Ausbildung in Berlin
: Unternehmen wehren sich gegen Umlage für Lehrstellen

In Berlin kritisieren Wirtschaftsverbände die geplante Ausbildungsplatz-Umlage scharf. Was sind ihre Argumente?
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Ein Auszubildender zum Zerspanungsmechaniker arbeitet an einer Drehmaschine. Berlin will jetzt mit einer Ausbildungsplatzumlage für mehr Lehrstellen sorgen.

Ein Auszubildender zum Zerspanungsmechaniker arbeitet an einer Drehmaschine. Berlin will jetzt mit einer Ausbildungsplatzumlage für mehr Lehrstellen sorgen.

dpa/Marcus Brandt
  • Berlin plant ab 2027 eine Ausbildungsplatzumlage, wenn bis Ende 2025 keine 2.000 neuen Verträge entstehen.
  • Unternehmen zahlen in einen Fonds, aus dem ausbildende Betriebe Zuschüsse erhalten.
  • Wirtschaftsverbände kritisieren hohe Bürokratie, Zusatzkosten und geringe Wirksamkeit des Plans.
  • Gewerkschaften sehen Vorteile: Zuschüsse könnten Ausbildungsqualität und -attraktivität steigern.
  • Berliner Wirtschaft fordert bessere Berufsorientierung und Gleichstellung von Ausbildung und Studium.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Fast drei Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren haben in Deutschland keinen Berufsabschluss. Um das zu ändern, will man in Berlin nun politisch eingreifen und berät am Donnerstag (9.10.) im Abgeordnetenhaus die Einführung einer Ausbildungsplatzumlage.

Der Plan: Sofern bis zum Ende 2025 nicht 2.000 zusätzliche Ausbildungsverträge im Vergleich zu Ende 2023 abgeschlossen sind, soll ab dem 1. Januar 2027 die Ausbildungsplatzumlage greifen.

Unternehmen zahlen einen vorher festgelegten Betrag in einen gemeinsamen Fonds ein, unabhängig davon, ob sie ausbilden oder nicht. Aus diesem Fonds werden ausbildenden Betrieben die Kosten der Berufsausbildung, insbesondere die Ausbildungsvergütungen, erstattet.

Doch bei der Berliner Wirtschaft sorgt das Vorhaben für große Kritik. „Damit wird kein einziger Ausbildungsplatz entstehen“, sagte Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, am Dienstag (7.10.) auf einer eigens dafür einberufenen Pressekonferenz. Unternehmen, die ausbilden wollen und keine Azubis finden, würden damit doppelt bestraft, so die IHK-Chefin.

7.800 Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz

Denn 39 Prozent der Berliner Betriebe, die Lehrstellen anböten, hätten diese oder zumindest einen Teil davon besetzt bekommen. Dass viele Schulabgänger gar nicht wirklich an einer Lehrstelle interessiert seien, hätte die jüngste Ausbildungs-Messe gezeigt. „Von 1500 angemeldeten Jugendlichen, die angeblich einen Ausbildungsplatz suchten, tauchten nur 780 auf“, berichtet Schreiner.

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit allerdings zeichnen auf den ersten Blick ein anderes Bild. Ende August waren in Berlin noch 4.548 Lehrstellen unbesetzt. Gleichzeitig suchten noch mehr als 7.800 Bewerberinnen und Bewerber einen Ausbildungsplatz. Insgesamt hatten die Berliner Unternehmen knapp 13.700 Ausbildungsstellen bei der Arbeitsagentur gemeldet.

Das waren mehr als 2.000 weniger als im vergangenen Jahr. Allerding melden nicht alle Betriebe ihre offenen Ausbildungsstellen an die Jobcenter, sondern suchen lieber selbstständig nach Nachwuchs.

„Die geplante Umlage versucht, eine einfache Antwort auf ein sehr komplexes Problem zu finden“, betont auch Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin. Wenn Unternehmen ihre offenen Ausbildungsplätze nicht besetzen können, würde eine Ausbildungsumlage zur unnötigen Zusatzbelastung führen, glaubt er.

Umlage soll Betriebe zur Ausbildung motivieren

Bei der Preiskalkulation und bei Auftragsvergaben fürchtet er Wettbewerbsnachteile für Berliner Handwerksbetriebe zum Beispiel gegenüber Unternehmen aus Brandenburg. Notwendig sei eher eine strukturierte Berufsorientierung und die anerkannte Gleichwertigkeit von akademischen und dualen Ausbildungswegen, so Wittke. „Dabei muss man die jungen Menschen überzeugen, dass es vielleicht doch schlauer ist, eine Ausbildung zu machen, als ein Leben lang als Hilfskraft zu arbeiten.“

Der Berliner Senat will mit der geplanten Ausbildungsplatzumlage gerade für kleine und mittlere Unternehmen einen Anreiz geben, nicht aus finanziellen Gründen auf Berufsausbildung zu verzichten. „Ziel ist, über ein solidarisches Finanzierungssystem die Motivation der Betriebe zu erhöhen, Ausbildungsplätze zu schaffen, und im Ergebnis das Angebot an Ausbildungsplätzen in Berlin insgesamt spürbar zu verbessern“, heißt es dazu von der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung.

