DDR-Geschichte
: Tadshikische Teestube in Berlin – Zeremonie mit gewissen Extras

In der DDR-Zeit war sie ein Geheim-Tipp, vor zwölf Jahren stand sie kurz vor dem Aus: Doch die 1974 eröffnete Tadshikische Teestube in Berlin hat überlebt. Das gehört zu einer typischen Zeremonie.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Blick in die Tadshikische Teestube in Berlin-Mitte. Die Einrichtung des Lokals stammt aus dem sowjetischen Pavillon der Leipziger Messe 1974.

Maria Neuendorff

„Bitte hier warten, Sie werden platziert“, steht auf einem Schild gleich am Eingang der Tadshikischen Teestube in Berlin. Der Hinweis, der früher in vielen gehobenen DDR-Restaurants zum Standard gehörte, ist aber nicht das Einzige, das Besucher zurück in alte Zeiten versetzt. Die Säulen aus Sandelholz, zwischen denen Besucher auf roten Teppichen und Sitzkissen an flachen Tischen Platz nehmen, sind ein halbes Jahrhundert alt.

Die originalgetreue Einrichtung der Tadshikischen Teestube war 1974 die Attraktion im Sowjetischen Pavillon auf der Leipziger Messe. Im Anschluss wurde das Interieur der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft vermacht, die von 1959 bis 1999 ihren Sitz im Palais am Festungsgraben hatte. Schon zu DDR-Zeiten war die Teestube Geheimtipp und Institution gleichermaßen, woran auch die Wende nichts änderte.

Teestube trotz Sanierung gerettet

Dann wurde das Palais saniert, das Lokal musste 2012 schließen. „Die Einrichtung sollte eigentlich eingemottet werden“, erinnert sich Olga Schöning. Die heutige Betreiberin ist die Schwägerin der damaligen Besitzerin und machte ursprünglich als Grafikdesignerin die Werbung für die Teestube.

Um das Lokal zu retten, tat sich die Berlinerin vor zwölf Jahren mit Mitstreitern zusammen, suchte neue Räume, kaufte die Einrichtung der Stadt Berlin ab und verpflanzte Säulen, Holzdecke, Teppiche und Lampen in den Kunsthof an der Oranienburger Straße, etwa zehn Gehminuten vom alten Standort entfernt.

Im Palais am Festungsgraben war die Tadshikischen Teestube bis zur Sanierung des historischen Gebäudes 2012 beheimatet.

Maria Neuendorff

„Die ersten vier Jahre hatte sich das noch nicht so herumgesprochen, und ich habe nur reingebuttert, um das Ding am Laufen zu halten“, erinnert sich die 56-Jährige. Auch heute muss ein Aufsteller auf dem Gehsteig auf die Großstadtoase im Hinterhof hinweisen. Doch schon kurz nach Ladenöffnung um 16 Uhr wird die Teestube auch unter der Woche schnell voll. Das Alter des Publikums reicht von 20 bis 90 Jahre, gerade die jungen Leute ordern gerne die veganen Wareniki, Teigtaschen mit Kartoffeln oder Pilzen (8,90 Euro), aber können es sich schwer verkneifen, dazu saure Sahne zu bestellen.

Der Andrang ist so groß, dass eine Reservierung mindestens zwei Tage im Voraus zu empfehlen ist, und man muss damit klarkommen, dass man sich den Sechsertisch vielleicht mit zwei anderen Parteien teilt. „Ich habe ja nur zwei der großen Tische, und die Teestube ist traditionell ein Ort der Kommunikation“, sagt Olga Schöning.

Bei der russischen Teezeremonie (8,90 Euro pro Person) bringt die Kellnerin neben einem schönen alten Samowar mit Teesud Zuckersorten, Konfitüre, Fondant, Rumrosinen, Teegebäck und zwei Wodkas.

Bei der „Russischen Teezeremonie" in der Tadshikischen Teestube in Berlin wird zum Heißgetränk aus dem Samowar Wodka und Süßes gereicht.

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Zum „Beduinentee“ (5,80 Euro) wird ein Pfefferminzlikör gereicht. Wer keinen Alkohol trinken will, ist unter anderem mit Lommonossow-Tee, russischem Rauchtee oder orientalischem Mokka (3,20 Euro) gut bedient. Es gibt auch japanische und chinesische Sorten, indische Tee-Punschs oder erfrischende Eistees, fruchtig nach karibischer Art oder mit Sekt im russischen Stil.

