Ausstellung in Berlin
: Polizei und Feuerwehr erzählen von ihren traumatischen Erfahrungen

Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr werden im Dienst beleidigt, geprügelt und angestochen: Sie berichten in einer Ausstellung in Berlin von ihren extremen Einsätzen. Wer ist der Mensch dahinter?
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Brandoberinspektor Oliver Mertens aus Berlin gehört zu rund 40 Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr, die traumatisierende Erlebnisse schildern.

Markus Hauschild/Initiative für Respekt und Toleranz

Der Notruf, der ihn selbst in größte Gefahr bringen sollte, führte Brandoberinspektor Oliver Mertens zu einer Messerstecherei in Berlin. Für zwei von drei Opfern kam jede Hilfe zu spät. Dem dritten Mann waren die Genitalien abgetrennt worden. Weil Mertens und seine Leute ihn sofort versorgten und schnell genug ins Krankenhaus brachten, überlebte er.

Erst als Mertens, damals noch Rettungssanitäter, in der Klinik erschöpft seine Schutzkleidung auszog, um sich das Blut abzuwaschen, merkte er, dass er selbst einen Messerstich abbekommen hatte. „Da wollte wohl jemand nicht, dass ich diesem Menschen das Leben rette“, sagt der 57–Jährige heute.

Jede Stunde ein Angriff in Berlin

Seine Erlebnisse sind nun Teil der Wander–Ausstellung „Der Mensch dahinter“, die derzeit durch Berlin tourt und nach einer kurzen Stippvisite in der Landesvertretung Nordrhein–Westfalen ab 5. Februar im Rathaus Neukölln zu sehen ist. Mit rund 40 Exponaten möchte die in Münster gegründete Initiative „Für mehr Respekt und Toleranz“ auf die steigende Gewalt gegen Polizisten, Feuerwehrleute und Ordnungsamtsmitarbeitende hinweisen.

Zu ihren Foto–Porträts schildern Einsatzkräfte aus ganz Deutschland darin ihre dramatischsten Einsatzerfahrungen, warum sie ihren Beruf ergriffen haben und was die Übergriffe mit ihnen machen.

Aus Berlin haben sechs Männer und Frauen mitgemacht, die allesamt Mitglieder der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP) sind. „Wir reden mittlerweile darüber, dass allein in der Hauptstadt in jeder Stunde eine(r) meiner Kolleginnen und Kollegen im Dienst angegriffen wird. Dahinter stecken Menschen, Mütter, Väter, Söhne, Töchter, Freunde und Lebensgeschichten“, betont GdP–Landeschef Stephan Weh.

Als Gewerkschaft mache man seit Langem auf die steigende körperliche, aber auch psychische Gewalt gegen Menschen aus dem Öffentlichen Dienst aufmerksam und problematisiere die langjährigen Folgen für den Einzelnen, die diese Angriffe mit sich bringen.

Täter unter Drogen oft schmerzunempfindlich

„Getreten und geschlagen wurde ich bei Festnahmen oft“, sagt auch Katrin Gerlach, eine weitere Protagonistin der Ausstellung. Im Streifendienst sei man meistens nur zu zweit und deshalb weitestgehend auf sich allein gestellt, berichtet die Polizeihauptkommissarin. Wenn dazu ein Täter unter Drogen stehe und so gut wie schmerzunempfindlich ist, sei die Situation oft unkalkulierbar.

So wie der Mann, der einen schweren Diebstahl bei „Tchibo“ in Pankow begangen hatte. Nachdem Gerlach und ihr Kollege ihn nach einer kurzen Verfolgungsjagd stellten, wehrte er sich so heftig, dass sie vier weitere Kollegen zur Hilfe holen mussten. Katrin Gerlachs Hand wurde dabei trotzdem so verletzt, dass sie sie nicht mehr bewegen konnte und den Dienst abbrechen musste.

Katrin Gerlach wollte schon als Kind Polizistin werden. „Ich wollte einen Beruf mit viel Action, aber im Vordergrund stand der Gerechtigkeitssinn.“ Inzwischen ist die junge Mutter als Personalrätin der Polizeigewerkschaft in den Innendienst gewechselt. Aus ihrer Zeit auf den Polizeiabschnitten in Pankow und Tegel weiß sie, woran es Kollegen fehlt, zum Beispiel an Bodycams, berichtet die Berlinerin in der Ausstellung.

