DDR-Geschichte
: Kult-Café Sibylle in Berlin – was ist aus dem Model-Treff geworden?

Das 1952 als Milchtrinkhalle eröffnete Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain hat nicht nur die Zeiten überdauert, sondern bewahrt DDR-Geschichte jenseits der Vermarktung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Das Café Sibylle in Berlin-Friedrichshain steht wie sein geschwungener Name unter Denkmaschutz.

Maria Neuendorff

Ost-Filme, Stalin-Bart, Schweden-Eisbecher: Auch in Berlin gibt es nur wenige Orte aus der DDR-Zeit, die wirklich noch authentisch und gleichzeitig in Betrieb sind. Zu ihnen gehört das Café Sibylle in Friedrichshain. Die Geschichte von dessen urigen Räumen reicht bis in die 1960er-Jahre zurück. Bis heute entzieht sich das Lokal an der Karl-Marx-Allee 72 der allgemeinen Nachwende-Vermarktung, was man unter anderem daran sieht, dass sich keine Speisekarte auf der Webseite findet, auf der die Kartoffelsuppe oder der Schweden-Eisbecher angepriesen werden.

Letzterer, eine beliebte DDR-Nachspeise aus Vanilleeis, Apfelmus, Eierlikör und Schlagsahne, gab es schon zu Ost-Zeiten in dem Café, das 1952 an der damaligen Stalinallee als „Milchtrinkhalle“ eröffnet worden war. Seinen heutigen Namen bekam es aber erst 1962 in Anlehnung an die beliebte DDR-Modezeitschrift „Sibylle“, deren Redakteure und Models dort regelmäßig ein- und ausgegangen sein sollen.

Blick in den Gastraum des Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee 72 in Berlin-Friedrichshain.

Maria Neuendorff

Café Sibylle ist Teil des Bezirksmuseums

Zu diesem Zeitpunkt hieß die Ost-West-Ausfallstraße schon Karl-Marx-Allee und war zum DDR-Vorzeigeboulevard ausgebaut. Die Arbeiterpaläste im Zuckerbäckerstil des Sozialistischen Klassizismus sind heute wieder sehr begehrt und stehen wie das Café Sibylle und sein geschwungener Schriftzug unter Denkmalschutz.

Im hinteren Teil des Café Sibylle in Berlin-Friedrichshain gibt es eine Ausstellung zur Entwicklung der an der Karl-Marx-Allee.

Maria Neuendorff

Von der damaligen Aufbaustimmung zeugen nun alte Schwarz-Weiß-Fotos, Andenken und Baupläne, die im hinteren Teil des Cafés ausgestellt sind, das inzwischen als Außenstelle des Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzberg gilt und vom Bezirk auch als Beschäftigungs- und Bildungsträger gefördert wird.

Nachdem der letzte Besitzer 2018 in Insolvenz gegangen war, hat die gemeinnützige „Puk a Malta gGmbH“ den Mietvertrag übernommen. Das Büro des Trägervereins befindet sich im Wedding. „Erst gab es Diskussionen, da viele dachten, wir sind ein West-Verein. Aber wir sind ein sehr gemischter Club“, betont Karin Baumert, Mitarbeiterin des Vereins.

Sie selbst ist 1955 in Schwerin geboren und studierte Ende der 70er-Jahre an der Berliner Humboldt-Uni. „Derzeit gibt es einen Run auf DDR-Geschichte„, sagt die Stadtsoziologin. Das liege unter anderem an vielfach beachteten Büchern wie zum Beispiel „Diesseits der Mauer“ der Historikerin Katja Hoyer, in denen Autoren den deutschen Sozialismus schildern, die ihn auch selbst erlebt haben. „Die Perspektive der Ostdeutschen wird nun langsam Teil eines neuen gesellschaftlichen Diskurses.“

Raum für Veranstaltungen

Neben Friedrichshainern und Menschen, die sich dem Osten historisch verbunden fühlen, sind es vor allem Touristen auf Spurensuche, die das Café über Reiseführer empfohlen bekommen haben und nun die Schautafeln studieren. Dazu lassen sich jüngere Neuberliner bei einem Kännchen Bio-Tee an den Kaffeehaus-Tischen nieder und nehmen sich Bücher aus dem Regal. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Danach bietet das Café Raum für Veranstaltungen und Treffen von Arbeitsgruppen und Initiativen aus dem Kiez.

