Bus und Bahn in Berlin: Ausfälle und völlig überfüllt – steht die Stadt vor Winter-Chaos?
Die S-Bahn S7 zwischen Ahrensfelde und Potsdam fällt am Nachmittag mal wieder ersatzlos aus, der nächste Zug in Richtung Berlin kommt erst in 24 Minuten. Die U-Bahn U8, die wegen Bauarbeiten bis 17. Dezember sowieso schon auf fünf Kilometern durch das Berliner Zentrum unterbrochen ist, wird zum Feierabend so voll, dass kaum noch alle mitkommen.
Das Gleiche gilt für den Bus M19 oder den M29 auf dem Kurfürstendamm oder die beliebte Innenstadt-Linie 100, die alle sogar an Samstagen so überfüllt sind, dass einige der zusammengepferchten Fahrgäste nicht mal mehr einen Haltegriff erreichen. Durch das Gedränge beim Einsteigen und Aussteigen verzögern sich die Abfahrtszeiten immer weiter, bis Taktlücken von bis zu über 20 Minuten entstehen.
Mehr Pendler durch hohe Mieten in Berlin
Gerade Pendler beschleicht dieser Tage das ungute Gefühl, dass der Berliner Nahverkehr mal wieder vor einem Kollaps steht. Dass die Probleme nach der eher entspannten Corona-Zeit wieder enorm zunehmen, bestätigt der Berliner Fahrgastverband IGEB e.V.
Die Ursachen seien nicht nur mangelndes Personal, sondern auch die Tatsache, dass durch steigende Mieten in der Innenstadt immer mehr Arbeitnehmer an den Stadtrand verdrängt würden, sagt der stellvertretende IGEB-Vorsitzende Matthias Gibtner. „So werden die Pendlerwege auch für die Berliner insgesamt immer länger.
Im Gegenzug baut der Senat den Nahverkehr in den Außenbezirken aber nicht aus, dazu fehlen Busspuren und Ampelvorrangschaltungen für Straßenbahnen“, erklärt Gibtner. „Zuletzt konnte die BVG nicht immer die eigenen hohen Ansprüche erfüllen“, heißt es von den Berliner Verkehrsbetrieben.
Um trotz Fachkräftemangels und gehäufter Krankmeldungen in der Winterzeit wieder in den Takt zu kommen, will das städtische Verkehrsunternehmen nun sogar ab 10. Dezember einige Linien ausdünnen und mit sechs Prozent weniger Kapazitäten fahren. Die Anpassungen sollen vor allem außerhalb der Stoßzeiten vorgenommen werden und dort, wo das Netz besonders dicht ist, heißt es von der BVG.
Wo möglich, würden auf den betroffenen Linien größere Fahrzeuge eingesetzt. Große Schulstandorte oder Kliniken würden unverändert gut angebunden sein. „Alle mehr als 6.500 Bushaltestellen werden weiterhin im regelmäßigen Takt bedient, und das Angebot bei Straßenbahnen und U-Bahnen bleibt unverändert“, betont BVG-Sprecher Jannes Schwentu. „Details zu den einzelnen Linien kommunizieren wir rechtzeitig und bitten daher noch um ein wenig Geduld.“
Fehler bei den digitalen Abfahrtsanzeigern
Eine ungenügende Fahrgast-Information sei ein weiteres großes Problem in Berlin und dem Umland, kritisiert Gibtner vom Fahrgastverband. Gerade in den Außenbezirken gebe es an vielen Haltestellen immer noch keine digitalen Abfahrtsanzeiger. „Wenn man selbst ohne Information einfach im Regen stehen gelassen wird, steigen die Menschen noch eher auf das Auto um.“
Dazu käme: An den bisher vorhandenen Daisy-Anzeigen an Bus- und Tram-Haltestellen würden teilweise auch Abfahrten angezeigt, die längst gecancelt wurden, berichtet Gibtner. Das liege an einer unzureichenden Echtzeit-Datenübertragung aus Bussen und Trams. „Da ist dann der Haltestellenmast der Meinung, der Bus müsste kommen, der schon längst gestrichen ist.“

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben in den vergangenen Jahren rund 1200 Haltestellen von Bus und Straßenbahn mit Infomonitoren ausgestattet. In Berlin gibt es alleine mehr als 6500 Bushalte-Stellen.
Maria NeuendorffWas viele Fahrgäste nicht wüssten: Dort, wo es keine digitalen Anzeigen gibt, hilft der QR-Code auf dem ausgehängten Fahrplan. „Der führt zum Abfahrtsmonitor mit Echtzeitinformationen auf dem Smartphone“, erklärt Schwentu. Eine weitere Möglichkeit sei es, die BVG-App zu nutzen.
