DDR-Immobilien
: Kino International in Berlin – warum der Luxus-Bau für Film-Fans bald schließt

Luxuriöses Relikt des Sozialismus: Das Kino International in Berlin-Mitte zeigt eine elegante Seite der DDR. Wer die Immobilie besuchen und besichtigen möchte, sollte sich jedoch beeilen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Das Eingangsfoyer des Kinos International in Berlin ist mit zahlreichen Deckenleuchten in Szene gesetzt.

Maria Neuendorff

Dass es im Sozialismus der DDR durchaus auch luxuriös zugehen konnte, und zwar für alle, zeigt das Kino International in Berlin-Mitte. Auch wenn dort mal keine Stars über den roten Teppich stolzieren: Für den Glamour des 1963 eröffneten Premierenkinos sorgen allein schon die unzähligen Deckenlampen im Foyer und die mächtigen Kronleuchter in der Panorama-Bar.

Durch die deckenhohe goldumrahmten Fenster im ersten Stock können Besucher, in der Hand ein Glas Gin Tonic, erhaben auf das Treiben der Karl-Marx-Allee schauen, während der Fernsehturm in der Abendsonne funkelt.

Zweitgrößte Kino-Leinwand in Berlin

Die mondäne Aussicht und das elegante Interieur mit Echtholzparkett, vertäfelten Wänden sowie roten und blauen Samt-bezogenen Sitzen sollen auch nach dem denkmalgerechten Umbau erhalten bleiben, der im April 2024 startet.

Grund genug, dem Ausnahme-Kino mit der zweitgrößten Leinwand (17,5 Meter) Berlins – auf Platz 1 liegt der Zoo-Palast – vor der zweijährigen Schließung noch einmal einen Besuch abzustatten. Ein Anlass wäre, neben aktuellen Filmproduktionen, sicher die Berlinale vom 15. bis 25. Februar. Der schräg abfallende Kinosaal für rund 500 Personen bietet einen guten Blick von allen Plätzen.

Das Kino International in Berlin-Friedrichshain wird von April 2024 bis 2026 umgebaut. Es gilt als einer der schönsten Kinobauten Deutschlands.

Maria Neuendorff

„Coming out“ im Kino International

Aber auch ohne den Kauf einer Karte kann man in die Geschichte des Hauses eintauchen. Noch bis Februar 2024 ist anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Kinos in der Panoramabar eine kleine Ausstellung zu sehen.

Blick in das obere Foyer im Kino International in Berlin-Friedrichshain, in dem sich die Panoramabar mit Blick auf die Karl-Marx-Allee befindet.

Maria Neuendorff

Die dort gezeigten Fotos mit knappen Bildunterschriften erzählen von besonderen DEFA-Premieren wie „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) oder Solo Sunny (1980). Doch im Kino International wurden auch ausgewählte West-Produktionen wie „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1976), „Jenseits von Afrika“ (1985) oder „Dirty Dancing“ (1987) gezeigt.

Die Premiere von „Coming out“, dem ersten Defa-Film mit schwulen Hauptpersonen, am 9. November 1989, ging dagegen ein wenig in der Geschichtsschreibung unter, denn an diesem Tag fiel die Mauer. Dafür ist auf einem der Bilder nur wenige Tage später Manfred Krug neben dem damaligen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz bei der Wiederaufführung des Films „Spur der Steine“ zu sehen, den die SED-Führung 1966 verboten hatte, nachdem sie eigens dafür vor dem Kino International Protestaktionen inszeniert hatte.

Treppe in den ersten Stock des Kinos International, das 1963 als DDR-Premierenkino an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain eröffnete.

Maria Neuendorff

Die Fotos zeugen aber auch von Friseurwettbewerben und Jugendweihefeiern. Auch nach der Wende blieb das Haus am U-Bahnhof Schillingstraße, das im Untergeschoss noch eine fensterlose „Honecker-Lounge“ ausweist, eines der wichtigsten Uraufführungskinos in Berlin.

Die fensterlose „Honecker-Lounge“ im Kino International an der Karl-Marx-Allee. In die Lounge konnte sich die Staatsführung vor und nach der Vorführung zurückziehen.

Jens Kalaene/dpa

Auf einem der Bilder sieht man Regisseur Rosa von Praunheim mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick 2013 den sowjetischen Bruderkuss nachahmen. Aber auch Musikstars wie George Michael erscheinen nach der Wende zu Dokumentationen über ihr Leben gerne persönlich. Dazu organisierte der um die Jahrtausendwende geschlossene Jugendklub im dritten Stock schon zu DDR-Zeiten im „Klub International“ Konzerte mit neuen Rock-Bands.

Seit 1992 gehört das International zur Yorck-Kino-Gruppe, die weniger auf Blockbuster, sondern eher auf Independent-Filme sowie auf Meisterwerke großer Filmemacher wie Wim Wenders setzt. Das 50. Jubiläum des Kinos wurde mit einer DEFA-Filmreihe und einer technischen Rundumerneuerung gefeiert. Seit 1997 findet jeden Montag Deutschlands älteste queere Filmreihe statt.

Reliefs mit DDR-Utopien

Doch auch äußerlich bietet das von den Architekten Josef Kaiser und Heinz Aust entworfene Gebäude, das unter Architekturkennern als einer der schönsten Kinobauten Deutschlands gilt, einige Besonderheiten. Stützenfrei schwebt der erste Stock neun Meter über die Fassade des Erdgeschosses hinaus. Während die Vorderseite mit ihrer einladenden Fensterfront an Transparenz kaum zu überbieten ist, haben die anderen drei Fassaden überhaupt keine Fenster.

Stattdessen ist auf ihnen das Relief der Künstler Waldemar Grzimek, Karl-Heinz Schamal und Hubert Schiefelbein zu entdecken. Es sollte eine Zukunfts-Vision darstellen und zeigt einen Ingenieur, der futuristische Maschinen steuert sowie einen Arbeiter, der in einem Buch liest.

Lesungen, Tagungen und Ausstellungen

Ansonsten ist das Haus aus dem zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee der einzige Sonderbau des Ensembles, der noch so genutzt wird, wie er einst von den DDR-Stadtplanern erdacht war. Damit das so bleibt, sind laut Bezirksamt Mitte nun die Baumaßnahmen nötig. Unter anderem soll das Dach saniert werden, das bei starkem Regen nicht mehr dicht hält. Die Toiletten sollen barrierefrei werden und die Lüftungsanlage soll eine Wärmerückgewinnung bekommen.

Der Saal im Kino International in Berlin, der einst für 600 Menschen konzepiert wurde, bietet heute rund 500 Sitzplätze.

Fabian Sommer/dpa

Ein Teil der Sanierung wird durch die Städtebauförderung finanziert. So wurde vereinbart, dass das Land Berlin die ehemalige Bibliothek, die ebenfalls zum Kino-Ensemble gehört, für Veranstaltungen nutzen kann. So können nach dem Umbau laut Bezirksamt parallel zu den regulären Filmvorführungen Events wie Lesungen, Tagungen oder Ausstellungen stattfinden.

Das Kino International soll so multifunktional bleiben, wie es sich seine Planer vor 60 Jahren erdacht haben. Und noch einer Tradition ist man bis heute treu geblieben: Filmplakate an der Fensterfront werden bis heute nicht fotografiert, sondern gemalt.

Persönliche Erinnerungen

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de