Kunst in der DDR
: Nicht gerade linientreu – Malerei im Berliner Bilderkeller entdeckt

Die wiederentdeckten Werke im Bilderkeller der Akademie der Künste in Berlin bieten faszinierende Einblicke in die heimliche Kunst der DDR-Meisterschüler. Auch Manfred Böttcher, Harald Metzkes, Ernst Schroeder und Horst Zickelbein haben sich verewigt.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Der Bilderkeller in der Akademie der Künste am Pariser Platz kann nur im Rahmen von wöchentlichen Führungen besucht werden.

Der Bilderkeller in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin kann nur im Rahmen von Führungen besucht werden.

AdK/Andreas FranzXaver Süß

Die Wandmalereien im ehemaligen Heizungskeller der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin waren eigentlich weder für die Öffentlichkeit noch für die Ewigkeit bestimmt. DDR-Meisterschüler hatten die unverputzten Wände 1957/58 für zwei Faschingsfeiern in Eigenregie gestaltet.

Doch der Kohlestaub, der sich in den darauffolgenden Jahrzehnten über die Bilder gelegt hatte, konservierte so gut, dass die illegalen Meisterschülerwerke bis heute erhalten blieben. „Trotzdem wurden einige in den vergangenen Jahren nochmal aufwändig restauriert“, sagt Kulturwissenschaftlerin Christine Holste, während sie eine Gruppe durch die Kellerräume führt.

Berlin – Werke der Meisterschüler im Heizungskeller

In den Wänden des historischen Gewölbes sind neben Sektgläsern, Karaffen und Jagdszenen zum Faschingsmotto „Gastmahl der Wilddiebe“ vor allem politische und satirische Anspielungen zu sehen. Eine Gestalt mit Sporen, die an Stalin erinnert, ein Breitmaulfrosch, ein Vogel, der verkehrt herum fliegt, Skelette, die das Tanzbein schwingen. „Hier unten im Kohlenkeller konnten sich die Meisterschüler wie Manfred Böttcher, Harald Metzkes, Ernst Schroeder und Horst Zickelbein austoben und auch das malen, was in Ausstellungen so nicht hätte gezeigt werden können“, erklärt die Kunstexpertin auf dem Rundgang, der einmal die Woche stattfindet.

Die preußische Tradition der Meisterschüler war nach dem Krieg von der Akademie der Künste in der DDR übernommen worden. Die Maler hatten dabei schon ihre Ausbildung abgeschlossen, durften aber als auserwählte Schüler einzelner bekannter Akademie-Mitglieder zwei Jahre lang relativ unabhängig in den Ateliers am Pariser Platz 4 arbeiten.

Obwohl nach Stalins Tod Mitte der 1950er-Jahre gerade die „Tauwetter-Periode“ herrschte, die auch in der Kunst eine Liberalisierung erlaubte, gab es strenge politische Vorgaben. „Die Künstler durften in ihrer Abschlussprüfung beispielsweise nur figürlich malen. Denn das Surreale stand im Gegensatz zum sozialistischen Realismus“, erklärt Holste. Sogar Pablo Picasso, der sich selbst als Kommunist bezeichnete und dessen Taube als Symbol der DDR-Friedensbewegung galt, sei bei den SED-Oberen verpönt gewesen. „Obwohl Picasso sehr links war, wurde seinem Stil in der DDR keine wirkliche Wertschätzung entgegengebracht“, berichtet die Kulturwissenschaftlerin.

Die Berliner Meisterschüler aber waren scheinbar Fans des spanischen Malers und verweisen in einigen ihrer Faschingsszenen mit Formen, Farben sowie melancholischen Gesten auf das Jahrhundert-Genie. In den inoffiziellen Kellerräumen konnten sich die um 1930 geborenen Künstler mithilfe eines großen Fasses Pulverfarbe frei entfalten und unzensiert experimentieren. Neben Stillleben zum Thema Jagd und Wald sind an den Wänden auch kubistische und abstrakte Bilder beispielsweise von Horst Zickelbein zu sehen.