Doch was tun, wenn man unterwegs keinen Internetzugang hat? „Die BVG hat es nach vielen Jahren des digitalen Zeitalters nicht geschafft, kostenloses Wlan an ihren Haltestellen einzurichten“, ärgert sich Giptner. „Aber auch Leute ohne Smartphone oder mit einem schwachen Handyvertrag müssen die Möglichkeit haben, sich zu informieren, ob und wann der Bus kommt.“
S-Bahn setzt auf Baustellen-Videos
Um Ressourcen zu schonen und stets aktuelle Informationen zu gewährleisten, verzichtet die Berliner S-Bahn nach eigenen Angaben schon seit Jahren auf gedruckte Fahrplanhefte und Linienfahrpläne. „Auf der Website der S-Bahn Berlin können unsere Fahrgäste die jeweils aktuellen Fahrpläne abrufen und sich bei Bedarf linienscharf ausdrucken“, sagt Marian Günther, Sprecher S-Bahn Berlin. An den S-Bahnhöfen gebe es neben den digitalen Zuginformationsmonitoren aber weiterhin die ausgehängten Fahrpläne.
Auch wenn mal ein Bahnkunde vielleicht das Baustellenmaskottchen Max Maulwurf vermisst, so informiert die S-Bahn weiterhin bei Bauarbeiten mit Bauinfotafeln an den betroffenen Bahnhöfen und mit Bauflyern mit den wichtigsten Informationen zu Ersatzverkehren und Umfahrungsmöglichkeiten. „Überdies finden sich Informationen zu aktuellen Baustellen in der zweimal monatlich erscheinenden Kundenzeitschrift „punkt 3“, die an rund 90 Bahnhöfen der S-Bahn und des Regionalverkehrs in Berlin und Brandenburg ausliegt“, so Günther.

Mit Hilfe der APP der Berliner Verkehrsbetriebe BVG kann man sich die nächsten Verbindungen in seiner Nähe in Echtzeit anschauen.
Maria NeuendorffAuch er weist auf die App der Berliner S-Bahn hin, die ähnlich wie die App des VBB die aktuellen Ankunftszeiten auf dem Handy anzeigt. „Die Echtzeit-Daten werden vom Infrastrukturbetreiber automatisch erzeugt und über eine Schnittstelle für Fahrplanauskunftsmedien bereitgestellt. Nach unseren Beobachtungen funktioniert das sehr zuverlässig. Im Einzelfall kann es passieren, dass es bei der Datenübermittlung zu Verzögerungen kommt, sodass weiterhin Prognosedaten angezeigt werden.“
Zudem wolle man mit speziellen Bauvideos einen neuen Weg in der Fahrgastinformation gehen. „Die kurzen Filme geben verständliche und unterhaltsame Informationen zu einzelnen Baustellen und deren Auswirkungen, auch in Gebärdensprache“, so der Bahnsprecher. Für die, die nicht so digital unterwegs sind, empfiehlt Günther, bei Fragen zum Fahrplan die Hotline der S-Bahn Berlin unter 030 297 43333 anzurufen, die rund um die Uhr zu erreichen sei.
Die S-Bahn erweitert übrigens zum Fahrplanwechsel ihr Angebot deutlich. Mit dem von den Ländern Berlin und Brandenburg bestellten Gesamtpaket aus längeren Zügen, Taktverdichtungen und längeren Linien stehen in der Hauptverkehrszeit bis zu 6.700 Sitzplätze pro Stunde mehr zur Verfügung.
Längere Züge bei der S-Bahn
„Durch die Neufahrzeuge der Baureihe 483/484 ist unsere Flotte deutlich gewachsen. So können wir für unsere Fahrgäste in Berlin und Brandenburg im Fahrplan 2024 mehr und längere Züge auf die Schiene bringen“, kündigt S-Bahnchef Peter Buchner an. So sollen beispielsweise schrittweise auf den Linien S1 und S2 längere Züge mit acht statt sechs Wagen zum Einsatz kommen.
Damit gebe es in der Hauptverkehrszeit auf den nachfragestarken Linien S1 und S5 alle fünf Minuten Fahrten zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz sowie zwischen Mahlsdorf und Warschauer Straße. Die S3 soll in der Hauptverkehrszeit zwischen Erkner und Charlottenburg alle zehn Minuten fahren, das sind auf der Stadtbahn drei zusätzliche Fahrten pro Stunde und Richtung.
Allerdings würden zu Beginn des neuen Fahrplans nicht auf allen Verbindungen längere Züge zum Einsatz kommen können, heißt es von der S-Bahn. Dies liege an der angespannten Personalsituation in den Werkstätten. Um den Personalbestand zu erhöhen, will die S-Bahn ihre Einstellungsoffensive fortführen. Auch die BVG hat ihre Recruiting-Aktivitäten deutlich hochgefahren und veranstaltet inzwischen Job-Events auf Betriebshöfen und „Speed-Datings“ zur Anwerbung neuer Busfahrer.








