonderer: „Wir sprechen vom Jahrestag des Endes der Kämpfe, nicht von dem der Befreiung“, erklärt Ryszard Skalba. Schließlich sehen viele Polen die Rote Armee nicht als Befreier an. An vier Tagen wird in Kostrzyn Ende März daran erinnert.

Am Donnerstag, 27. März, gibt es um 19 Uhr ein Theaterstück an der Eisenbahnrampe am Wasserturm. Es handelt davon, dass vor 80 Jahren die deutsche Bevölkerung ausgewiesen wurde und die polnische angekommen war. Am 28. März gibt es um 17 Uhr in der Bibliothek der Festungsstadt eine Diskussion mit dem in Polen sehr bekannten polnischen Dokumentarfilmemacher Boguslaw Woloszanski zu den Kämpfen an der Oder. Am 29. März ist in der Kirche der Heiligen Jungfrau Marie (Wysznskiego 2)  eine Friedensmesse geplant, Sie beginnt um 19.15 Uhr.

Die Hauptveranstaltung ist der Befreiung des Stammlagers IIIc Alt Drewitz gewidmet. Sie beginnt um 14 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienste in der Kirche „Unsere Liebe Frau von Rokitnia Boska“. Um 15 Uhr beginnt die Gedenkveranstaltung am Friedhof für die ermordeten Kriegsgefangenen des Stalag IIIc in Alt Drewitz/Drzewice. Diese Veranstaltung ist ein Tribut an Häftlinge verschiedener Nationalitäten, die in diesem deutschen Gefangenenlager eingesperrt waren, gestorben sind oder ermordet wurden. Eingeladen sind auch viele europäische Botschafter der Länder, aus denen die Kriegsgefangene kamen. Dort wird auch der vom Studio Libeskind entworfene „Vector of Memory“ übergeben. Damit ist bislang der Liberation Route-Wanderweg gekennzeichnet, der dem Weg folgt, den die Westalliierten während der Befreiung des Kontinents nahmen. In Kienitz und Slonsk-Sonnenburg wurden die Vector-Zeichen bereits übergeben. Sie markieren die neu ausgewiesene „Europäische Kulturroute der Befreiung“.

Geschichte wird jetzt aufgearbeitet

Ryszard Salba ist froh, dass nun auch bald ein Buch erscheint, das die Geschichte des Stammlagers erzählt. Der bereits verstorbenen Historiker Andrzej Toczewski hatte viel Material dazu gesammelt , das nun vom Küstriner Festungsmuseum  digitalisiert wurde. Der Histortiker Przemyslaw Stowinski hat die Redaktion übernommen. Auch die Ausstellung der Bastion Philipp widmet sich dem Stalag III-C.

Das Thema Zwangsarbeit und Kriegsgefangene war in der DDR tabu. Im Oderbruch erinnern seit mehr als zehn Jahren Tafeln, die im Rahmen der Kleinen Friedensfahrt der Gemeinde Letschin, des Deichverbands und der MOZ aufgestellt wurden,  auf dem Neuen Deich bei Sophienthal an das Stalag III-C.  Vor allem französische Kriegsgefangene waren am Bau des Neuen Deiches beteiligt.

Zeitzeugen-Erinnerungen lieferte u.a.  auch Klaus Thiel. Der 1936 in der Küstriner Altstadt geborene spätere Kulturjournalist hatte als Kind zwar vom Stalag in Alt Drewitz nicht viel mitbekommen, sich später aber viel Wissen angeeignet, sagt er auf Nachfrage. Das gesamte heutige Kiefernwäldchen in Drzewice, in dem sich der 1962 angelegte Gedenkfriedhof befindet, war einst Lagergelände. Die rund 7000 polnischen Kriegsgefangenen, die im Oktober 1939 dort ankamen, mussten ihr Lager auf den Grundmauern einer einstigen Fabrik selbst errichten.

Will Erinnerung an Zwangsarbeit wach halten. Klaus Thiel, deutscher Ehrenbürger der polnischen Stadt Kostrzyn, führt häufig Schülergruppen zum 1962 angelegten Gedenkfriedhof des einsteigen Stammlagers IIIC Alt Drewitz. Infolge von Terror und Zwangsarbeit starben dort rund 12 000 Gefangene. Aus dem Lager kamen auch die Arbeitskräfte für die Landwirtschaft und Melioration im Oderbruch.

