ArtistsAgainstCorona
: Für Samuel Koch müssen „Künstler jetzt Lebenskünstler sein“

Der Schauspieler Samuel Koch ist Mitwirkender des virtuellen Theaterprojekts „ArtistsAgainstCorona“.
Von
Katharina Schmidt
Berlin
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  • Vor leerem Theatersaal: Der Schauspieler Samuel Koch liest bei den Dreharbeiten für die Künstlerplattform "ArtistsAgainstCorona" aus seinem Buch.

    Vor leerem Theatersaal: Der Schauspieler Samuel Koch liest bei den Dreharbeiten für die Künstlerplattform "ArtistsAgainstCorona" aus seinem Buch.

    Britta Pedersen/dpa
  • Samuel Koch bei seinem Auftritt für die Künstlerplattform "Artists Against Corona". Auf der Video-On-Demand Plattform bieten Künstler Ausschnitte aus ihrem Programm dar. Die Zuschauer können auf freiwilliger Basis ein virtuelles Ticket kaufen und damit während der Corona-Krise Künstler unterstützen.

    Samuel Koch bei seinem Auftritt für die Künstlerplattform "Artists Against Corona". Auf der Video-On-Demand Plattform bieten Künstler Ausschnitte aus ihrem Programm dar. Die Zuschauer können auf freiwilliger Basis ein virtuelles Ticket kaufen und damit während der Corona-Krise Künstler unterstützen.

    Britta Pedersen/dpa
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Das Video ist eines von über dreißig, die aktuell auf der Plattform „ArtistsAgainstCorona“ zu sehen sind. Jeder der kurzen Filme endet so unbefriedigend leise. Das soll so sein, „es ist ein Spiel mit dem Ausbleiben des Applauses“, erklärt Michael Starkl, Regisseur und Geschäftsführer der gleichnamigen Berliner Filmproduktionsfirma. In Kooperation mit der Kabarett-Bühne Wühlmäuse hat er ein virtuelles Theater ins Leben gerufen.

Luftküsse ins Leere

Die Idee verfolgt zweierlei Ambitionen: Künstlerinnen und Künstler die Chance zu geben, wieder ihre Profession auszuüben, und gleichzeitig auf deren schwierige Lage aufmerksam zu machen. In zehn- bis zwanzigminütigen Online-Beiträgen zeigen Comedians, Chansonniers, Magier, Sänger und Pantomimen auf der echten Bühne des Wühlmäuse-Theaters ihr aktuelles Programm. Den Fokus teilen sich die Künstler mit den roten Samtsesseln des leeren Publikumssaals im Hintergrund. In keiner Sekunde soll vergessen werden, dass eine vitale Kulturszene nur durch ihr Publikum existieren kann.

Daher beginnt jedes Video mit einem Intro, in dem sich die Künstlerinnen und Künstler ehrfürchtig vor dem leerem Theatersaal verbeugen. Die Sängerin Katharine Mehrling wirft dem fehlenden Publikum sogar Luftküsse zu. Comedian Ingo Appelt macht einen traurigen Scherz: „Manchmal hat es auch Vorteile: Ich sehe, die Stühle sind auch toll.“ Auf den Punkt bringt es sein Kollege Ingmar Stadelmann: „Jetzt spielst du den Text ohne Publikum und hörst sie im Kopf lachen. Aber der Raum ist leer. Als hätte man einem Hundertmetersprinter die Beine abgenommen. Es ist einfach verrückt.“

Hart von Corona getroffen

Kulturschaffende zählen zu den Berufsgruppen, die am härtesten von der Corona-Krise betroffen sind. Die abgesagten Veranstaltungen und geschlossenen Bühnen führten zum Wegbrechen sämtlicher Aufträge und Engagements. Das wird voraussichtlich auch so bleiben, da die zahlreichen Spielstätten der Hauptstadt wahrscheinlich frühestens ab Herbst wieder öffnen dürfen.

Für das virtuelle Theater konnte Regisseur Michael Starkl insgesamt 60 Künstler gewinnen. Dafür drehen er und sein Team alle zwei Wochen mit 16 Künstlern an zwei Tagen. Neben Musiker Bodo Wartke und Entertainerin Gayle Tufts wirkt auch der Schauspieler Samuel Koch mit. Er trat am Dienstag mit einer Lesung aus seinem Buch „Rolle vorwärts“ auf.

Samuel Koch sitzt nach einem Unfall in der Fernsehshow „Wetten, dass ..?“ im Rollstuhl. Seine Lähmung hielt ihn jedoch nicht davon ab, die Schauspielausbildung zu beenden, in mehreren Kinofilmen mitzuwirken und Ensemblemitglied am Mannheimer Nationaltheater zu werden.

Auch Krisen enden

Der 32-Jährige ist somit äußerst erfahren darin, sich von einem Rückschlag zu erholen. Im Interview mit dieser Zeitung rät er anderen Künstlern zu Geduld und Disziplin. „Alles hat ein Ende – auch diese Situation“, versichert Koch. „So eine Krise kann einem auch den Spiegel vorhalten und mit der Frage konfrontieren, ob sich die eigene Identität nicht auf mehr als das eigene Schaffen gründet.

Künstler sollten sich jetzt vor allem als Lebenskünstler verstehen und nach anderen Tätigkeiten suchen.“ Samuel Koch selbst habe sich als Erntehelfer beworben, doch hat es mit dem Spargelstechen nicht geklappt. „Aber vielleicht zur Obsternte im Herbst“, sagt er. Er verfüge aus einer früheren Theaterproduktion über einen Anhänger, den er an seinen Rollstuhl koppeln und so Hunderte Kilo transportieren könne.

Die Gelassenheit des krisenerfahrenen Koch stimmt optimistisch. „Ich bin guter Dinge, dass das alles einem besseren Zweck dient“, fügt er noch hinzu, bevor er in den leeren Theatersaal fährt.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Unterstützung durch Kauf von Tickets

Für die Videos besteht die freiwillige Option, virtuelle Tickets zu erwerben. Den Preis können die Zuschauer frei wählen. Die Organisatoren empfehlen zehn Euro. Der Erlös geht zu 80 Prozent an die Künstlerin oder den Künstler. Diese können entscheiden, ob sie damit ihr Honorar finanzieren oder ein Theater oder eine Organisation unterstützen wollen. Tickets und Videos sind abrubar unter: www.artistsagainstcorona.com

Die Darbietungen werden laut Veranstalter unter strengen Hygienerichtlinien produziert. Es werde in kleinen Teams gefilmt, ein Mund- und Nasenschutz getragen und der Mindestabstand gewahrt. ⇥kas