Ausstellung in Berlin: Darum flasht die neue Dalí-Schau sogar die Generation Z

In der Ausstellung „Dalí Surreal“ in Berlin-Neukölln werden weltberühmten Kunstwerke von Salvador Dalí mithilfe von aufwendigen Lichtinstallationen und Projektionen zum Leben erweckt.
Maria NeuendorffManche Menschen empfinden den klassischen Besuch eines Museums oder einer Galerie eher als dröge. An starren Gemälden und Skulpturen vorbeizuschlendern und diese ohne Erklärungen selbst zu deuten, ist nicht jedermanns Sache. Die sogenannten immersiven Ausstellungen, bei denen Kunstwerke alter Meister mithilfe von modernster Technik und Musik recht spektakulär zu Bewegtbildern animiert werden, haben dagegen das Potenzial, auch Kunstbanausen zu begeistern.
Eine neue Schau im Speicher in Neukölln widmet sich dem Künstler und Maler Salvador Dalí (1904–1989) und ist mit Ticketpreisen ab 22 Euro wie die meisten Multi-Media-Ausstellungen nicht ganz billig. Wer ein Online-Ticket erworben hat, sollte sich zusätzlich noch eine Euro-Münze für eines der Schließfächer einstecken. So kann man Winterjacke und Tasche sicher deponieren, um frei von Ballast in die surreale Welt des katalanischen Künstlers einzutauchen.
Bilder mit zwei Ebenen
Am Anfang wähnt man sich noch in einer ganz „normalen“ Ausstellung. Bildertafeln mit kurzen Anmerkungen zu Dalís Leben und Wirken führen in die Materie ein. Doch schon bald merkt man, dass einige Bilder in den abgedunkelten Räumen des zur Kunsthalle umgebauten Industriebaus eine zweite Ebene haben. Ein Zimmer mit Lippen-Sofa wird beim genaueren Hinsehen zum Gesicht von Hollywood-Ikone Mae West, das Akt-Bild einer Frau, die aus dem geöffneten Fenster auf das Meer schaut, mit gewissem Abstand betrachtet, zum Konterfei eines Mannes.

Die Bilder des Künstlers Dalì, die derzeit in Neukölln gezeigt werden, haben oftmals mehrere Ebenen, die man erst bei genauerem Hinsehen erkennt.
Maria NeuendorffFast schon besessen von optischen Täuschungen, nutzte Dalí die damals neuesten Technologien wie dreidimensionale Brillen, Teleskope und Hologramme. Der spanische Maler gilt auch als einer der ersten Künstler, die mit Fotografie und Kybernetik experimentierten. Fasziniert studierte und nutzte er die grafische Darstellung durch Pixel.
Seine Kreativität nährte sich unter anderem von wissenschaftlichen Erkenntnissen, zum Beispiel von Max Planck und Albert Einstein, erfährt der Ausstellungsbesucher. Berühmt sind Dalís „weiche Uhren“, die in der katalanischen Dünenlandschaft unter der Sonne dahinzuschmelzen scheinen. Für Kritiker sind sie nichts anderes als eine visuelle Interpretation von Einsteins Relativitätstheorie, die die Beziehung zwischen Raum und Zeit darstellen.
Kunst mit Gänsehaut-Potenzial
Dalís surrealistische Werke eigenen sich bestens für die schon fast eigene Kunstform der immersiven Ausstellung, bei der mit aufwendigen Lichtinstallationen und Projektionen Werke klassischer Künstler, teils vergrößert, regelrecht zum Leben erweckt werden. So kann man auch im alten Speicher unweit des S-Bahnhofs Sonnenallee in einem großen Raum auf Sitzhockern Platz nehmen und sich von den Bildern, die an alle Wände und auf den Boden projiziert werden, quasi umfließen lassen – bis einem leicht schwindelig wird oder man Gänsehaut bekommt.
Die Fahrt durch die Pixel wirkt wie eine Reise in Lichtgeschwindigkeit durch das Weltall oder eine Expedition durch Milliarden von Molekülen, die sich zu einem nie enden wollenden Strom aus feinsten Sandkörnern vereinigen, um dann wieder zu zerfließen.
Dalís Bilder zu Elektro-Rhythmen
Dann erscheinen wieder reale Augen in Seifenblasen und Kreaturen mit surrealistischen Körperteilen und der Künstler selbst mit seinem extravaganten Spitzbart. Das alles verschwimmt zu einem optisch-musikalischen Gesamtkunstwerk. Untermalt wird es mal von modernen Elektro-Rhythmen, psychedelischen Tönen, die aus der neuen Babylon-Berlin-Staffel stammen könnten, aber auch von der berühmten Piano-Musik des französischen Komponisten Erik Satie.
Immersive Ausstellungen liegen in Berlin im Trend und feierten mit „Hieronymus Bosch: Visions Alive“ schon 2016 in der Alten Münze in Mitte Premiere. In der ehemaligen Geldpräge-Anstalt an der Klosterstraße waren auch schon Multimedia-Ausstellung zu Van Gogh und Monet zu sehen.
Am 10. November eröffnet zudem ein ähnliches 360-Grad-Erlebnis mit Bildern der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo im neuen Nåpoleon Komplex in den ehemaligen Werkstatthallen der Deutschen Bahn in der Nähe des Bahnhofs Ostkreuz. Anfang Dezember können dann auch Dino-Fans in den Rathenau-Hallen der ehemaligen Transformatorenfabrik Oberschöneweide in die Film-Szenen von Jurassic Park eintauchen.
Doch der Show-Room mit 3D-Feeling bei der Dalí-Ausstellung, in dem man mindestens 30 Minuten immer wieder etwas Neues entdeckt, ist noch nicht der Höhepunkt der Schau in Berlin-Neukölln. Nach einer Mitmachstation, an der Kinder wie Erwachsene mithilfe von Dalí-Mustern selbst Collagen malen und per Knopfdruck an die Wand projizieren können, endet der Rundgang in einem extra VR-Bereich.

Das immersive Ausstellungserlebnis „Dalí Surreal“ in Berlin.
Maria NeuendorffFür 3 Euro Aufpreis kann man sich hier von den Ausstellungs-Mitarbeitern die VR-Brille aufsetzen und sich per Segelschiff auf eine zwölfminütige virtuelle Reise schicken lassen. Dabei bewegt man sich selbst auf einer begrenzten Fläche. Der Zaun ist in der virtuellen Welt die Reling, an der man sich teilweise festhalten will, angesichts der stürmischen Fahrt durch Zeit und Raum.
Besucher können einfach nur staunen angesichts der überdimensionierten Dalí-Elefanten mit Storchenbeinen oder der Riesenameisen, die doch eben in den Original-Bildern noch ganz klein waren. Sie können in eine Kerze und ihr Licht eintreten, ohne sich zu verbrennen, oder einfach nur erschrecken angesichts des Urknalls, der sich vor dem Bug des Schiffes am Himmel vollzieht. Spätestens an dieser Station ist auch die Generation Z geflasht vom Altmeister Dalí und der Technik der Ausstellungs-Macher, die seine Bilder unterhaltsam ins Heute gebeamt haben.
Tickets und Zeiten
„Dali Surreal“ bis 4. Februar 2024 im Neukölln Speicher direkt neben dem Estrel. Geöffnet ist dienstags, mittwochs und sonnstags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Donnerstags, freitags und und sonnabends von 10 bis 20 Uhr. Karten ab 22 Euro unter www.dali-surreal.com

