Grünen-Vorsitzender zu Gast
: Robert Habeck begeistert die Hoppegartener

Er kam als Schriftsteller nach Hoppegarten, um aus seinem aktuellen Buch vorzulesen und eilte als Politiker wieder zur Telefonkonferenz hinaus.
Von
Jana Reimann-Grohs
Hoppegarten
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Veranstalter und Gast: Der Grünenpolitiker und Schriftsteller Robert Habeck (r.) las im Gemeindesaal Hoppegarten aus seinem aktuellen Buch "Wer wir sein könnten". Eingeladen hatte dazu Raymund  Stolze (l.) von der Gruppe machart zusammen mit seiner Frau Gabriele Stolze.

Jana Reimann-Grohs

Eingeladen hatte ihn der Hönower Kulturverein machart zur Reihe: „starke Frauen – starke Männer“, um gemeinsam über die Poetik demokratischen Sprechens zu reden. Und darüber, womit sich Habeck ausgiebig schriftlich auseinandersetzt: den Einfluss populistischer Sprache. Politik formt sich erst durch den Sprachakt, schreibt der promovierte Sprachwissenschaftler. Er studierte Philosophie, Germanistik und Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Schon im Oktober 2019 platzte eine geplante Lesung mit Robert Habeck, zwei Tage vor der Landtagswahl in Thüringen. Am 10. Januar dieses Jahres hatte er ebenfalls Wichtigeres zu tun. So war Habeck auch am Mittwoch beruflich als Politiker eingebunden: morgens noch in London, dann im Zug nach Brandenburg. Leider hatte er auf dem Weg nach Hoppegarten das falsche Buch dabei, um sich vorzubereiten, erzählt er den neugierigen Besuchern zur Einleitung. Kein Problem, Buchhaus Bünger aus Neuenhagen verkaufte zur Lesung gleich drei seiner Werke und konnte dem 50-Jährigen aushelfen.

Der Abend war nicht mehr ganz so jung: Um 20 Uhr eröffnet Raymund Stolze als Organisator die Veranstaltung – das Publikum zum großen Teil weit über 60 Jahre alt, der Saal mit 200 Menschen voll besetzt. Gleich im Anschluss stehe aus aktuellem Anlass eine Telefonkonferenz mit den Parteikollegen an, warnt Stolze vor.

Nachdem wenige Stunden zuvor in Thüringen ein Ministerpräsident (Thomas Kemmerich, FDP) mit den Stimmen der AfD gewählt wurde, blieb der Aufruhr unter den etablierten Parteien nicht aus. Auch Robert Habeck kann sich als Grüner spontan keinen Kommentar verkneifen: Er fände großartig, dass heute die Verlierer dieser Wahl selbst gesagt hätten: „Wir konnten uns nicht durchsetzen." – statt anderen das Wortfeld zu überlassen. „Dass Sprache Wirklichkeit schafft, ist aktueller denn je“, sagt der Politiker, und schafft so die Überleitung zum eigentlichen Anlass seines Besuchs.

Buch nebenbei geschrieben

Das Buch „Wer wir sein könnten“ schrieb Habeck – obwohl seit elf Jahren nicht mehr hauptberuflich als Schriftsteller tätig – nebenbei. „Es gab nie den Moment, wo ich mich entschieden habe, statt Schriftsteller Politiker zu sein,“ plaudert er. Man falle aber schnell die Karierreleiter hoch, wenn man nicht rechtzeitig Nein sage. Robert Habeck zeigt sich offen für Scherze, erzählt über seinen Lieblingsfußballverein in seiner Heimatstadt Flensburg, vergleicht nervige Sondierungsgespräche mit „zu langen Klassenfahrten im gleichen Bus“ und gibt Einblicke in seine Zeit als Minister für Landwirtschaft (2012 bis 2017) in Schleswig-Holstein.

Vorne, auf der Bühne, legt sich während des Lesens die weiße Stammkatze des Hauses wie gewohnt unter den Tisch – Habeck zu Füßen. Er steht insgesamt zwei Stunden lang am Mikrofon zur Verfügung, liest ein paar Passagen aus „Wer wir sein könnten“ sowie aus dem Nachwort seiner erweiterten Auflage von „Wer wagt, beginnt“ (2018). Zwischendurch beantwortet er Fragen und ist vor allem eines: „nahbar“, lobt eine Frau aus dem Publikum im Anschluss: „Der Mann spricht nicht in vorgefertigten Pattern, allein das war ein Gewinn.“

Der Schriftsteller beeilt sich wegen der kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz mit dem Lesen, um genug Zeit für Nachfragen und Buchwidmungen zu haben. Und die Gäste fordern den Grünen mit seinen eigenen Worten heraus. Für einen selbst gewählten Sprachfauxpas während des Vortrags entschuldigt er sich umgehend bei einer Zuhörerin, die anmerkte, sie stelle die häufig verwendete Anrede „Du“ in Frage – auch an diesem Abend.

Habeck war als Schriftsteller geladen. Wirklich trennbar war seine Politprominenz weder vom gelesenen noch gesprochenen Wort. Auf Nachfragen, ob er vorhabe, Bundeskanzler zu werden, antwortete Habeck ausweichend: „Wenn der Machterwerb der eigentliche Zweck ist, sind wir in der Falle.“ Relativ unbefriedigend war die Antwort. Aber das Gesamtkonzept Robert Habeck ging auf: Er zeigte, dass er auch bei Problemfragen geduldig zuhören kann und bleibt als ansprechbar im Gedächtnis. Habeck bot eine Mischung aus Mensch Habeck – Grünenpolitiker – Schriftsteller, und improvisierte mit Lässigkeit.

Er habe auf eine Flasche Wein gehofft, sagte der Grünenpolitiker scherzend am Ende seiner Lesung und durfte gleich drei Geschenke mit zur Telefonkonferenz nehmen: eine Ausgabe der Zeitschrift „Das Magazin“ aus seinem Geburtsjahr 1969,  eine Federzeichnung zum Märkischen Oderland und eine Erzählung von Albert Camus, einer seiner Lieblingsphilosophen.