DDR-Kinderheim in Berlin
: Das Makarenko in Treptow – Haus mit vielen Geschichten

Im ehemaligen Kinderheim Makarenko in Berlin-Johannisthal finden sich so viele DDR-Kunstwerke am Bau wie nirgends sonst in Berlin. Sie erzählen ihre eigenen Geschichten.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Dieses Bild von 1953 stammt von Ferdinand Friedrich (1902 - 1970). Es gehört zu rund 120 Fassaden-Gemälden bekannter und unbekannter DDR-Künstler, die auf dem Gelände des ehemaligen Kinderheimes in Berlin-Treptow zu finden sind,

Maria Neuendorff
  • Das ehemalige DDR-Kinderheim Makarenko in Berlin-Treptow beherbergt 96 erhaltene Kunstwerke.
  • Kunstwerke wie Sgraffitos und Glasfenster stammen von DDR-Künstlern wie Womacka und Heller.
  • Ein Verein bewahrt die Geschichte des Heims und unterstützt ehemalige Bewohner bei Biografiesuche.
  • Das Heim war ein DDR-Vorzeigeprojekt, später auch Unterkunft für Kinder von Republikflüchtlingen.
  • Führungen und eine Ausstellung informieren über die Kunst und Geschichte des geschichtsträchtigen Ortes.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Auf den Gebäuden des ehemaligen Kinderheims Makarenko in Berlin-Treptow sieht man fröhliche Pioniere mit Wimpeln und Instrumenten. Andere jagen mit fliegenden Haaren beim Spiel einem Ball hinterher. Über dem Eingangsportal des einstigen Direktoren-Hauses sieht man Kinder beim Ernteeinsatz neben einem sowjetischen Raupenschlepper.

Die bunten Fassadenmalereien wirken dabei wie in den Stein gemeißelt. „Das sind Sgraffitos, eine Kratzputztechnik, die heute nur noch sehr wenige beherrschen. Das Besondere ist, dass die Fassadenbilder hier sogar vierfarbig sind“, erklärt Sabrina Knüppel.

120 Kunstwerke auf Kinderheim-Gelände

Sie ist die Vorsitzende des Vereins „Königsheider Eichhörnchen e.V.", einer Interessengemeinschaft aus ehemaligen Bewohnern und Mitarbeitern des größten Kinderheims der DDR. Sie selbst ist nicht in der 1998 geschlossenen Einrichtung, sondern bei den Eltern in Berlin Prenzlauer Berg aufgewachsen.

Die Verwaltungsfachwirtin, die hauptberuflich als Dozentin in der Bundesverwaltung arbeitet, hat sich erst durch ihr Ehrenamt immer mehr mit der Geschichte des Heims beschäftigt und ist ganz nebenbei zur DDR-Kunstexpertin geworden.

Denn auf dem zwölf Hektar großen Gelände im Südosten Berlins, auf dem 1953/1954 das DDR-Vorzeige-Kinderheim errichtet wurde, sind von den mehr als 120 Kunstwerken am Bau noch 96 erhalten geblieben. „So eine Fülle findet man sonst nirgendwo in Berlin“, betont Sabrina Knüppel.

In dem Haus, in dem sich früher der Speisesaal befand, hat zum Beispiel der bekannte DDR-Künstler Walter Womacka 1953 die Glasfenster gestaltet. Ein paar andere farbige Fenster in den Wohngebäuden stammen von Horst Zickelbein, der 2024 mit 99 Jahren in Dänemark gestorben ist.

Sabrina Knüppel, Vereinsvorsitzende des

Sabrina Knüppel, Vorsitzende des Vereins „Königsheider Eichhörnchen e.V., steht vor dem Zaun des ehemaligen Kinderheims Makarenko in Berlin-Johannisthal. Das Tor wurde 1953 vom Kunstschmied Fritz Kühn (1910 - 1967) gefertigt.

Maria Neuendorff

Seid ein Investor das nach der Wende leerstehende Areal in einen Wohnpark umgewandelt hat, gehören die Kunstwerke zu Mieterküchen. „Die Bewohner mussten extra eine Versicherung abschließen, falls mal eine Scheibe kaputtgeht“, erklärt die Vereinsvorsitzende.