Der Zupfkuchen mit Sahne (4,80 Euro) und Bliny mit Preiselbeeren (7,80 Euro) werden wie alle Spezialitäten in der Küche gebacken. Das teuerste Gericht liegt noch unter 14 Euro. Die Preise sind in Berlin-Mitte eher die Ausnahme. „Ich habe sie seit sieben Jahren nicht erhöht, trotz Inflation“, betont Schöning.

Teestube mit Außenterrasse

Gegessen und getrunken wird im Schneidersitz oder in Kissen gebettet, mit ausgestreckten Füßen unter den nur Zentimeter hohen Tischen. Auch die Teppiche gehören noch zur Original-Ausstattung aus DDR-Zeiten. „Die Kissen musste ich schon fünf Mal nachnähen lassen. Sie gehen schnell kaputt, wenn die Leute daneben treten“, berichtet Olga Schöning. Und das, obwohl man gleich hinten am Eingang die Schuhe ausziehen muss.

Wer will, kann sich ein paar Filzlatschen nehmen, und wer die Schuhe anbehalten will oder Angst hat, nachher nicht wieder hochzukommen, kann auch an einem normalen Tisch sitzen. „Eigentlich ist der Standort noch schöner, weil die Leute in den Hof schauen und im Sommer draußen sitzen können“, sagt Olga Schöning. Namen und Einrichtung hat sie sich patentieren lassen. Denn durch das World Wide Web gebe es viele Nachahmer, die die europaweit einzigartige Gaststätte kopieren wollten, hat sie festgestellt.

In dem kleinen Stück Tadschikistan mitten in Berlin gibt es aber von je her eher russische Küche beziehungsweise Gerichte aus mehreren ehemaligen Staaten der UdSSR. Das kleine Land in Zentralasien an der Grenze zu China und Afghanistan habe ja in Zeiten des Kalten Krieges unter sowjetischer Herrschaft gestanden, erklärt die Gastronomin. „Außerdem würde kaum ein Europäer die eher einfache und sehr fette tadschikische Küche mögen, in der größtenteils Hammelfleisch auf den Tisch kommt.“

Die Lamm-Reis-Kichererbsen-Pfanne mit Salat und dem kurzen Namen Plov, die bei Gästen besonders beliebt sei, hat dagegen ihren Ursprung in Usbekistan und wird wie Borschtsch (Rote-Beete-Suppe) und Soljanka von der Chefin mittags selbst gekocht.

Anfeindungen nach Ausbruch des Ukraine-Krieges

Dass sie selbst Olga heißt, ist dabei Zufall. Die gebürtige Berlinerin ist weder russischer Abstammung, noch stammt sie aus dem Osten. Trotzdem musste die Charlottenburgerin nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges böse Nachrichten auf ihrem Rezensions-Portal lesen. „Dabei ist die Teestube absolut unpolitisch. Zum Glück habe ich auch Stammgäste, die etwas erwidert haben.“ So habe ein Pärchen geschrieben, dass sie selbst Russen seien und sich mit ihrer besten Freundin, einer Ukrainerin, regelmäßig in der Teestube treffen. „Die Anfeindungen haben schnell wieder nachgelassen“, sagt Olga Schöning heute.

Die Teestube ist ein Ort, in dem man den Blick schweifen und sich in den alten Märchen-Bildern an den dunkelgrünen Wänden verlieren kann. „Gestern hatte ich ein Pärchen hier, das kannte die Teestube nur aus dem Palais und freut sich, dass es sie noch gibt.“

Die Tadshikische Teestube ist heute im Kunsthof an der Oranienburger Straße 27 in Berlin-Mitte zu finden. Ein Schild weist Passanten den Weg.

Maria Neuendorff

Die Tadshikische Teestube im Kunsthof an der Oranienburger Straße 27 in Berlin-Mitte hat Montag von 16 bis 21 Uhr, Dienstag bis Freitag von 16 bis 22 Uhr, Sonnabend von 12 bis 22 Uhr und Sonntag von 12 bis 21 Uhr geöffnet. Reservierungen unter www.tadshikische-teestube.de empfohlen.

Persönliche Erinnerungen

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de

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