Wollte schon als Kind Polizistin werden: Katrin Gerlach, Polizeihauptkommissarin aus Berlin, vor der Tafel mit ihrem Portait.

Benjamin Jendro/GdP

Die tragbaren, an der Kleidung befestigten Kameras sollen dem Schutz der Beschäftigten vor Übergriffen, der Erhebung von Beweismitteln für zivilrechtliche Ansprüche sowie der Abschreckung und Deeskalation dienen.

Angriffe auf Polizei und Feuerwehr nehmen zu

Denn die Beleidigungen und Übergriffe auf Polizisten und Feuerwehrleute haben in Berlin zugenommen. Die genaue Statistik wird noch veröffentlicht, aber die Polizei geht für 2023 von rund 15 Prozent mehr Angriffen auf Polizisten und 30 Prozent mehr Angriffen auf Feuerwehrleute aus als im Vorjahr. 2022 sind nach Angaben der Polizei 2291 Polizisten Opfer eines tätlichen Angriffs geworden.

Aber auch in diesem noch jungen Jahr gab es schon bedenkliche Meldungen. Bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden Mitte Januar laut Polizeiangaben 21 Polizisten verletzt. Demonstranten schlugen teilweise mit Holzlatten und Metallstangen auf Beamte ein.

BMW–Fahrer rast in Berlin auf Polizisten zu

Bei einer Geschwindigkeitskontrolle in Wilmersdorf raste ein BMW–Fahrer mit falschen Kennzeichen auf zwei Polizisten zu, die ihn kontrollieren wollten. Erst als einer daraufhin mehrere Schüsse in Richtung BMW abgab, wendete der Fahrer über den Mittelstreifen und flüchtete.

„Es hat sich zum Trendsport entwickelt, Polizisten bei Fahrzeugkontrollen gezielt zu überfahren und damit schwerste Verletzungen und gar ihren Tod zu riskieren“, sagt GdP–Sprecher Benjamin Jendro, der von einer Notwehrsituation spricht, bei der der Kollege nur noch durch Schüsse aus seiner Dienstwaffe womöglich Schlimmeres verhindern konnte.

Ursprung der Ausstellung liegt Jahre zurück

Die Wander–Ausstellung wirkt angesichts der Nachrichten und Statistiken aktueller denn je. Dabei liegt ihr Ursprung ein paar Jahre zurück. „Nach den Ausschreitungen 2020 in Stuttgart haben wir die Initiative gegründet, um den Menschen ein Gesicht zu geben, die tagtäglich für unsere Sicherheit im Einsatz sind, dafür bepöbelt, bespuckt und geschlagen werden“, erklärt Andrea Wommelsdorf, Mitinitiatorin der Initiative „Für mehr Respekt und Toleranz“ aus Münster. Die wachsende Gewaltspirale müsse ein Ende haben. „Wir hoffen, mit der Ausstellung ein Zeichen zu setzen und mehr Leute dazu zu bewegen, nicht nur den Amtsträger in Uniform zu sehen, sondern den Menschen dahinter.“

Traumatische Bilder, die bleiben

Viele von ihnen müssen auch, ohne selbst in Lebensgefahr zu geraten, mit traumatischen Situationen klarkommen. „In der größten Not müssen wir Ruhe und Sicherheit ausstrahlen“, bringt es Brandoberinspektor Oliver Mertens auf den Punkt. Er erzählt von einem Mitarbeiter der Berliner Elektrizitätswerke, dessen Beine unter einem tonnenschweren Transformator eingeklemmt waren. Er sei bei Bewusstsein und ansprechbar gewesen.

Doch Mertens und seine Leute wussten, dass er verbluten würde, wenn sie den Transformator anheben. So gaben sie dem Mann das Telefon, damit dieser sich von seiner Frau verabschieden konnte. „Solche Bilder kann man nicht vergessen, sie bleiben und verändern einen.“

Oliver Mertens ist trotz bis heute seinem Beruf treu geblieben und engagiert sich auch als Vorstandsmitglied der GdP für seine Kollegen. „Wir erleben viel Unglück, aber wir schenken auch Leben, und das ist der Ausgleich — etwas, das uns glücklich macht.“

Die Wander–Ausstellung „Der Mensch dahinter“ wird im Rathaus Neukölln vom 5. bis 23. Februar während der regulären Öffnungszeiten gezeigt. Der Eintritt ist frei.