DDR-Geschichte in Berlin: Von Staatsratsgebäude zu Hörsaal – Einblicke in zensiertes Haus
Manche Studenten und Professoren werden sich sicherlich verwundert die Augen wischen, wenn sie das erste Mal den Hörsaal der European School of Management (ESMT) in Berlin betreten und ihnen das große Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik ins Auge fällt. Der goldglänzende Wandschmuck mit Hammer und Zirkel wurde von den Denkmalschützern beim 35-Millionen-Euro-Umbau nach der Wende genauso bewahrt wie das 20 Meter hohe Womacka-Glasgemälde.
Das ehemalige Staatsratsgebäude am Schlossplatz 1, in dem seit 2006 angehende Wirtschaftsmanager studieren, gilt als erstes Repräsentationsgebäude, das die DDR nach dem Mauerbau einweihte.
Von Ulbricht bis Schröder
Es wurde von 1962 bis 1964 als Stahlbetonskelettbau mit einer Fassade aus Sandstein und rotem Granit errichtet. Die Arbeits- und Sitzungsräume, in denen der Vorsitzende des Staatsrates, Walter Ulbricht, mit seinem Gefolge residierte, waren auch innen prächtig gestaltet. Breite Treppenaufgänge führten in kleine und große Säle für Empfänge, Feiern und Zeremonien.
Im Staatsratsgebäude wurde mehr präsentiert als Entscheidungen getroffen wurden. Die Hausherren hießen später Willi Stoph (1973 bis 1976), Erich Honecker (1976 bis 1989), Egon Krenz (1989 bis 1989) und Manfred Gerlach (1989 bis 5. April 1990). Nach der Wiedervereinigung zog sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder für zwei Jahre ein, bis 2001 das Bundeskanzleramt fertig war.
Wie die heutigen Wirtschafts-Studenten passierte er täglich das sich über drei Stockwerke erstreckende Fensterbild von Walter Womacka (1925-2010). Von der Sonne in Szene gesetzt, leuchten dort Arbeiter mit festem Händedruck. Das Kunstwerk im Stil des Sozialistischen Realismus erinnert dabei in seiner Anmutung an die Geschichte erzählenden bunten Fenster prächtiger Kirchen.
Die zu Hochschulzwecken umfunktionierten Räume und Säle mit Staatswappen und Holzvertäfelung bleiben dem normalen Stadt-Spaziergänger jedoch verborgen. „Nicht für den öffentlichen Publikumsverkehr“ besagt schon ein Schild an der Treppe zum ersten Stock. Auch das Restaurant, das nun als Mensa dient, ist nur mit Chipkarte zu betreten. Allerdings bieten Mitarbeiter der Privatschule monatlich historische Führungen durch das ehemalige Staatsratsgebäude an, für die man sich unter esmt.berlin/de kostenlos anmelden kann.
Mosaik-Wasserbecken im Garten
Spontan-Besuchern bleibt dagegen nur ein kurzer Rundgang durch das Foyer im Erdgeschoss und der Blick in einen weiteren Vorraum mit spiegelumrahmten Stützpfeilern. Studenten halten Konversation in roten Doppelsesseln oder trinken Latte Macchiato in einer kleinen, verglasten, öffentlich zugänglichen Cafeteria.

Im Erdgeschoss des Staatsratsgebäudes in Berlin-Mitte chillen jetzt Studenten der European School of Management (ESMT) zwischen den Vorlesungen.
Maria NeuendorffJedem Besucher freigestellt ist der Gang in den „Garten“ des Staatsratsgebäudes, der neben Wiesen und Bänken auch ein mosaikverziertes Wasserbecken zu bieten hat. Das steht ebenfalls unter Denkmalschutz, wirkt aber derzeit ziemlich zerschlissen. Für die Restauration der historischen Wasserfontänen steht im Foyer eine Spendenbox bereit, die aber derzeit genauso leer ist wie das Wasserbecken.

Auf der Rückseite des Staatsratsgebäude in Berlin gibt es einen Garten. Das Wasserbecken mit Mosaiksteinen ist wie der Bau denkmalgeschützt.
Maria NeuendorffEine weitere Besonderheit ist das in die DDR-Fassade eingefügte „Portal IV“ aus dem Jahre 1706 von J.F. Eosander von Göthe, das vom 1950 gesprengten Berliner Stadtschloss übriggeblieben war. Das historische Relikt aus den Zeiten der preußischen Könige wurde in die Front des DDR-Neubaus eingefügt, weil von seinem Balkon aus Karl Liebknecht am 9. November 1918 die sozialistische Republik ausgerufen haben soll.
Allerdings ist nicht eindeutig überliefert, ob der Kommunistenführer seine Rede an die aufständischen Arbeiter wirklich vom goldvergitterten Balkon des Eosander-Portals aus gehalten hat oder nur von einem Lastwagen, der davor stand.
Zensiertes Eosander-Portal
Über den ungewöhnlichen Stil-Mix berichtet ein Jahr vor der Eröffnung des Staatsratsgebäudes das „Neue Deutschland“ wie folgt: „Auf unsere Frage, wie sich das reich profilierte Portal in die schlichte einfache Linienführung des Staatsratsgebäudes einfügen wird, antwortet Steinmetz Alfred Milde: ,man muß sich einen schlichten Silberreif vorstellen, der mit einem kostbaren Edelstein besetzt ist.‘“
Allerdings wurde das Eosander-Portal bei seiner Wiederverwendung auch zensiert. Unter der Balkonplatte fehlt die preußische Monogrammkartusche, und statt des ursprünglichen Adlers sind zwei Jahreszahlen zu lesen: die vom Staatsratsgebäude und die vom Stadtschloss.
Letzteres wurde vor allem auch mithilfe des geretteten Portals gleich gegenüber rekonstruiert und lässt sich schon aus den großzügigen Toilettenfenstern des Staatsratsgebäudes bewundern. Das Weltenmuseum, das hinter der barocken Replik 2021 eröffnete, hat sich 2024 als Programmschwerpunkt den Palast der Republik ausgesucht, der an selbiger Stelle nach der Wende unter großen Protesten abgerissen wurde.
„Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“ soll das Motto lauten. Den Auftakt wird ab 17. Mai 2024 eine Sonderausstellung mit 250 Objekten aus dem Palast der Republik machen. An Medienstationen sollen vierzig Menschen zu Wort kommen, die einst im DDR-Vorzeigebau arbeiteten, ihn selbst errichtet haben oder besuchten, ihn liebten oder mieden.
Auf der Suche nach DDR-Geschichte
Dazu soll ein Theaterstück mit schauspielerischen Mitteln der kulturellen, politischen und identitätsstiftenden Rolle des Palastes nachspüren und sich kritisch-sinnlich mit dem verschwundenen Ort auseinandersetzen, heißt es in einer ersten Ankündigung.
Für Menschen auf der Suche nach Orten mit DDR-Geschichte, die noch nicht verschwunden sind, könnte es also Sinn machen, nach einem Besuch des Staatsratsgebäudes ihre optischen Eindrücke mit ein paar historischen Fakten im Humboldt Forum zu unterfüttern.
Persönliche Erinnerungen
Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de





