DDR-Plattenbau in Berlin: Wandelbare Platte, Architekten gewähren seltene Einblicke

Meister der individuellen Platte: Architekt Wolf R. Eisentraut hat in Berlin-Marzahn einige der markantesten Gebäude entworfen, wie das Rathaus am Helene-Weigel-Platz.
.Singlespeedfahrer, via Wikimedia Commons CCO/IRS/Andreas Paßens.Collage: Jörg Krause/MMH-Infografik- DDR-Bauakademie: Einst 4.300 Mitarbeiter; 1951 gegründet, 1991 aufgelöst, kaum aufgearbeitet.
- Architekt Eisentraut: Meister der Plattenbau-Innovation, entwarf u. a. Rathaus Marzahn, heute Denkmalschutz.
- WBS 70: Flexibler DDR-Plattenbautyp; Beispiele: Nikolaiviertel, Kino Sojus in Marzahn.
- Nach der Wende: Abrisse von DDR-Bauten, Nachhaltigkeit damals wenig priorisiert.
- Forschungsprojekt: Interviews mit Bauakademie-Mitgliedern zur DDR-Architekturgeschichte gestartet.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wie baut man schnell viele günstige Wohnungen, ohne dass die Individualität verloren geht? Mit dieser hochaktuellen Frage beschäftigten sich die Mitglieder der Bauakademie in der DDR schon vor 50 Jahren.
Darunter auch Architekt Wolf R. Eisentraut, der sich in Ostdeutschland als „Meister der individuellen Platte“ einen Namen machte. Das von ihm unter anderem entworfene ehemalige Rathaus Marzahn, ein Plattenbau mit historisch anmutender Klinkermusterung und umlaufenden Galerieebenen, steht heute unter Denkmalschutz.
Doch viele seiner Gesellschaftsbauten – vom Foyer des Palastes der Republik bis zu den Lichtenberger Seeterrassen - wurden nach der Wende abgerissen. Verschwunden sind in den Ost-Bezirken Berlins auch die 15 Wohngebietsgaststätten. Die Clubgasstätten waren Kantine, Bar und Kegelbahn in einem. „Die Leute sind da gerne hingegangen. Seit ihrem Abriss beruht die Marzahner Gastronomie im Prinzip auf Dönerbuden“, sagt Eisentraut.
DDR-Bauakademie hatte 4300 Mitarbeiter
Der 81-Jährige ist einer von 20 ehemaligen Mitgliedern der Bauakademie der DDR, die nun im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts stehen, mit dem das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner (Oder-Spree) mit der Bundesstiftung Bauakademie die Geschichte der Institution und ihrer Akteure beleuchten will.
1951 gegründet, vereinte die Bauakademie rund 4.300 Mitarbeiter aus den Bereichen Architektur, Forschung, Planung, Städtebau und Bauwirtschaft. „Nach ihrer Auflösung 1991 blieb sie bislang ohne umfassende Aufarbeitung“, sagt Harald Engler, Forschungsleiter am IRS.
Die Geschichte der Berliner Bauakademie geht zwar bis in die Schinkel-Zeit zurück, doch in der DDR-Diktatur musste das Experten-Gremium vor allem als langer Arm des SED-Staates herhalten. „Um ihre individuellen Ansprüche nicht völlig aufzugeben, mussten die Architekten immer wieder ihre Handlungsspielräume ausloten“, sagt Engler.
„Aus der Not eine Tugend zu machen, war auch irgendwie ein Antrieb“, bestätigt Eisentraut. 1943 in Chemnitz geboren, arbeitet er für die Bauakademie unter anderem an der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) mit. Das in den 70er-Jahren beschlossene Wohnungsbau-Programm gab vor, bis 1990 drei Millionen neue Wohnungen zu bauen.
Mit Großsiedlungen aus Betonfertigteilen soll die Wohnungsnot beseitigt werden. Eisentrauts Maxime jedoch ist, verschiedene Bauplatten zu entwerfen, die zwar seriell produziert, aber ganz unterschiedlich zusammengesetzt werden können. Doch in der Ausführung besteht die politische Führung meist aus Zeit- und Kostengründen auf Einheitsbrei. So wirken Plattenbaugebiete von Stralsund bis Suhl bis heute teils identisch.
Eisentraut gefällt das nicht. Wenigstens die Kaufhallen, Bibliotheken und Freizeitforen, die er entwirft, sollen den Bewohnern eine optische Identifikation ermöglichen und so ein Heimatgefühl vermitteln.
