Ausflug nach Polen: Wie sich ein Asia-Laden in ein Jüdisches Museum verwandelt

Reste des einstigen Tora-Schreins im Gebäude der Synagoge in Meseritz/Międzyryecz in Polen.
Nancy WaldmannAuf halbem Weg zwischen Frankfurt (Oder) und Posen (Poznań) – wo viele meinen, da wäre nichts außer Wald – liegt das 17.000-Einwohner-Städtchen Międzyrzecz, auf deutsch Meseritz.
Wer vor Jahren hier war, erinnert sich vielleicht an einen Asia-Markt im Stadtzentrum mit preiswerten Dingen, made in China. Auf zwei Etagen erstreckte sich der Laden, in einem stattlichen Altbau. Draußen an der Fassade hing ein rotes Banner mit der Aufschrift „Wielki Chiński Sklep“ („Großer chinesischer Laden“). Jetzt ist der hell geflieste Raum mit den halbmondförmigen Fenstern leer. Eine als „Notausgang“ beschriftete Tür, gesäumt von einem golden verzierten Bogen mit Säulen, sticht heraus.
Novum im Westen Polens
Das Gebäude ist die alte Synagoge, eine einst deutsche Synagoge, die den Juden von Meseritz als Gotteshaus diente, bis der deutsche NS-Staat sie vertrieb und ermordete. Nun soll hier ein Jüdisches Museum entstehen – ein Novum, denn in ganz Westpolen gibt es so etwas nicht. Bekannte Museen und Hotspots jüdisch-polnischer Kultur befinden sich im Osten: Warschau und Krakau, Sejny und Kielce – da, wo es Schtetl gab.
Bis es soweit kam, dass in Polen auch Orte deutschen Judentums gewürdigt werden, war es ein weiter Weg. Dass es in Międzyrzecz gelang, ist der Verdienst von Andrzej Kirmiel, Direktor des Museums des Meseritzer Landes (Muzeum Ziemi Międzyrzeckiej), das sich in der alten Burganlage am Obra-Fluss befindet.
Noch unter der rechten PiS-Regierung konnte das Museum mit staatlicher Förderung das Objekt von einem privaten Eigentümer erwerben. Der Historiker und Judaistik-Experte ist froh, dass jetzt nicht mehr Schlüpfer und Winke-Katzen vor den Resten des heiligen Tora-Schreins, des einstigen Altarbereichs der Synagoge, verkauft werden.
Vertrieben aus Brandenburg, in Polen aufgenommen
Kirmiel befasst sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Region, und die ist besonders multikulturell, das heißt deutsch-polnisch-jüdisch. Hinter Meseritz, fast hundert Kilometer östlich der Oder, verlief bis zum Zweiten Weltkrieg die deutsch-polnische Grenze. Und bis Ende des 18. Jahrhunderts verlief sie sogar noch davor, das heißt Meseritz gehörte zum polnischen Staat. Das war auch der Hauptgrund, warum Juden hierherzogen. Denn die Juden waren aus Brandenburg und Schlesien vertrieben worden, der polnische König gab ihnen Asyl.
Die erhaltene Synagoge aus Stein baute sich die Meseritzer Gemeinde in den 1820er Jahren. Da gehörte die Stadt schon zu Preußen, die Juden wurden nicht mehr verfolgt. In der Zeit lebten gut tausend in der Stadt – ein Drittel der Bevölkerung. Gut hundert Jahre später, als Hitler an die Macht kam, waren es noch gut hundert. 1942 deportierten die Nazis die letzten Meseritzer Juden in Konzentrationslager.