Die Mediensstation mit Interviews der DDR-Künster und der Katalog zum Bilderkeller sind im Foyer in der Akademie der Künste in Berlin für jedermann zugänglich.

Die Medienstation mit Interviews der DDR-Künstler sowie der Katalog zum Bilderkeller sind im Foyer in der Akademie der Künste in Berlin für jedermann zugänglich.

Maria Neuendorff

Manfred Böttcher lässt dagegen Frauengestalten über die Mauern und Kanten fließen. Viele Bilder bleiben rätselhaft, lassen sich bis heute nicht wirklich deuten. So gebe es über den Bilderkeller und die Faschingsfeste nicht mal einen Eintrag in den Stasi-Akten der Akademie, berichtet Holste.

Dabei wurde zu den illegalen Feten durchaus Prominenz geladen. Bertolt Brecht und Anna Seghers sollen mitgefeiert haben. Meisterschüler Harald Metzkes erzählt in einem Zeitzeugen-Interview, wie Schriftsteller Arnold Zweig als Pascha verkleidet auf einer der umgestülpten Bilderkisten saß, die als Party-Hocker dienten, rauchte und sich seines Lebens freute.

West-Berlin als Sehnsuchtsziel

„Das war das Schöne, dass eigentlich alle, die auf den Kisten saßen, meinten, dass das im Keller eigentlich nicht die Ausnahme sein sollte“, erinnert sich Metzkes. Es habe Einigkeit in der Auffassung geherrscht, „dass man nicht für jeden geistigen Pups, den man lässt, kontrolliert werden muss, ob man politisch wackelt“, so der einstige Meisterschüler von Otto Nagel. Metzkes, 95, der heute in Altlandsberg bei Berlin lebt, ließ sich auch später nicht vom „sozialistischen Realismus“ der DDR-Kunstpolitik vereinnahmen.

Der von außen empfundene Druck ließ die Künstler nur noch enger zusammenrücken. „Sie waren wie eine geheime Gruppe, deren Mitglieder miteinander befreundet waren, diskutierten und zusammen nach Westberlin zu Ausstellungen und Kinobesuchen fuhren“, berichtet die Bilderkeller-Führerin.

Eines der Wandbilder verweist auf eine berühmte Galerie in der Fasanenstraße als Sehnsuchtsziel, vielleicht auch einmal ein Auskommen im Westen zu haben. Doch den Pitbull der Besitzerin, der darauf als Wachhund zu sehen ist, könnte man als Synonym für die Widerstände deuten, die die DDR-Maler auch schon vor dem Mauerbau 1961 daran hinderten, sich in alle Richtungen frei zu entfalten.

Jürgen Böttcher, bekannt unter dem Pseudonym „Strawald“, fand damals besonders die Frauen in den Kudamm-Cafés beeindruckend, „wie sie so mondän an ihren Zigaretten zogen“. Als er sie porträtierte, wird er in der Zeitung Neues Deutschland als „Gangster-Maler“ bezeichnet. „Die Kritiker stellten neben mein Bild eine Bäuerin mit Kopftuch: ‚Das ist die wahre Lebensfreude', haben sie unter die Bäuerin geschrieben“, berichtet Böttcher in einem weiteren Video-Interview.

Das Wandbild "Gastmahl des Wilddieben“ (1958) von Harald Metzkes wurde restauriert und hängt seit 2005 als einziges Bilderkeller-Werk im Foyer der Akademie der Künste in Berlin.

Das Wandbild „Gastmahl der Wilddiebe“ (1958) von Harald Metzkes wurde restauriert und hängt seit 2005 als einziges Bilderkeller-Werk im Foyer der Akademie der Künste in Berlin.