Will Erinnerung an Zwangsarbeit wach halten. Klaus Thiel, deutscher Ehrenbürger der polnischen Stadt Kostrzyn, führt häufig Schülergruppen zum 1962 angelegten Gedenkfriedhof des einstigen Stammlagers IIIC Alt Drewitz. Infolge von Terror und Zwangsarbeit starben dort rund 12.000 Gefangene. Aus dem Lager kamen auch die Arbeitskräfte für die Landwirtschaft und Melioration im Oderbruch.

Ulf Grieger

Das Lager hatte mehrere Teile. Es gab ein Musterlager, das den Inspektoren zur Einhaltung der Genfer Konvention vorgeführt wurde. Zudem gab es mehrere Lager für den alltäglichen Terror und noch einmal verschärftere Lager – ein separates für Rotarmisten und eines für Juden, das eigentlich ein KZ war, so Thiel. Die Russen mussten täglich zum Arbeitsort, dem Rüstungsbetrieb Oderhütte in der Warnicker Straße oder der Papierfabrik an der Warthe, marschieren. Die Angehörigen anderer Nationen wurden etwas besser gestellt. Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe konnten sich Arbeitskräfte bestellen. Sie bekamen genaue Vorgaben wie sie die zu behandeln haben. Am besten kennt Klaus Thiel das Verfahren aus Sietzing, wo Verwandte wohnten, die er oft besuchte.

Es wird geschätzt, dass bis zu 70.000 Häftlinge in diesem Lager eingesperrt waren. Die Kriegsgefangenen, Polen, Franzosen, ab 1941 auch sowjetische Gefangene und ab 1943 italienische Militärinternierte, mussten in der Umgebung von Küstrin und im Oderbruch Zwangsarbeit leisten. Schätzungen zufolge kamen im Stalag III c etwa 12.000 Kriegsgefangene ums Leben. Sie fielen den unmenschlichen Bedingungen im Lager, Zwangsarbeit und Misshandlungen zum Opfer.

Berühmter Kriegsgefangener: Sergeant Jospeh Beylre als 20-Jähriger. Er war der einzige US-Soldat, der auch in den Reihen der Roten Armee gekämpft hat. Er gehörte zur ersten Welle von GIs, die zum D-Day am 6. Juni 1944 in der Normandie abgesetzt werden sollten. Er wurde von der Gestapo verhaftet und ins Stalag IIIc nach Alt Drewitz gebracht. Dort gelingt ihm Anfang Januar 1945 die Flucht.

Berühmter Kriegsgefangener in Alt Drewitz: Sergeant Jospeh Beyrle als 20-Jähriger. Er war der einzige US-Soldat, der auch in den Reihen der Roten Armee gekämpft hat. Er gehörte zur ersten Welle von GIs, die zum D-Day am 6. Juni 1944 in der Normandie abgesetzt werden sollten. Er wurde von der Gestapo verhaftet und ins Stalag III-C nach Alt Drewitz gebracht. Dort gelingt ihm Anfang Januar 1945 die Flucht.

US-Army

Stalag IIIc Alt Drewitz bei Küstrin

Oktober 1939: Die rund 7000 polnischen Kriegsgefangenen, die  dort ankamen, mussten ihr Lager auf den Grundmauern einer einstigen Fabrik selbst errichten.

Juni 1940: Das Lager wurde für belgische und französische Gefangene aus der Schlacht um Frankreich errichtet.

Mai bis Juni 1941: Jugoslawische und britische Gefangene aus dem Balkanfeldzug kamen an.

Juli 1941: Sowjetische Gefangene aus der Operation Barbarossa trafen ein. Sie wurden in getrennten Lagern festgehalten und litten unter schweren Bedingungen und Hunger. Die in der Dritten Genfer Konvention vorgeschriebene Behandlung wurde ihnen nicht zuteil . Tausende von ihnen starben an Hunger und Krankheiten.

September 1943: Italiener, die aufgrund des italienischen Waffenstillstands interniert worden waren, kamen an.

September 1944: Die ersten Amerikaner trafen ein. Sie waren infolge des Scheiterns der Operation Market Garden oder während des Vormarsches der US-Armee auf Deutschland gefangen genommen worden.

Dezember 1944: Weitere amerikanische Gefangene trafen ein, die in der Ardennenoffensive gefangen genommen worden waren.

31. Januar 1945: Das Lager wurde von der Roten Armee, vom 1. motorisierten Schützenbataillon der 19. mechanisierten Gardebrigade unter dem Kommando von Hauptmann Strelkov, befreit. Viele Amerikaner konnten während des Angriffs am 31. Januar 1945 fliehen. Die verbliebenen amerikanischen und britischen Gefangenen wurden schließlich mit dem Zug nach Odessa ans Schwarze Meer gebracht, um dort repatriiert zu werden.