Bier aus Berlin-Spandau: Warum das Havelbräu vom Brauhaus etwas süßlicher schmeckt

An den Kesseln: Geschäftsführer Benjamin Ziegler im Brauhaus Berlin-Spandau. In uriger Atmosphäre wird hier tagtäglich Bier gebraut und getrunken.
Johannes LeichsenringEin süßlicher Duft liegt in der Luft der Altstadt. Kenner wissen, woher er stammt: vom Malzsud aus kupfernen Maischebottichen. Das Spandauer Brauhaus bereitet wieder eine frische Charge Bier zu. Seit 1994 entstehen hier das Havelbräu und die rund zehn saisonalen Spezialbiere. Dabei setzt der Familienbetrieb auf eine Besonderheit im Geschmack.
Das entstehende Bier, dessen Brauprozess am Morgen oft süßlich in der Luft liegt, braucht jedoch Wochen, bis es in die Ausschanktanks und von dort in die Gläser kommt. Nachdem das Malz im Sudwerk schonend aufgekocht und durch den Würzekühler gepumpt wurde, durchläuft es im eigens dafür vorgesehenen Becken den alkoholischen Gärungsprozess. Danach muss das Bier zwei bis vier Wochen im Lagerkeller ruhen. Im Brauhaus Spandau werde auf Klasse statt Masse gesetzt, sagt Geschäftsleiter Benjamin Ziegler.
Bier aus Berlin-Spandau: Panzer-Computer steuert Brau-Anlage
Mit 200.000 Litern Bier, die im Brauhaus inmitten der Gaststube gebraut werden, laufe die Brauanlage nicht unter Vollauslastung. Das sei eine bewusste Entscheidung. „Ich könnte mit der Anlage zehn Jahre unter Volldampf brauen und sie dann wegschmeißen, oder ich pflege sie gut und braue etwas weniger, als die Kapazitäten hergeben.“ Ziegler entschied sich für die letzte Variante. Und so steht im Brauhaus Spandau noch immer dieselbe in Bamberg hergestellte Anlage wie zur Eröffnung. Sogar der Steuerungscomputer, der ursprünglich in einem Militärfahrzeug verbaut war, leistet noch seinen Dienst.
Das Bier wird hauptsächlich im eigenen Lokal verkauft. Gäste können ein Fässchen für den häuslichen Verzehr erwerben. Es gibt in Spandau zudem drei gewerbliche Abnehmer, darunter einen Imbiss vor den Toren des BMW-Motorwerkes an der Zitadelle. Kooperationen mit weiteren Abnehmern streben die Betreiber des Brauhauses nicht an. „Unser Bier ist nicht ganz pflegeleicht“, sagt Benjamin Ziegler. Das ungefilterte Havelbräu muss schnell verzehrt werden, da es als Naturprodukt rasch eintrüben kann.
Helles Bier mit süßlichem Geschmack
Doch was zeichnet das Havelbräu aus? Zunächst einmal handelt es sich um ein helles Bier mit leicht süßlicher Note. Eine eher untypische Entscheidung. Helles Bier wird vorwiegend in Süddeutschland getrunken, während in den nördlichen Regionen vermehrt Pils mit seiner herberen Note in den Ausschank kommt. Die Entscheidung stammt jedoch aus einer Zeit, als die Betreiber noch in Charlottenburg waren. In der Nähe des Charlottenburger Schlosses hatte sich eine Brauerei etabliert, die dafür bekannt war, dass sich nicht nur Männer dort trafen, sondern auch auffallend viele Frauen.
„Das war die erste Berliner Brauerei, die zu der Zeit richtig gut lief“, erinnert sich Braumeister Michael Metscher, der seit der ersten Stunde den Brauprozess im Spandauer Brauhaus begleitet und überwacht. Im kollegialen Gespräch mit den Braumeistern des charlottenburgischen Luisenbräus stellte Metscher fest, dass das dortige Bier mit einem geringeren Anteil an Hopfen zubereitet wurde. Das Ergebnis: Das Bier wurde nicht so herb. Es hatte eine süßliche Note. Ein Umstand, der offenbar bei vielen Frauen gut ankam.
Bier aus Berlin-Spandau: Höhere Stammwürze als üblich
Daher entschieden sich die Geschäftsführer des Brauhauses Spandau, auf ein helles Hauptbier mit süßlicher Note zu setzen. Die Zutaten kommen aus Deutschland. Malz und Hopfen aus dem Süden des Landes, die Hefe aus der Landeslehranstalt für Brauwesen und Getränketechnik im Wedding. Die hohe Stammwürze von 12,8 Prozent entstehe durch den höheren Malzgehalt durch die lange Lagerung und durch den etwas kälteren Brauvorgang. „Im Gegensatz zur Massenindustrie wird bei uns nicht kurz gelagert und heiß gebraut“, so Geschäftsführer Ziegler.
Mit ein bisschen Glück kann jeder Gast des Brauhauses Eindrücke vom Brauhandwerke erleben. So befinden sich beispielsweise die Sudkessel unmittelbar hinter dem Tresen. Leicht erhöht sind sie von allen Plätzen im Lokal gut einsehbar. Auch das Gärbecken kann durch eine große Scheibe betrachtet werden. Besonders interessierte Gäste können (ab zehn Personen) bei Führungen der Braumeister dabei sein. Während es sich an regnerischen Tagen gemütlich um die Braukessel sitzen lässt, ist im Sommer die Außenterrasse beliebt – mit Blick auf den Wröhmännerpark und die dahinter liegende Havel.
Brauhaus Spandau: Führungen am Tag des deutschen Bieres
Um das Brauhaus Berlin-Spandau kennenzulernen, bietet sich der 23. April besonders an. Neben dem Internationalen Tag des Bieres, der immer im August stattfindet, wird am 23. April alljährlich der Tag des deutschen Bieres gefeiert. An diesem Tage wurde im Jahr 1516 das bekannte Reinheitsgebot für das Herzogtum Bayern verkündet, welches von mehreren Ländern übernommen wurde und seit 1906 auch deutschlandweit rechtsgültig ist. Im Brauhaus Spandau gibt es zu diesem Anlass an dem Tag, dieses Jahr ein Dienstag, alle anderthalb Stunden eine kostenlose Führung durch das Haus.



