Berlin Marathon 2024: Künstliches Knie, Überfall – Peter Bartel (82) stoppt nichts

Peter Bartel (82) trainiert bis heute regelmäßig beim SG Nord und will beim 50. Berlin Marathon dabei sein.
dpa/Paul Zinken/Peter Bartel, CollageBeim 50. Berlin-Marathon am Sonntag, 29. September, werden mit 58.212 Teilnehmern so viele Menschen aktiv sein wie noch nie. Peter Bartel (82) wird auch wieder an den Start gehen. Obwohl er beim Laufen schon einmal überfallen wurde und nun ein künstliches Knie hat.
Im Interview erzählt er, was ihn antreibt.
Herr Bartel, Sie waren 1974 beim ersten Berlin-Marathon dabei. Wie kam es dazu?
Mein Kumpel und ich waren eigentlich Tennisspieler, aber wir konnten uns keinen Trainer leisten. Wir dachten uns, wenn wir statt der Schlagtechnik durch das Laufen wenigstens unsere Kondition verbessern, können wir vielleicht im dritten Satz doch noch gewinnen.
Welche Erinnerungen haben Sie an den Lauf?
Die Veranstaltung hieß damals noch Berliner Volksmarathon und verlief nicht wie heute durch die Stadt. Das Startgeld betrug zwölf Mark. Wir waren 286 Teilnehmer und liefen vom Mommsenstadion an der Avus entlang nach Wannsee und wieder durch den Grunewald zurück zum Stadion, und das zweimal. An der Strecke gab es kaum Verpflegung so wie heute, nur Wasser und Salztabletten.
Und haben die geholfen?
Ich war langsam unterwegs, ich wollte einfach nur ins Ziel kommen. Meine Zeit betrug vier Stunden und 41 Minuten. Ich wurde 176. Überrascht hat mich, dass ich zu keinem Zeitpunkt an Aufgabe dachte. Geholfen hat sicher meine Frau, die mich am Rundenende am Mommsenstadion angefeuert hat.
Ihr Freund Günter Hallas hat damals sogar gewonnen...
Ja, das war auch eine Überraschung. Er war nicht mit dem Ziel zu gewinnen angetreten. Er wollte einfach nur mitlaufen. Aber er war als Postbote auch durch das Treppensteigen gut trainiert, damals gab es noch wenig Briefkästen. Günter hat aber auch die passende Marathon-Figur. Er ist ja heute noch ein hagerer Mensch.
Berlin Marathon – Vom Grunewald in die Stadt
Danach hatten Sie beide Blut geleckt?
Wir haben im Hermsdorfer SC eine Laufgruppe gegründet. Allgemein kann man behaupten, dass, wenn nicht ein paar Leute in den ersten Jahren dabeigeblieben wären, es den Berlin-Marathon heute so nicht geben würde. Wir waren ja reine Amateure. Doch alleine das Wort Marathon hatte damals eine große Faszination auf uns. Heute wird das ja in allen möglichen Bereichen gebraucht. Wenn im Bundestag mal eine halbe Stunde länger debattiert wird, dann ist das gleich eine Marathon-Sitzung.
Wann kam der Durchbruch der Berliner Laufveranstaltung?
1981, als das Rennen aus dem Wald in die Stadt verlegt wurde. Da gingen dann mit rund 2500 Leuten gleich zehnmal so viele an den Start. Danach fing der Marathon an, sich international zu entwickeln. Als man dann nach der Wiedervereinigung das erste Mal durch das Brandenburger Tor lief, da war das schon emotional, da hat man schon feuchte Augen bekommen.
Wie oft sind Sie insgesamt angetreten und was war Ihre Bestzeit?
Beim klassischen Berlin-Marathon bin ich insgesamt 18 Mal ins Ziel gelaufen. Meine Bestzeit erreichte ich 1985 mit 2:56. Da habe ich aber auch elf Jahre dran gearbeitet. Danach war Ende, da habe ich gemerkt, ich kann mich nicht mehr verbessern. Ich dachte dann, ich kann zwar nicht mehr schneller laufen, aber dafür vielleicht länger.

