Obdachlose in Berlin: So können Pendler den frierenden und bettelnden Menschen helfen
„Hast Du mal ein paar Cent oder eine Zigarette für mich“, fragt Max die Passanten vor dem Bahnhof Zoo. Viele ignorieren ihn oder schütteln nur mit dem Kopf, verschwinden rasch hinter der schwingenden Holztür in der Bahnhofshalle.
Max ist gerade mal 19 Jahre alt, lebt nach eigenen Angaben auf der Straße und verdient seinen Lebensunterhalt mit Schnorren. „Die meisten geben so 20 bis 50 Cent“, sagt der junge Mann in schwarzem langem Anorak und mit Wollmütze auf dem Kopf, dem man das Leben ohne Obdach äußerlich noch nicht ansieht.
Campierende Obdachlose im Bahnhof Lichtenberg
Er ist nur einer von vielen, die vor und auf Berliner Bahnhöfen oder in Zügen um eine Spende bitten. Andere halten die Türen der Sparkasse auf, laufen mit Straßenzeitungen durch die U– und S–Bahnen, irren wild fluchend über Bahnsteige oder sitzen mit stumpfem Blick und zerknautschtem Pappbecher auf den blanken Kacheln, während die Masse der Berufspendler stetig an ihnen vorbei zum nächsten Zug strömt.
„Ich habe Mitleid, wenn ich sehe, wie die Menschen so aus der Gesellschaft gefallen sind“, sagt Michela Hirseberg, die am Bahnhof Zoo gerade aus dem RE1 steigt. Auf dem Weg zur Arbeit ist sie mit der Armut in der Stadt konfrontiert. Besonders auch in der Unterführung des Bahnhofs Lichtenberg, wo viele Obdachlose im Durchgang campieren, sehe sie täglich das Elend, erzählt die 68–Jährige.
Obwohl sie selbst nicht viel besitze und ihre Rente mit einem Sekretärinnen–Job aufbessern müsse, habe sie dann und wann ein paar Münzen übrig. Als neulich jemand ziemlich hilflos wirkend auf dem Bahnsteig lag, lief die Pendlerin sogar zur Bahnhofsmission am Zoo und bat um Hilfe. „Doch die Mitarbeiter dort kannten den Mann schon und meinten, selbst wenn sie ihn versorgten, liege er spätestens in einer halben Stunde wieder an der gleichen Stelle“, berichtet Hirseberg.
Manche Obdachlose kenne sie vom Sehen schon gefühlt seit Jahren. Dann könne man richtig zusehen, wie es weiter bergab geht. Oder sie sich vielleicht auch wieder etwas aufrappeln. „So wie einer, der ist teilweise schon halbnackt im Bahnhof herumgerannt. Aber neulich hatte er wieder ganz ordentliche Sachen, da habe ich mich gefreut.“
Kleiderkammer such Boxershorts und Gürtel
Kleiderspenden werden gerade jetzt zum Winteranfang überlebenswichtig. Wer damit helfen will, kann diese genauso wie Schlafsäcke oder Isomatten zum Beispiel montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr im Zentrum der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße 68, nur ein paar Geh–Minuten vom Hauptbahnhof, abgeben. Neben dem Parkplatz gibt es dort zudem Kleidercontainer, die rund um die Uhr zu erreichen sind und täglich von den ehrenamtlichen Helfern der Kleiderkammer geleert werden.
Besonders gesucht werden für Männer derzeit enganliegende Boxershorts, lange Thermounterwäsche, Socken, Turnschuhe, Winterschuhe und wetterfeste Jacken, aber auch Gürtel. Eine Liste, was bedürftige Frauen und Männer benötigen, findet sich unter www.berliner–stadtmission.de
„Das ist schon schlimm, wenn man sieht, dass manche Obdachlose bei diesen Temperaturen keine Schuhe oder manchmal nicht mal Socken tragen“, sagt Sophie (32), die gerade auf ihren Zug nach Fürstenwalde wartet. Auch sie findet, dass die Not in Berlin in den vergangenen Jahren noch zugenommen hat. Sie persönlich gibt dann auch schon mal etwas aus ihrer eigenen Proviant–Box ab.

