AfD in Brandenburg
: Politiker waren Teil verbotener Artgemeinschaft, hat das Folgen?

Mehrere AfD-Politiker aus Brandenburg waren Teil der rechtsextremistischen Artgemeinschaft, die das Bundesinnenministerium 2023 verboten hat. Welche Konsequenzen zieht die Partei?
Von
Jakob Kerry
Berlin
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AfD in Sachsen-Anhalt

Bei Recherchen tauchen zwei Politiker aus Brandenburg auf. Sie machen Politik für die AfD und sind in Dokumenten einer verbotenen Organisation zu finden.

Matthias Bein/dpa
  • Mehrere Brandenburger AfD-Politiker tauchen in Dokumenten der verbotenen Artgemeinschaft auf.
  • Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte Ende April 2026 das Verbot dieser rechtsextremen Gruppe.
  • Genannt werden Stefan Broschell und Ralf Janetschek; beide äußern sich nicht zu Details.
  • Das Innenministerium bestätigt Broschells frühere Mitgliedschaft, bewertet die Gruppe als nachrangig.
  • Die AfD führt die Artgemeinschaft auf ihrer Unvereinbarkeitsliste – zur Konsequenz gibt es keinen Kommentar.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Germanische Runen, Sittengesetze und Volkstänze – all das findet sich in einer Ausgabe der „Nordischen Zeitung“. Die Zeitung war die Stimme der „Artgemeinschaft“, so steht es auf der ersten Seite. Bei der Artgemeinschaft handelt es sich um einen im Jahr 2023 verbotenen Verein. Das Bundesinnenministerium unter der damaligen Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte ein Verbot ausgesprochen. Ende April 2026 wurde das Urteil vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bestätigt.

„Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“, wie sie vollständig heißt, richte sich „gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung“, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts.

Auch Brandenburger AfD-Politiker waren Teil der Artgemeinschaft. Zum Beispiel Stefan Broschell, der für die AfD in der Stadtverordnetenversammlung in Zossen im Landkreis Teltow-Fläming sitzt. Und Ralf Janetschek, der Fraktionsvorsitzende der AfD in der Gemeindevertretung von Letschin im Landkreis Märkisch-Oderland.

AfD und Artgemeinschaft: Neue Rechte und Nazi-Autoren

Beide Namen tauchen in internen Dokumenten der Artgemeinschaft auf, die unserer Redaktion vorliegen. Broschell hatte für den Verein noch zu Zeiten der D-Mark den „Buchdienst“ inne.

Die Artgemeinschaft

Sie wurde 1951 von dem ehemaligen NS-Funktionär Wilhelm Kusserow gegründet.

Seit den 1980er Jahren prägte vor allem Jürgen Rieger die Organisation.

Die Gruppe verbindet eine angeblich germanische Religiosität mit rassistischen, antisemitischen und rechtsextremen Vorstellungen.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Er steht als Kontakt in einer Bücherliste für die Artgemeinschaft, die sich im „antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin“ einsehen lässt. Das „apabiz“ ist ein in Berlin ansässiger Verein, der Informationen über Rechtsextremismus, Antisemitismus und die extreme Rechte sammelt, dokumentiert und für Bildungs- und Recherchearbeit bereitstellt.

Dort ist auch eine Bücherliste archiviert, in der der Name Stephan Broschell erwähnt wird. Die Liste heißt „Übersicht über lesenswerte Bücher“. Sie enthält Werke über Brauchtumspflege und alte Märchen, jedoch ebenso Werke von Autoren der Neuen Rechten. Und auch Bücher von einem Rassentheoretiker aus der Nazi-Zeit. Es ist zwar vermerkt, dass die Artgemeinschaft nicht mit allen Inhalten der Werke „einverstanden ist“ und auch „unzulässige politische Ausführungen“ darin enthalten seien, dennoch werden die Bücher in der Liste als „lesenswert“ benannt.