Wohnen in der DDR – flexibelster Plattenbautyp
Das ist durchaus möglich, denn trotz der starken Standardisierung der Bauteile ist die WBS 70 der flexibelste Plattenbautyp im DDR-Wohnungsbau-Programm. Auch das 1987 eröffnete nachgebaute Berliner Nikolaiviertel mit seinen historisch anmutenden Fassaden besteht im Grunde aus Platten des Typs WBS 70.
In Marzahn zollen viele Bewohner Eisentraut bis heute Respekt. Eine Anwohner-Initiative versucht, das verfallende Kino Sojus vor dem Abriss zu retten. Auch hinter diesem Eisentraut-Bau steckt eine besondere Geschichte: 1981 bekam er den Auftrag, für Erich Honecker eine Versammlungshalle im Marzahner Neubaugebiet zu errichten, damit der Staatschef dort zum Volk sprechen konnte.
„Über Nacht habe ich einen Entwurf vorgelegt, der aus der Versammlungshalle ein Kino gemacht hat“, erinnert sich Eisentraut. Wenn Honecker kommt, könne das Kino schnell zum Saal werden, ist sein Argument. Die Bauelemente, die er dafür nutzt, sind eigentlich für Industriehallen vorgesehen. Honecker kommt nie, dafür viele Anwohner, die im Sojus 26 Jahre lang Filme schauen und Jugendweihen feiern.
Strenge Vorgaben und Materialmangel
Das clevere Taktieren hatte Eisentraut schon als frischer Uni-Absolvent in der Experimentalwerkstatt von Hermann Henselmann gelernt, der die Sozialpaläste in der Karl-Marx-Allee plante.
So gelingen Eisentraut trotz strenger Vorgaben und Materialmangel auch immer wieder ganz besondere Bauten, von der Körperbehindertenschule in Lichtenberg bis zum Brockenhaus im Harz.
Als „Komplexarchitekt“ für Zentrumsplanungen in Großsiedlungen kämpft er für die Kreativität. Individuelle Bauten darf er aber nur entwerfen, wenn er vorrechnen kann, dass er damit Kosten und Material einspart. „Die Architektur interessierte niemanden.“
Auch andere Mitglieder der DDR-Bauakademie berichten in den insgesamt 20 Einzelinterviews von ihrem Umgang mit politischen und wirtschaftlichen Zwängen.
DDR – Treffpunkt für informelle Pläne
Als Erich Honecker 1984 in Berlin-Marzahn die zweimillionste Neubauwohnung feiert, ist die Bausubstanz der ostdeutschen Altstädte überwiegend in desolatem Zustand. Auch die Gründerzeithäuser in Berlin-Prenzlauer Berg lässt die DDR-Regierung weiter verfallen.
Gegen ihren großflächigen Abriss setzten sich in den 80er-Jahren auch Anwohner zur Wehr. „Mitglieder der Bauakademie haben sie verdeckt unterstützt“, berichtet Historiker Engler.
So wird das Café in der Bauakademie zu einem Treffpunkt, an dem man informell Pläne für Reformen schmiedet. Denn in den letzten Jahren der DDR wird immer klarer: Der Staat kann gar nicht so viel bauen, wie gleichzeitig verfällt. Doch im SED-Politbüro scheut man Reformen. Schließlich wird das Volk auch so immer aufmüpfiger. Was würde wohl passieren, wenn nun noch die Mieten steigen, weil das wenige Geld in die Sanierung der Altstädte fließt?
Doch dann kommt der Mauerfall. Nach der Wende wird wieder großflächig abgerissen. Unter anderem der Palast der Republik. Dabei legt Eisentraut der „Schlossplatzkommission“ 2001 einen Entwurf vor. Er sieht vor, den DDR-Vorzeige-Bau zu erhalten und auf dem ehemaligen Aufmarschplatz davor einen Museumsbau zu setzen, mit einem „Schlüter-Turm“ als Erinnerung an das 1950 gesprengte Stadtschloss.
„In den Neubauten hätten auch die Ausstellungen des heutigen Humboldt-Forums Platz gefunden“, betont Eisentraut. „Das Asbest-Problem im Palast hätte man lösen können, da hat schon vor dem Mauerfall eine Arbeitsgruppe dran gesessen.“

Blick in den Palast der Republik in Ost-Berlin. Dort wurde am 18. Mai 1976 der IX. Parteitag der SED eröffnet. Das großzügig gestaltete Foyer mit der gläsernen Blume wurde ebenfalls von Wolf R. Eisentraut entworfen.