Dem widerspricht Franziska Teubert, Geschäftsführerin im Bundesverband Deutscher Startups. „Die Umlage schadet insbesondere kleinen Startups, die gerade in der frühen Phase oft noch gar keine Umsätze machen und kaum über finanzielle Ressourcen verfügen.“

Gleichzeitig seien diese kleinen jungen Unternehmen maßgeblicher Treiber für die wirtschaftliche Dynamik in der Hauptstadt, betont Teubert, die die Umlage als innovationsfeindlich bezeichnet. „Bei dieser ungeahnten Standortförderung aus Berlin knallen in München bestimmt die Korken.“

Gewerkschaft sieht Vorteile

„Das Geld aus der Umlage kommt gerade den Unternehmen zugute, die ausbilden“, hält Jakob Heidenreich, Jugendsekretär der IG Metall Berlin dagegen. „Wer ausbildet, bekommt durch die Ausbildungsplatzumlage einen Zuschuss, der beispielsweise durch mehr Personal und moderne Maschinen die Qualität und damit auch die Attraktivität der dualen Berufsausbildung steigert“, so der Gewerkschafter.

Die Quote der angebotenen Ausbildungsplätze liege in Berlin deutlich niedriger als im Rest der Bundesrepublik. „Wer ausbildet, wird durch die Ausbildungsplatzumlage nicht bestraft, wie es die Wirtschaft darstellt“, heißt es von der IG Metall.

Unternehmen in Berlin – Angst vor enormer Bürokratie

Doch noch mehr als die Kosten– die Abgabe soll maximal 0,5 Prozent von der Arbeitnehmerbruttolohnsumme betragen - fürchtet die Berliner Wirtschaft den Arbeitsaufwand, den die Einführung des neuen Gesetzes mit sich bringen könnte. „Bundesweit geht es darum, Bürokratie abzubauen und Unternehmen zu entlasten“, sagt Stefan Moschko, Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), der den Mittelstand vertritt.

„Berlin plant das genaue Gegenteil und will die Wirtschaft mit einem Gesetz überziehen, das einen enormen zusätzlichen Aufwand und weitere unnötige Kosten bringt.“

Das bestätigt Michael Zeimet, Geschäftsführer im Bereich Bildung der Handelskammer Bremen. In dem Stadtstaat wurde Anfang des Jahres schon ein Ausbildungsausgleichsfonds eingeführt. „Ein horrendes Verwaltungsverfahren, das hier aktuell niemanden befriedigt, weder die Betriebe, noch die Politik, noch die Verwaltung“, sagt Zeimet. Von den rund 22.000 in Bremen ansässigen Unternehmen hätten zudem rund 350 Firmen Klage eingereicht.

Das hätte auch dazu geführt, dass bisher rund 300.000 Euro zu wenig im Fonds sind, „Wie es sich abzeichnet, wird der Steuerzahler eingreifen müssen“, sagt Zeimet.

In Berlin wären rund 180.000 Unternehmen betroffen. „Auch hier wird es diverse Klagen gegen Abgaben-Bescheide geben“, glaubt Sven Weickert, Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Und er hat noch einen weiteren Einwand: Das duale Studium, bei dem die Ausbildung mit einem Studium kombiniert wird, lege immer stärker zu.

„Im gewerblich-technischen Bereich treten schon rund zehn Prozent der Schulabgänger so ein duales Studium an. Im Finanzwesen liegt die Quote sogar bei 30 bis 40 Prozent“, nennt Weickert Zahlen. Doch obwohl die Wahl dieses Ausbildungsweges immer beliebter würde, spiele er in dem aktuellen Gesetzentwurf keine Rolle, kritisiert der UBVV-Chef.

Offener Brief an Abgeordnete

Mit den Einwänden und Befürchtungen hat sich nun das Bündnis aus der Wirtschaft in einem offenen Brief an die Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses gewandt, um die Umlage abzuwenden.

Ansonsten bleibt nur noch die Chance, bis zum 31. Dezember 2025 die zusätzlichen betrieblichen Ausbildungsstellen vorzuweisen. Entscheidend dabei ist allerdings nicht die Zahl der angebotenen Lehrstellen, sondern der wirklich unterschriebenen Ausbildungsverträge. Wenn dies nicht gelingt, soll bis zum Sommer 2026 der Gesetzentwurf zur Umlage beschlossen werden.