Peter Bartel trat beim ersten Berlin-Marathon am 13. Oktober 1974 mit der Startnummer 48 an.
Barbara BartelSie sind dann auf 100 Kilometer umgestiegen. Was war Ihre längste Strecke?
1995 der Spartathlon. Das ist ein Ultramarathon von Athen nach Sparta über eine Distanz von 246 Kilometern. Das war das Schlimmste, was ich je gemacht habe, eine echte Quälerei. Nach 211 Kilometern habe ich aufgegeben, auch weil ich kein Hitzeläufer bin. Zwei Jahre später habe ich den Spartathlon dann aber doch noch mit Ach und Krach geschafft.
Sie haben ein künstliches Knie. Wie kam es dazu?
Ich nahm in Berlin an einem 24-Stunden-Spenden-Staffellauf für die Obdachlosenwinterhilfe der Berliner Stadtmission teil. Irgendwann nachts waren wir nur noch zu dritt unterwegs. Zwei Frauen und ich. Als ich dann ganz alleine auf der Strecke war, kamen plötzlich zwei Männer auf mich zu. Ich dachte in der Dunkelheit, dass sie sich über diese eigenartige Laufveranstaltung informieren wollten. Doch sie griffen mich an und holten mich so von den Beinen, dass mein Knie danach kaputt war.
In den vergangenen Jahren hat man Sie mit einem Roller beim Berlin-Marathon gesehen. Was hat es damit auf sich?
In Absprache mit den Veranstaltern fahre ich mit einem Tretroller hinter den letzten Läufern und vor dem sogenannten Besenwagen, um die Sportler zum Durchhalten zu animieren, damit der Begleitbus nicht so schnell überfüllt ist. Ich habe Magnesium, Pflaster und eine Rettungsdecke dabei und werde inzwischen schon Roller-Peter genannt.
Was war dabei Ihr emotionalster Moment?
Das war kurz nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges. Da stieß ich am Ende des Feldes auf eine Ukrainerin, die trotz des Dramas versuchte, ihren ersten Marathon zu laufen. Ich bin dann ab der Siegessäule bei ihr geblieben. Sie hat durchgehalten. Im Ziel wartete ihr Mann mit einer ukrainischen Flagge. Wir sind dann da zu dritt durchs Ziel. Das Bild ging nachher um die Welt.
Dann ist für Sie der Berlin-Marathon mehr als Sport?
Ja, denn dabei kommen Läufer aus Nationen zusammen, die sonst eher die Fäuste ballen, als dass sie sich die Hände schütteln. Vielleicht sollte man nur noch Sportler an die Regierung lassen.
Was war Ihr persönlich größter Triumph?
Ich habe für die Hilfsorganisation „Wir packen's an“, die direkte Spenden zu notleidenden Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen bringt, Schuhe gesammelt. Ich war dazu unter anderem auch auf Märkten in Berlin und Brandenburg unterwegs. Zum Schluss sind rund 1500 Schuhe zusammengekommen, die direkt in den Erstaufnahmelagern landen. Das war für mich ein großer Erfolg, dass ich auch im fortgeschrittenen Alter etwas Gutes bewirken kann.
Vier Marathon-Veteranen erneut am Start
Sie haben auch das Ehemaligen-Treffen der Laufveteranen von 1974 organisiert.
Ja, das war gar nicht so einfach. Denn 1974 wurden weder der Jahrgang, noch der Wohnort, noch der Verein der Läufer festgehalten. Ich habe mich durch Ergebnislisten und Telefonbücher gekämpft und Vereine durchtelefoniert. Von den Finishern von damals konnte ich 105 ausfindig machen. Der jüngste war 69 und der älteste 95. 34 waren so agil, dass sie zum Treffen kommen wollten. Am Schluss waren wir 25.
Haben sich manche auch nach 50 Jahren wiedererkannt?
Wir haben neben Gedenkmedaillen auch Pseudo-Startnummern gefertigt. Jeder hat dann seine vor sich auf den Tisch gelegt. 1974, als die Stadt noch geteilt war, wurden übrigens die ersten zehn Startnummern, die heute an Profis aus Kenia und Äthiopien gehen, an Angehörige der US-Alliierten vergeben. Einer der Soldaten, Martin W. Teague aus Illinois, will nun erneut in Berlin antreten. Die Veranstalter haben ihm seine damalige Nummer 6 erneut zugesagt. Das finde ich einen feinen Zug.

Peter Bartel (unten kniend) hat in Berlin zum 50. Jubiläum des Berlin-Marathons ein Treffen mit den Läufern von 1974 organisiert.
Monika HübnerAuch Sie wollen mit 82 Jahren noch einmal mitlaufen?
Von den 1974-Finishern sind wir insgesamt vier, die noch einmal antreten. Es ist einfach dieses besondere Jubiläum, das mich persönlich dazu bewegt. Ich will Hand in Hand mit Günter Hallas starten. Aber wir werden wohl eher walken als laufen, denn wir haben unter anderem beide ein künstliches Knie. Für uns wird es schwer, in der Maximalzeit von offiziell sechs Stunden ins Ziel zu kommen. Aber vielleicht lässt man uns dann einfach auf dem Bürgersteig laufen.
Wie finden Sie die Marathon-Veranstaltung heute?
Inzwischen ist es auch ein Geschäftsmodell. Es werden 50.000 Teilnehmer aus mehr als 140 Ländern in Berlin-Mitte erwartet. Aber die Stimmung an der Strecke ist unübertrefflich und emotional immer wieder sehr bewegend. Ich finde es schön, dass die Bevölkerung den Berlin-Marathon so angenommen hat. Früher wurde man ja noch schief angeschaut, wenn man als Jogger über die Straße rannte. Heute feuern sie einen an, und das bis zum letzten Läufer.
Zur Person
Peter Bartel (82) aus Berlin-Frohnau trainiert seit vielen Jahren bei der LG Nord. Der pensionierte Mathematik- und Sportlehrer hat auf seinem Dachboden 69 Sport-Urkunden an der Wand zu hängen. In Berlin ist er insgesamt bei 28 Marathons ins Ziel gelaufen, davon bei 18 Berlin-Marathons des SCC.
Der Extremsportler nahm auch an viel längeren Distanz-Läufen teil. Beim Berlin-Marathon ist er seit 2021 als Helfer mit dem Tretroller unterwegs, um Läufer zu betreuen. Zum 50. Marathon will der Berliner aber mit seinem Freund, dem Sieger von 1974, Günter Hallas, nochmal an den Start gehen.
Er selbst berichtet über seinen Sport und andere Projekte auch unter www.peter-bartel.de



