Auf der Straße des 17. Juni herrscht am Sonnabendvormittag fast Volksfeststimmung. Vor dem Brandenburger Tor wird Michael Jackson und Wind of Chance von den Skorpions gespielt.
Manche der Corona-Skeptiker haben Luftballons und Seifenblasen dabei, andere Schilder, die Angela Merkel (CDU) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Häftlingskleidung zeigen. "Schuldig" steht unter ihren Konterfeis geschrieben.
Unter den Demonstranten sieht man Menschen jeden Alters, viele sind aus Süddeutschland angereist. Militant wirkt der Großteil nicht. Eher wie Leute aus der Mitte der Gesellschaft. "Ich will eine offene Diskussion über die Maskenpflicht", sagt eine Yogalehrerin aus dem Schwabenland. "Wir haben am Anfang alles brav mitgemacht, aber nach vier Monaten verlange ich eine Debatte mit unterschiedlichen Virologen und Experten", erklärt die 50-Jährige. Ihre Maske hat sie in der Hosentasche. Um ihren Hals baumelt an einer Schnur ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel.

Corona-Proteste: Reichsbürger wollen den Kaiser

Ein paar Reichsbürger halten ein Transparent hoch: "Wir rufen den Kaiser". Auch Reichskriegsflaggen sind vereinzelt zu sehen. Kinder in weißen T-Shirts verteilen Zettel für die Initiative "Querdenken" aus Stuttgart, die die Kundgebung mit rund 22.000 Menschen angemeldet hat.
In den Straßen rund um das Brandenburger Tor wird es schnell eng. Immer wieder ziehen neue Gruppen los. "Bleibt bitte hier", tönt eine Frauenstimme von der Demobühne. "Wir sind jetzt schon so viele."
Die Polizei,mit rund 3000 Beamten im Einsatz, ist auf alles gefasst. Schließlich hatten Rechtsextremisten nach dem ursprünglichen Demoverbot im Internet zum Sturm auf den Reichstag mit Waffengewalt aufgerufen.
Die Berliner Polizei hat dagegen viel Erfahrung mit schwierigen Lagen, Absperrgitter und Wasserwerfer zu bieten. Die Beamten sind an diesem Tag trotzdem extrem gefordert, auch weil die Entscheidung, die Demo doch noch zu genehmigen, vor Gericht erst am Freitagnachmittag fiel.
Doch die meisten Protestler wirken friedlich. "Wir sind keine Rechtsextremisten. Wir sind mündige Bürger", hat Helge Schwarze auf eine gelbe Pappe geschrieben. Der 76-Jährige ist aus Schwerin angereist. "Ich bin auch kein Verschwörungstheoretiker, aber gegen die Willkür der Corona-Regeln und dass die Maskenpflicht nun mit einem Ordnungsgeld durchgesetzt wird."
An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden wird es inzwischen so voll, dass die Polizei Zugänge sperren muss. Nach mehrmaliger Aufforderung, die Abstandsregeln einzuhalten, was auch für Willige dort nicht mehr möglich ist, macht die Einsatzleitung der Berliner Polizei den Mund-Nasen-Schutz zur Auflage. Teilweise verteilen die Beamten selbst Masken an die Demonstranten. Doch zu sehen sind auch weiterhin nur freie Münder und Nasen.