Zu den Stammgästen zählt Dietrich Mühlberg, Mitbegründer des Fachs Kulturwissenschaften in der DDR und emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Café Sibylle trifft er sich regelmäßig mit seinen ebenfalls schon betagten ehemaligen Studenten, um zum Beispiel auf der Leinwand „Sowjetische Filme ab 1945 in Ost-Berlin“ zu schauen und – ähnlich wie in einem Literaturzirkel – danach zu besprechen.

Kritisch, aber wertschätzend

Neben Filmvorführungen, Lesungen und Diskussionsrunden stehen auch Sonderausstellungen auf dem Programm, zuletzt eine Schau über Kinderheime in der DDR.

„Kritisch, aber wertschätzend“, fasst Katrin Baumert das Credo zusammen, mit dem man im Café Sibylle auf die DDR-Geschichte zurückblicken möchte. Die Memorabilien, die die Leute vorbeibringen, passen inzwischen nicht mehr in die Ausstellung. Die alten Sibylle-Ausgaben, die neulich abgegeben wurden, liegen so noch im Weddinger Büro. Die sechs Original-Fotos von der Grundsteinlegung der ersten Stalinbauten, den eine Mitfünfzigerin vor kurzem spendete, haben dagegen noch Platz in der Vitrine gefunden. „Bitte im Sibylle abgeben“, hatte ihre verstorbene Mutter kurz vor ihrem Tod auf das Kuvert mit den historischen Fotos geschrieben.

Im Café Sibylle sind auch Relikte aus der DDR-Zeit ausgestellt.

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Zu den kuriosesten Ausstellungsstücken gehören ein Ohr sowie ein Stück Bart des sowjetischen Diktators Josef Stalin (1878-1953). Als sein tonnenschweres Denkmal 1961 in einer Nacht- und Nebel-Aktion unweit des Cafés abgerissen wurde, steckte sich einer der Monteure Bronze-Ohr und – Bart heimlich ein. Der Rest der Statue wurde zu Tierfiguren im Tierpark Friedrichsfelde ummodelliert. Nach der Wende vermachte der Monteur seine Souvenirs dem Café.

Auch Karin Baumert lebte als junge Mutter nicht weit entfernt am Bersarinplatz und hat selbst noch persönliche Erinnerung an Besuche im Café Sibylle mit seinen Stühlen im damals modernen Metalldesign. Sie berichtet vom Alltag auf der Karl-Marx-Allee, die damals viel lebendiger gewesen sei. „Die Kinder spielten im Rosengarten, während man sich mit den Nachbarn vor dem Bäcker oder dem Milchladen traf.“

Heute beherrschen eher große Showrooms von Online-Plattformen das Bild der teils meterhohen Schaufenster. Menschen, die auf den breiten Bürgersteigen der inzwischen vielbefahrenen Ost-West-Bundesstraße einfach nur flanieren, sieht man eher selten.

Erinnerungsstücke von Anwohnern in den Vitrinen des Cafés Sibylle erzählen vom Aufbau der Stalin-Allee, heute Karl-Marx-Allee in Berlin.

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Doch den Anwohnern gelang es vor einigen Jahren, zumindest die völlige Privatisierung der sozialistischen Arbeitermagistrale zu verhindern. Nach großen Protesten, die zum Teil ebenfalls im Café Sibylle organisiert wurden, kaufte das Land 2019 etwa 670 Wohnungen in der Karl-Marx-Allee von einem privaten Eigentümer zurück.

„Noch ist die Mischung in der Straße nicht gekippt“, sagt Katrin Baumert. Das Café Sibylle mit seinem Widerstand gegen Kommerzialisierung trägt sicher ein Stück weit dazu bei.

Persönliche Erinnerungen

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de