Andrzej Kirmiel leitet das Regionalmuseum in Miedzyrzecz / Meseritz in der Wojewodschaft Lubuskie in Polen. Jetzt gehört auch die alte Synagoge dazu. Einst lag sie im eng bebauten jüdischen Viertel.
Nancy Waldmann1938 geplündert, aber nicht abgebrannt
Die Synagoge aber überstand die „Reichskristallnacht“ 1938, so wie es in mancher Kleinstadt der Fall war. Angefackelt wurde sie laut Überlieferung zwar, aber wohl eher symbolisch. So blieb das Gebäude verschont. „In der Stadt kannte man sich ja, die Juden waren Nachbarn. Zum Plündern der Synagogen der Region kamen überwiegend SA-Einheiten aus Frankfurt (Oder)“, berichtet Andrzej Kirmiel. So verschwand die Innenausstattung weitgehend, das Haus wurde als Lagerhalle genutzt.
So war es auch nach 1945, als Meseritz polnisch wurde. Der sozialistische Staat übernahm das Objekt, wie es in den postdeutschen Regionen üblich war. Fenster wurden zugemauert, Zierelemente weggemeißelt, ein Eingang in die Ostwand gebaut, wo sich der Aron ha-Kodesch, der Tora-Schrein, befand, um unter anderem eine Flaschenankaufstelle einzurichten. In den 1970er-Jahren erhielt das Gebäude Denkmalschutz, allerdings wurde nichts saniert.
Video von 2015: Eine jüdische Besuchergruppe sieht sich die alte Synagoge an, in der sich damals noch der Asia-Laden befand.
Frühere Synagoge in Posen wird in Wohnhaus umgebaut
Nach Ende des Kommunismus bekam die nächstgelegene jüdische Gemeinde in Stettin das Gebäude übereignet, denn in Międzyrzecz gibt es keine Juden mehr. Schon damals gab es die Idee für ein Kulturzentrum, eine Bürgerinitiative setzte sich sogar ein – erfolglos. Nicht nur in Międzyrzecz war das Problem, dass die kleinen polnischen Gemeinden überfordert waren mit dem Erhalt solcher Immobilien, die ihnen im Zuge von Restitution zufielen.
Auch eine Warschauer Kulturerbe-Stiftung, die das Objekt übernahm, war nicht imstande, es zu sanieren. So wurde die Meseritzer Synagoge in private Hände billig verkauft. Dasselbe geschah im nahen Posen, wo ein Investor nun die alte Synagoge, aus der die Nazis ein Schwimmbad machten, in ein Wohnhaus umbauen will. Bürger wollen das verhindern, aber die Baugenehmigung ist schon ausgestellt.
Rechter Minister machte Geld locker
In Międzyrzecz nahm die Sache einen glücklicheren Lauf. Der Mann, der das alte Gotteshaus 2005 kaufte, rettete das Gebäude vor dem Verfall, sanierte es samt der denkmalgeschützten Reste des Toraschreins. Dafür durfte er die alte Empore abreißen und eine Zwischendecke in den Gebetsraum einziehen. So schuf er Verkaufs- und Bürofläche.

Abgenommene Stuckelemente aus der Synagoge befinden sich noch auf dem Dachboden.
Nancy WaldmannAls der Asia-Laden in der Coronazeit pleite ging und das Gebäude wieder zum Verkauf stand, gab es eine zweite Chance. Kirmiel überzeugte den damaligen Vize-Kulturminister, Jarosław Sellin, Geld für den Rückkauf lockerzumachen: vier Millionen Złoty (rund 900.000 Euro). „Ich glaube, es gelang, weil Sellin aus der Kaschubei kommt. Der hat einen anderen Blick auf das deutsch-polnische Grenzland als PiS-Politiker normalerweise“, meint Museumsdirektor Kirmiel.
Neue Regierung prüft alle Projekte
Nun hat die neue liberale Regierung von Donald Tusk die Mittel für alle Kultureinrichtungen im Land vorerst gestoppt, um die Projekte der Vorgängerregierung einer Revision zu unterziehen. Andrzej Kirmiel wartet also auf Nachricht aus Warschau, ist aber zuversichtlich. „Der Staat hat das Objekt schon gekauft. Es macht keinen Sinn, nun die Pläne für das Museum zu verwerfen.“ Neben der Sanierungsmaßnahmen und dem Aufbau der Ausstellung war Geld für sechs bis acht neue Stellen vorgesehen. Das polnische Kulturministerium beantwortete eine Mail-Anfrage dazu nicht.
Museumsdirektor Kirmiel hat seinen Plan schon fertig im Kopf. Auf den beiden Ebenen, auf denen Ware aus dem Reich der Mitte gehandelt wurde, will er eine Ausstellung in vier Teilen aufbauen. Zur Einführung soll es um die Bibel als gemeinsames Buch von Juden und Christen gehen - Kirmiel sieht sich auch als Erklärer des Judentums gegenüber den polnischen Katholiken.

Alte deutsche Synagoge in Międzyrzecz, früher Meseritz, steht unweit der Durchgangsstraße.
Nancy WaldmannMuseum über brandenburgisches Grenzland - sehenswerter Friedhof
Einen Teil zu jüdischen Feiertagen soll es außerdem geben. Der wichtigste Teil sei der über das jüdische Leben im alten brandenburgisch-polnischen Grenzland. "Das ist unsere gemeinsame Geschichte", sagt Kirmiel. Ihm schwebt mehr vor als nur ein Museum. Er träumt von einem Deutsch-Polnischen Grenzland-Zentrum für Konferenzen, Begegnungen, Seminare. Kontakte zur Viadrina in Frankfurt (Oder) und nach Potsdam gibt es schon. Gelegentlich besichtigen bereits Gruppen aus Deutschland das Objekt.
Zur Zeit ist Andrzej Kirmiel vor allem auf der Suche nach Dingen, die er im Museum zeigen kann, denn an originalen Gegenständen gibt es vor Ort nur noch einen Kerzenleuchter, ein Gebetsbuch, das im Dachstuhl versteckt war, sowie einige Stuckelemente. Eröffnung könnte in zwei Jahren sein – wenn das Geld denn rechtzeitig fließt. Derzeit sieht es aber so aus, als wenn das nicht vor 2025 passiert.
Mindestens so spannend wie fertige Museen, sind unfertige Gebäude. Es lohnt sich, vorher nach Międzyrecz zu fahren und Andrzej Kirmiel um eine Baustellenführung zu bitten. Sehenswert ist auch der große jüdische Friedhof im 20 Kilometer entfernten Skwierzyna, einer der eindrucksvollsten in Polen.