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An der Medienstation im Foyer der Akademie der Künste kann sich übrigens jeder auch ohne Eintritt über den Bilderkeller informieren. Dort ist ein umfangreicher Katalog zu den Werken ausgelegt. In der gläsernen Passage zwischen Pariser Platz und Beerenstraße Straße ist auch das Hauptwerk der Faschings-Reihe „Das Gastmahl der Wilddiebe“ von Harald Metzkes ausgestellt und damit ebenfalls frei zugänglich. Zudem veranschaulicht ein Modell den Aufbau und die Geschichte des Hauses, das neben dem Brandenburger Tor das einzige historische Gebäude am Platz ist.

Die „Königliche“ Akademie der Künste war 1907 in das ehemalige Palais Arnim-Boitzenburg eingezogen und hatte dieses für ihre Zwecke umgebaut. „Die Ausstellungsräume mit einem besonderen Oberlicht galten damals als modernste und schönste Ausstellungsräume Berlins“, berichtet Christine Holste.

Der Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin wurde 2005 eingeweiht.

Der Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin wurde im Jahr 2005 eingeweiht.

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Doch die Akademie-Mitglieder mussten 1937 das Haus auf Anordnung Hitlers räumen. In den heute restaurierten Ausstellungsräumen sollte Albert Speer als Leiter der Generalbaudirektion den Umbau Berlins zur nationalsozialistischen Welthauptstadt „Germania“ vorantreiben.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Akademiegebäude durch Bomben zerstört. Die Fassade des alten Palais wurde in den 1950er-Jahren abgerissen. Im Restgebäude am Rande des sowjetischen Sektors entstanden Werkstätten, Ateliers und Archiv-Räume. In einem für Mitarbeiter der Akademie unzugänglichen Gebäudeteil betrieben DDR-Grenztruppen einen „Führungspunkt“ mit Zellen für „Grenzverletzer“ und DDR-Flüchtlinge. Der Neubau mit der heutigen Glasfassade wurde 2005 eingeweiht und umschließt die historischen Gebäudeteile.

Führungen immer mittwochs

Doch schon als das Hotel Adlon, dessen Kellerräume direkt an den Keller der Akademie angrenzen, kurz nach der Wende wiederaufgebaut wurde, erwachte auch der Bilderkeller langsam aus seinem Dornröschenschlaf. Die Wandmalereien wurden fotografiert, dokumentiert und über die Jahre sorgsam restauriert. Bis heute kann man sie nur im Rahmen von wöchentlichen Führungen besichtigen. Die Tickets müssen Interessierte vorher im Internet buchen. Die Platzzahl ist auf 14 Leute begrenzt.

Dabei ist das Interesse groß. „Schon als die Akademie der Künste den Keller im Rahmen der Art Week 2018 das erste Mal öffnete, kamen über 1000 Leute“, berichte Christine Holste. Für sie selbst ist der Bilderkeller ein Zeugnis dafür, dass es in der DDR-Malerei neben der international bekannten „Leipziger Schule“ auch eine „Berliner Schule“ gab – „mit Meisterschülern, die in der Zwickmühle waren zwischen der offiziellen Kulturpolitik und der Moderne, die sie nicht aufgeben wollten.“

Akademie der Künste

Gegründet im Jahre 1696, gehört die Akademie der Künste (AdK) in Berlin zu den ältesten europäischen Kulturinstituten. Sie ist eine internationale Gemeinschaft von Künstlerinnen und Künstlern und hat in ihren sechs Sektionen Bildende Kunst, Baukunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst, Film- und Medienkunst derzeit insgesamt 433 Mitglieder.

In ihren beiden Stammhäusern – am Pariser Platz im Bezirk Mitte und am Hanseatenweg in Tiergarten – zeigt die AdK Ausstellungen, veranstaltet Konzerte, Debatten, Lesungen, Preisverleihungen, Film-, Theater- und Tanz-Aufführungen.

Die Führungen durch den Bilderkeller finden regelmäßig mittwochs um 17 Uhr statt. Tickets zu 7.50 Euro, ermäßigt 5 Euro, gibt es im Internet bei der Akademie der Künste im Bilderkeller.