Der 32-jährige Obdachlose Dawid sitzt mit seinem Koffer und Schlafsack vor dem Eingang zur Kleiderkammer der Berliner Stadtmission. Die Hilfseinrichtung betreibt in der Lehrter Straße hinter dem Hauptbahnhof auch eine Notunterkunft sowie eine Ambulanz für unversicherte Bedürftige.
Monika Skolimowska/dpaHannes und Linda, die ein paar Meter weiter auf einer Bank auf dem Bahnsteig auf den Regionalzug warten, sind eher zurückhaltend. „Man weiß ja nicht, ob die Leute das gespendete Geld nicht gleich wieder in Alkohol oder Drogen investieren“, sagt der 21–jährige Student, der wie seine Freundin täglich aus Fangschleuse nach Berlin zur Hochschule pendelt. Er sei generell eher misstrauisch, auch, weil am Hauptbahnhof in Durchsagen vor kriminellen Bettler–Banden gewarnt werde. Nach zwei Jahren Großstadtmoloch habe sich der gebürtige Hannoveraner auch schon, gerade wenn er unter Zeitdruck zum Zug hetzt, eine Art Tunnelblick angewöhnt, erklärt er.
Manche Pendler von Bettlern genervt
„Mir geht das Schnorren auf den Sack“, sagt dagegen ein Verkäufer aus Potsdam, der ebenfalls nach Berlin zur Arbeit pendelt. Die Zustände hätten sich in den letzten Jahren, in denen alles immer teurer geworden sei, immer weiter verschlimmert, ärgert sich der 57–Jährige. „Dabei verschenkt der Staat so viel Geld, kümmert sich aber nicht um die Menschen auf der Straße“, ist sein Eindruck. „Ich fühle mich davon belästigt, auch wenn die Betroffenen meistens nichts dafür können.“
Nicht selten sind es Familien–Zerwürfnisse oder andere Schicksalsschläge, die Menschen aus der Bahn werfen. „Andere haben schon als Kind in Heimen gelebt und nirgends richtig Fuß gefasst“, heißt es in dem Aufklärungsflyer der Berliner Stadtmission. Psychische Krankheiten, Sucht oder ein Gefängnisaufenthalt könnten zum Verlust der Wohnung beitragen, auch ein Einkommen, das nicht mehr ausreicht, um Mieten zu zahlen.
Barbara Breuer: Menschen fragen, was sie brauchen
Die Zahl der Menschen, die keine Wohnung haben, wird in Berlin auf bis zu 40.000 geschätzt, rund 6.000 davon gelten als obdachlos. Doch wie kann man helfen? „In dem man die Menschen fragt, was sie brauchen“, sagt Barbara Breuer, Sprecherin der Berliner Stadtmission. Denn nicht jede gutgemeinte Spende sei hilfreich. „Ich habe selbst als Studentin gerne mal meinen Apfel gegeben“, berichtet Breuer. Inzwischen weiß sie, dass viele Obdachlose aufgrund ihrer schlechten oder fehlenden Zähne gar nicht mehr richtig in einen Apfel hineinbeißen können. Das gelte auch für härtere Brötchen.
Ein Lächeln und Kaffee mit viel Zucker
Auch nicht jedes gespendete Heißgetränk mache automatisch Freude. „Ich kenne eine Frau, die berichtete, dass sie am Tag manchmal den zehnten Kaffee hingestellt bekommen hat, dabei trinkt sie gar keinen Kaffee. Sie hat trotzdem immer nett gelächelt und sich bedankt.“ Bei denen, die wirklich Kaffee trinken, spiele dagegen wiederum genug Zucker eine große Rolle. „Die meisten trinken den Kaffee unheimlich süß, um sich schnell Energie zuzuführen“, weiß Breuer.
Ansonsten rät sie, den Menschen auf der Straße so zu begegnen, wie man auch selbst behandelt werden will. Ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch, das dem anderen signalisiert: „Ich sehe dich“, sei durchaus eine Wohltat für Menschen, die in der Großstadt auch seelisch verwahrlosen.
Rettungswagen statt Kältebus
Genauer hinzuschauen kann sogar Leben retten. „Wenn jemand schon schockgefrostet ist, ruft man besser gleich den Rettungswagen, statt den Kältebus“, betont die Stadtmissions–Sprecherin. „Denn letzterer braucht oft mindestens eine Stunde. Bis dahin kann der Mensch tot sein.“
Schon im vergangenen Winter war es dem Kältebusteam an vielen Abenden nicht mehr möglich, Menschen ab 23 Uhr in einer Notübernachtung unterzubringen, weil alle Plätze belegt waren. „Dazu gibt es viel zu wenig barrierearme Notübernachtungen“, berichtet Breuer. „Wenn jemand also ein, zwei Euro mehr übrig hat, würde ich sie im Zweifelsfall einem Obdachlosen im Rollstuhl geben, denn der hat kaum eine Möglichkeit, irgendwo unterzukommen.“

Die Kältebusse der Berliner Stadtmission sind von Oktober bis März täglich zwischen 20 Uhr und 2 Uhr unterwegs und unter Telefon 030 690 333 690 zu erreichen. Die Mitarbeiter versorgen Obdachlosen mit warmen Getränken und Schlafsäcken und bringen sie bei Bedarf in die Notübernachtung.
Berliner Stadtmission/Janine FritschInsgesamt bietet die Berliner Kältehilfe wieder rund 1.000 Notübernachtungsplätze. Max vom Bahnhof Zoo will heute Abend lieber mit dem Nachtbus durch Berlin fahren. „Das mache ich, bis um 4 Uhr früh wieder die U–Bahnhöfe öffnen. Dann kann ich mich dort auf eine Bank legen“, berichtet er.
Denn der Geruch nach Alkohol und ungewaschenen Kleidern in den meisten Notübernachtungen sei für ihn schwieriger zu ertragen. Er selbst habe mit dem Trinken aufgehört, seit er durch übermäßigen Alkoholkonsum seinen Job bei einem Pizza–Lieferdienst und anschließend sein WG–Zimmer verloren habe, erzählt er mit klarer Stimme.

Ein Obdachloser hockt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter der S-Bahn-Brücke Charlottenburg.
Fabian Sommer/dpaWenn er sich auch mental wieder gefangen habe, wolle er sich beim Jobcenter melden und später als Security–Mitarbeiter arbeiten, formuliert Max seinen Traum. Doch erst mal muss er für einen Döner am Abend noch ein bisschen schnorren.