Bundesarchiv, Bild 183-R0518-0164/Sturm, Horst via Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0Doch das Thema Nachhaltigkeit ist in den Nuller-Jahren noch nicht so angesagt. Schon gar nicht beim staatlich geförderten Stadtumbau. Auch dazu entwickelt Eisentraut, der sich wie viele der Bauakademie-Mitglieder in den 90er-Jahren erfolgreich mit einem Büro selbständig machte, eine innovative Idee.
Danach werden Plattenbauten nicht einfach abgerissen, sondern auf drei Etagen zurückgebaut. „Man konnte die Module in den oberen Etagen abtragen, ohne dass die Mieter in den unteren ausziehen mussten“, erzählt der Architekt.
Eigenheime aus alten Platten
Die Bewohner hätten aus Sicherheitsgründen lediglich am Tage in einem festgesetzten Zeitraum das Haus verlassen müssen. „So schafften wir vier Aufgänge in fünf Tagen. Danach wohnten die Menschen in einem Dreistöcker.“
Die Bauteile, die eine gute Qualität aufweisen, markiert Eisentraut noch auf der Baustelle, um später daraus unter anderem Einfamilienhäuser zu errichten. „Doch in der freien Marktwirtschaft lohnt es sich für Investoren noch viel mehr, wenn gleich abgerissen und neu gebaut wird“, weiß Eisentraut.
„In der DDR war das Bauwesen zu stark reguliert, im wiedervereinigten Deutschland spielte das Geld die größte Rolle“, sagt auch Forschungsleiter Engler. Auffällig an den interviewten Bauakademie-Mitgliedern sei, dass diese mehrheitlich beide Systeme sehr differenziert betrachten würden. Engler will ihnen im Rahmen des Projekts eine eigene Stimme geben.
Denn die deutsch-deutsche Geschichte würde auch 35 Jahre nach der Wende immer noch zu selten aus der ostdeutschen Perspektive erzählt, findet der 62-jährige Historiker, der selbst im Schwarzwald geboren ist.
![24.07.1987 DDR 1000 [13053] Berlin-Weißensee, Ho-Chi-Minh-Straße 51-55/ Ecke Berliner Straße (GMP: 52.538992,13.472368): Bauausstellung der DDR auf dem Gelände des Sportforum Berlin neben der Dynamo-Sporthalle. Hier eine der zu tausenden gebauten Plattenbau WBS 70 3-Raum-Wohnung im Glasmodell. Rechts der 6 m lange Balkon. in Bildmitte vorn die Küche.](https://cdn.moz.de/2025/11/24/cf6ea662-fb82-4170-92d1-9a1d7352e183.jpg?crop=3000%2C1687%2C0%2C276&width=1200&format=webp&token=0794756614bff552ff6fe7e23b5517a020542f6ec137858b82f1e7280ae9e8cf)
Eine der zu tausenden gebauten Plattenbau WBS 70 Drei-Raum-Wohnungen im Glasmodell auf der Bauaustellung 1987 in Berlin. Rechts sieht man den sechs Meter langen Balkon. in der Bildmitte vorne die Küche.
Jörg Blobelt, <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:19870724205NR_Berlin_DDR_Bauausstellung_WBS_70_Dreiraumwohnung.jpg">via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0</a>Ein Versäumnis, das das Gefühl der Missachtung von Lebensleistung und Identität im Osten sicher noch verstärkt habe und vielleicht auch für die derzeitige Stimmung mitverantwortlich ist, glaubt der Forscher.
Die 20 rund 90-minütigen Zeitzeugen-Gespräche mit den Bauakademie-Mitgliedern sollen künftig in den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS in Erkner Forschern zur Verfügung stehen. Bestenfalls könne man aus dem Erfahrungsschatz auch Strategien für den aktuellen Städtebau ableiten, hofft Engler.
Zehnminütige Kurzfassungen der Interviews können sich Interessierte ab sofort über die Webseite der Bundesstiftung Bauakademie anschauen. Die Stiftung setzt sich nicht nur für den Wiederaufbau der 1836 eröffneten Schinkelschen Bauakademie in Berlin-Mitte ein, sondern auch für eine inhaltliche Fortführung.
„Eine neue Bauakademie würde sicher hilfreich sein, in der heutigen Wohnungsnot soziale wie ästhetische Lösungen zu entwickeln“, findet Engler. „Natürlich sollte sie dabei, soweit es geht, unabhängig sein.“
Das IRS Erkner will das Forschungsprojekt fortführen und sucht nach weiteren Zeitzeugen. Ehemalige Mitarbeiter der DDR-Bauakademie, die für Interviews zur Verfügung stehen oder dem Archiv Material übergeben wollen können über diese E-Mail-Adresse Kontakt aufnehmen: harald.engler@leibniz-irs.de