Mit seiner Rolle in einer verbotenen Organisation konfrontiert, schickt AfD-Politiker Broschell folgende Antwort: „Selbstverständlich kann ich Ihnen diese Fragen beantworten. Überweisen Sie zunächst 1000 € Honorar auf mein Konto.“

AfD-Politiker Broschell aus Brandenburg

Auch die Frage, ob er am 16. August 2025 am Gedenken für Udo Voigt in der Zentrale der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) teilgenommen hat, wie entsprechende Fotos nahelegen, beantwortet Broschell nicht. Voigt war lange stellvertretender Parteivorsitzender der NPD.

Das Innenministerium in Brandenburg bestätigt, dass Broschell früher Mitglied der jetzt verbotenen Artgemeinschaft war. Diese sei allerdings bis zu ihrem Verbot von „nachrangiger Bedeutung“ in Brandenburg gewesen, schreibt das Ministerium.

Innenministerium in Brandenburg bestätigt Teilnahme

Ein anderer Name, der in internen Dokumenten zur Artgemeinschaft auftaucht, ist der von Ralf Janetschek. Der AfD-Gemeindevertreter aus dem Landkreis Märkisch-Oderland war laut einer Mitgliederliste bei einem Treffen der Artgemeinschaft im Jahr 2005 anwesend. Die Liste liegt unserer Redaktion vor. Der Politiker sorgte in den vergangenen Wochen mit einem rassistischen Flugblatt für Aufsehen.

Darin steht unter anderem: „Einwanderer, egal woher sie kommen, aus der Antarktis oder aus Berlin, haben sich anzupassen und unterzuordnen.“ Janetschek wollte sich nicht zu seiner Mitgliedschaft in der Artgemeinschaft äußern und dazu, wie er auf das Verbot blickt.

Ralf Janetschek, AfD und Artgemeinschaft

Jemand, der die Verhandlung zum Verbot der Organisation in Leipzig intensiv verfolgt hat, ist Christoph Schulze. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Emil-Julius-Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus (EJGF) am Moses-Mendelssohn-Zentrum der Universität Potsdam.

„Die Artgemeinschaft war über Jahrzehnte ein wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk des militanten deutschen Neonazismus“, erklärt der Wissenschaftler. Zu der Ideologie der Organisation sagt Schulze: „Im Zentrum stand die Vergottung des ‚eigenen Blutes‘. Dementsprechend hatte die Artgemeinschaft einen „Arierparagrafen“ – nur wer zur eigenen Rasse gehörte, durfte beitreten“.

Doch nicht nur die Politiker selbst sind durch das Verbot in Erklärungsnot geraten, auch die AfD, für die sie heute Politik machen. Denn die Artgemeinschaft steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Wie ist eine Mitgliedschaft dennoch möglich? Die Partei äußert sich auf Nachfrage nicht dazu.
Hat die nun bekannte Artgemeinschaft-Vergangenheit Konsequenzen? Auch dazu: Kein Kommentar von der AfD.

Auf der Webseite der AfD heißt es zum Thema „Unvereinbarkeit“, dass man nur bei der Partei aufgenommen werden könne, sofern man „keiner rechtsextremen, linksextremen oder islamistischen Organisation“ angehöre. Wenn man in der Vergangenheit Teil einer Organisation war, die durch deutsche Sicherheitsorgane als extremistisch eingestuft wurde, sei man dazu verpflichtet, die Unvereinbarkeitsliste zu prüfen. Weiter heißt es: „Sollte diese Organisation dort aufgeführt sein, ist dies gleichzeitig mit dem Mitgliedsantrag schriftlich anzuzeigen.“

Dabei waren laut dem Experten Christoph Schulze bei Treffen der Artgemeinschaft Gewalttäter, Rechtsterroristen und spätere Mörder anwesend. Auch der Mörder von Walter Lübcke (CDU), dem Regierungspräsidenten von Kassel, war bis zum Jahr 2011 Mitglied der Artgemeinschaft.