Rückblick: Beim Großbrand im Handelscentrum Strausberg gab es zu viele Schaulustige
Herr Nestroy, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Nacht vor einem Jahr denken?
Ich denke oft darüber nach, dass es der größte Brandeinsatz war, den der Landkreis Märkisch–Oderland in seinen 25 Jahren gesehen hat.
Können Sie sich noch an die Alarmierung erinnern?
Sehr genau sogar. Der Kollege in der Leitstelle hat aufgrund der Vielzahl der Anrufe, die zeitgleich ankamen, sofort die zweite Alarmstufe gewählt. Diese sieht eine Mitalarmierung des Kreisbrandmeisters vor. Der Kollege hat mich auch gleich über den Sachstand informiert. Neben Strausberg wurde mit Eggersdorf auch eine zweite Gebietskörperschaft mit alarmiert.
Haben Sie sofort die Einsatzleitung übernommen?
Nein, erst später. Bei der ersten Alarmierung gegen 20.30 Uhr war das Handelscentrum bereits geschlossen. Ich war gegen 20.50 Uhr an der Einsatzstelle. Die Einsatzleitung hatte in diesem Moment die Strausberger Feuerwehr. Als ich eintraf, war der ursprüngliche Brandherd — ein Reifenstapel zwischen dem Centrum und einer Werkstatt – schon bekämpft. Es sah nicht danach aus, dass es sich hier um einen größeren Einsatz handelt.
Wie hat sich die Situation weiterentwickelt?
Es kamen dann viele Dinge schnell zueinander. Im Handelscentrum hat die Brandmeldeanlage ausgelöst. Das war für mich das Zeichen, dass hier jetzt mehr passiert. Wenn der Brandmelder des Gebäudes anschlägt, obwohl der Brandherd außerhalb des Gebäudes ist, musste es irgendwo einen Durchtritt ins Gebäude gegeben haben. Dunkelgrauer Rauch, der an verschiedenen Stellen aus dem Centrum austrat, ließ vermuten, dass sich das Feuer durch die Zwischenebene des Daches frisst. Dort gibt es einen recht hohen Hohlraum, da über das alte ein neues Dach gebaut wurde. Das Feuer hatte es leicht, sich über die dort befindlichen ausgetrockneten Brettschichtbinder auszubreiten.
Wie sind Sie dann vorgegangen?
Es war dann relativ schnell der Punkt erreicht, an dem wir ein anderes Management fahren mussten. Es waren notwendigerweise einfach schon zu viele Kräfte angefordert. Gegen 22 Uhr waren die Strukturen soweit aufgebaut, dass ich den Einsatz übernehmen konnte. Man muss wissen, dass von diesem Moment an der Landkreis die Einsatzkosten trägt. Das muss mit der politischen Leitung abgestimmt sein und lief direkt mit dem Landrat.
Wann hatten Sie den Brand unter Kontrolle?
So zwischen 1 und 2 Uhr konnte man sagen, dass eine Ausbreitung auf weitere Gebäudeteile nicht mehr möglich ist. Dafür waren die Fortschritte in unseren drei Einsatzabschnitten zu groß. Unsere Maßnahmen hatten zusammen mit dem vorbeugenden Brandschutz des Gebäudes gegriffen. Dass dem Brand nur ein paar Geschäfte zum Opfer fielen, und der Großteil verschont blieb, war ein großartiger Erfolg aller Einsatzkräfte.
Bestand zwischenzeitlich die Gefahr, dass das komplette Gebäude abbrennt?
Es stand zu befürchten, dass das Feuer auf das Gebäude mit den Arztpraxen im Südosten übergreift. Dort gab es schon geschmolzene Fenster. Wir haben es so wie auch die gegenüberliegende Seite der Ladengalerie mit einem massiven Riegel geschützt. Zu dem abgebrannten Teil mit Medimax und Rossmann muss man sagen, dass Feuer eben eine zerstörerische Kraft hat und auch die Feuerwehr kein Allheilmittel ist. Für bestimmte Teile, in denen sich das Feuer weit ausgebreitet hat, gibt es manchmal leider keine Hoffnung mehr. Hier kann man nur, wie wir es auch getan haben, Haltelinien bilden und sich darauf begrenzen, dass sich das Feuer nicht weiter ausbreitet.
Während Sie und Ihre Kollegen Schwerstarbeit leisteten, sahen Hunderte Schaulustige zu. Was sagen Sie dazu?
Es gab viel zu viele Schaulustige, die viel zu dicht standen. Für mich als Normalbürger ist immer dort, wo schwarzer Rauch ist, Gefahr. Das scheint für viele unserer Mitbürger nicht so zu sein. Glücklicherweise lief die Zusammenarbeit mit der Polizei richtig gut. Wir hatten ständig eine Kontaktperson bei uns. Wenn wir festgestellt haben, dass Schaulustige die Grenzen durchbrochen hatten, konnte die Polizei sofort eingreifen.
Zwischendrin gab es noch eine andere Widrigkeit, als der Pavillon des Seegasthofes brannte …
Auf den Einsatz im Handelscentrum hatte dieser Brand keine negativen Auswirkungen. Wir hatten zum Glück eine Reserve mit Mitteln und Kräften, die jederzeit einsatzbereit gewesen wären, wenn sich das Feuer im Gebäude ausgebreitet hätte. Diese Kameraden konnten schnell zum Seegasthof fahren.
Wann war der Einsatz im Handelscentrum beendet?
Gegen drei Uhr habe ich die Einsatzleitung wieder an die Stadt Strausberg übergeben. Ich war so um fünf Uhr zu Hause. Aber der Einsatz ging ja dann am Sonntag noch bis in die Abendstunden hinein. Es gab noch ein paar Glutnester, aber keine Gefahr mehr, dass sich wieder ein Feuer ausbreitet.
Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Einsatz?
Eine Lehre ist, dass wir uns als Feuerwehr–Führungskräfte im Landkreis besser vernetzen müssen. Wir müssen anerkennen, dass solche Großschadensereignisse nur im überörtlichen Zusammenarbeiten händelbar sind. Die Kollegen in Strausberg dachten auch kurzzeitig, wir wollen ihnen den Einsatz wegnehmen. Dieses „mein Feuer, dein Feuer–Denken“ müssen wir ablegen, unser Managementsystem verbessern und bei der Ausbildung unserer Führungskräfte inhaltlich mehr in die Tiefe gehen. Solche großen Schadenslagen kommen vielleicht nur alle zehn Jahre vor. Aber genau darin liegt ja die Herausforderung. Weil sie so selten sind, wird das dafür benötigte Management einfach nicht gut genug trainiert.
Was sagen Sie zu der großen Hilfsbereitschaft während und nach dem Einsatz?
Hier will ich mal das Edeka–Center Friedebold hervorheben. Das hat uns nicht nur während des Einsatzes ungefragt verpflegt – und dass, obwohl der Markt nicht mal beschädigt war. Auch die Feier der Eigentümergesellschaft vom Handelscentrum für die Rettungskräfte war toll. Sie hatte mich gefragt, wie sie sich bedanken könne. Dass unsere Arbeit in dieser Form gewürdigt wird, das hat uns sehr beeindruckt.
Nach dem Brand kam heraus, dass Kinder, die nicht belangt werden können, die Verursacher waren. Was haben Sie gedacht, als Sie das erfahren haben?
Das erschüttert mich nicht mehr. Beim Reifenlagerbrand in Altlandsberg vor ein paar Jahren waren es auch Kinder, die zum Tatereignis unter 14 waren. Kinder gehören öfter zum Täterkreis von Brandstiftern.