Corona-Demonstration wird aufgelöst

Kurz nach 13 Uhr hat die Einsatzleitung die Faxen dicke: Über Lautsprecher verkündet die Polizei, dass es nun keine andere Möglichkeit mehr gibt, als den Demonstrationszug in der Friedrichstraße aufzulösen. Pfiffe übertönen die Ansagen, die kaum mehr zu hören sind. Manche der Demonstranten ziehen weiter zum Brandenburger Tor. "Wir bleiben hier", rufen andere. Die Polizei wiederholt entschieden: "Ihre Versammlung ist aufgelöst."
Die, die nicht hören wollen, bleiben eine Zeit lang von den Polizisten eingekesselt. Obwohl die Lauf-Demo aufgelöst wurde, werden von einem Wagen auf dem Boulevard Unter den Linden immer noch Reden gehalten. Die Nationalhymne ertönt und viele singen mit. Unterdessen greifen sich Polizeibeamte blitzschnell einen schwarzgekleideten Glatzkopf aus der Masse und ziehen ihn in eine Polizeiwanne. Er gehört augenscheinlich zu einer Gruppe von tätowierten Männern aus Bayern. Auf ihren schwarzen T-Shirts steht "Krawallbrüder". Die meisten trinken Cola-Rum aus der Büchse.
"Ihr marschiert mit Nazis und Faschisten", skandieren derweil rund 200 Teilnehmer eines linken Demonstrationszuges, der inzwischen die Ecke Friedrichstrasse/Linden erreicht hat.Die Polizei bildet eine menschliche Mauer, um sie von Rest der Demonstranten zu trennen.

Eskalation vor russischer Botschaft in Berlin

Die Stimmung ist nun aufgeheizt. Vereinzelt fliegen Flaschen, Baucontainer werden angezündet, bis zum frühen Abend gibt es 300 Festnahmen. Vor der Russischen Botschaft, wo sich laut Polizei eine Gruppe von 2000 bis 3000 Rechtsextremen und Reichsbürgern versammelt, eskaliert die Situation. Polizisten werden mit Steinen und Flaschen beworfen, sieben Beamte verletzt.
Im Schwitzkasten abgeführt wird auch Promi-Koch Attila Hildmann, als er versucht, die Absperrung an der Reichstagswiese zu überwinden, um eine nicht angemeldete Kundgebung abzuhalten. Hildmann ist bekannt für seine Verschwörungstheorien und antisemitischen Thesen, die er im Internet verbreitet.

Demonstranten stürmen Treppe des Reichstags

Zudem stürmen Demonstranten die Treppen zum Reichstag hoch. Sie werden von Polizisten mit Pfefferspray aufgehalten. Politiker zeigen sich bestürzt über die Szenen.
Rund 38.000 Teilnehmer sind nun laut Polizeiangaben rund um das Regierungsviertel unterwegs. Auf der Hauptmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule wirkt die Stimmung immer noch entspannt. Die Veranstalter weisen auf die Abstandsregeln hin, bedanken sich bei der Polizei für die "gute Zusammenarbeit" und rufen dazu auf, friedlich zu sein und zu helfen, "einzelne gewaltbereite Demonstranten der Polizei zu übergeben." Gleichzeitig wird die Abdankung der Bundesregierung gefordert. "Innensenator Geisel ist eine Geißel der Demokratie", heißt es.

Robert Francis Kennedy junior hält Rede

Mehr als 60 Lkw-Bühnen übertragen die Reden. Danach tritt der Rechtsanwalt Robert Francis Kennedy junior, Neffe des US-Präsidenten John F. Kennedy, an das Mikrofon. "Zu Hause in den USA berichten sie, ich wäre hier her gekommen, um mit 5000 Nazis zu reden. Aber wenn ich mich hier umschaue, sehe ich das Gegenteil", beginnt er seine Rede. Applaus brandet auf.
Als der Umweltaktivist und Impfgegner behauptete, die Pandemie sei seit einem Jahrzehnt geplant und die Zahlen erfunden, um die Menschen in Angst zu bringen, zu überwachen und zu reglementieren, ertönen vereinzelt Pfiffe aus dem Publikum. Doch die Mehrheit spendete weiterhin Applaus.

Zuhören von den Wiesen des Berliner Tiergartens

Die Veranstalter verhandeln derweil mit der Polizei. Ihre Aufforderung an die Teilnehmer werden schärfer: "Bitte geht einfach. Hört auf zu diskutieren, verteilt Euch einfach und schafft Platz. Warum steht ihr noch in Gruppen rum?", mahnen sie. Viele setzten sich auf die Wiesen des Tiergartens und hören sich die Reden über die vielen Lautsprecher an, die die Veranstalter auf der Straße des 17. Juni aufgebaut haben. Viele sind inzwischen auch ein wenig geschafft und froh, jenseits aller Solidaritäts-Schwüre einfach mal rasten zu können.