Die beiden Eichhörnchen an der schmiedeeisernen Toranlage wurden von Fritz Kühn gestaltet, die Kunstplastiken vor der mondänen Schule, die mit ihren verzierten Eingangsportalen selbst einem Kulturhaus gleicht, stammen vom Bildhauer Heinrich Drake.

DDR-Kunst am Bau – viele Kunstwerke nicht signiert

Einer der vier steinernen Schüler hält einen Spielzeugflieger in der Hand. „Ein Verweis auf den nahegelegenen Flugplatz Johannisthal", erklärt Sabrina Knüppel, die Führungen über das Gelände anbietet. Die Figuren sind teilweise mit Moos bedeckt und mit Teer verschmutzt, andere hat man rekonstruiert.

Nach der Schließung des Heimes drohten die die Werke mit den Gebäuden im neoklassizistischen Stil zu verfallen und Vandalismus zum Opfer zu fallen. Doch der 2008 gegründete Verein trommelte für den Erhalt des geschichtsträchtigen Geländes an der Südostallee.

Mit dem Investor habe man großes Glück gehabt, denn er habe die denkmalgeschützte Anlage behutsam saniert, auch wenn einige wenige Kunstwerke dem Einbau von größeren Fenstern zum Opfern fielen. Auch zu diesen Bildern hat der Verein Postkarten mit Skizzen anfertigen lassen.

Doch obwohl Sabrina Knüppel so viel recherchiert hat, sind für sie manche der Bilder und die Künstler dahinter ein Rätsel, zu dem einzelne Puzzleteile fehlen. Die meisten der Sgraffitos wurden vom Künstlerkollektiv um den Maler Bert Heller (1912 - 1970) angefertigt, damals Rektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. „Er ließ auch seine Studenten ran, die sich oft erst später einen Namen machten. So sind die meisten Bilder nicht signiert, weil die Schüler noch keinen Abschluss hatten“, erklärt die Berlinerin.

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Die Figuren vor der Schule im ehemaligen DDR-Kinderheim in Berlin-Johannisthal stammen vom Bildhauer Heinrich Drake.

Maria Neundorff

Gemeinsam mit Martin Maleschka, einem Architektur- und DDR-Kunst-Experten aus Eisenhüttenstadt, der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet wurde, konnte sie schon ein paar Geheimnisse lüften. Auch von anderen Experten und Nachfahren von Malern habe sie Hinweise erhalten. „Ich hoffe, dass das hier noch bekannter wird und sich vielleicht mehr Menschen melden, die etwas über die Kunstwerke und ihre Urheber erzählen können“, sagt die 44-Jährige.

Im vergangenen Jahr besuchte sie Wolfram Schubert. Der bekannte DDR-Maler, der lange in der Uckermark gelebt hatte, bevor er mit 92 Jahren in die Altmark nach Gardelegen bei Magdeburg zog, war Professor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und ist mit einem Bild in Johannisthal verewigt.

Sabrina Knüppel würde auch gerne Kontakt zu den Nachfahren des 1970 verstorbenen Bert Heller aufnehmen. Das Grab hat sie ausfindig gemacht. „Es war total verwildert. Es ist schon erstaunlich, wie man solch bedeutende Künstler so vergessen kann.“

Durch seinen frühen Tod sei seine Biografie teilweise wie ein „schwarzes Loch.“ Das Gleiche gelte für den Maler Ferdinand Friedrich (1902 - 1970), der das Ernteeinsatz-Bild gefertigt habe, aber über den im Internet kaum Informationen über Leben und Werk zu finden seien. Inzwischen ist es der Königsheider Verein, der die Wikipedia-Einträge zu manchem DDR-Künstler anlegt und aktualisiert.

Kunstwerke erzählen vom Heimleben

„Irgendwann entwickelt man fast schon eine persönliche Beziehung zu den Künstlern“, erzählt die Frau mit den kurzen blonden Haaren. Dabei ist ihr bewusst, dass in der DDR die Kunst am Bau zunächst die Funktion hatte, politische Inhalte und idealisierte Gesellschaftsbilder zu propagieren.

Doch neben roten Sternen und Pionier-Symbolen gebe es auch völlig unpolitische Darstellungen, die zum Beispiel Unterrichtsfächer symbolisierten.

Die Bilder erzählen vor allem vom damaligen Heimleben. „Dort sieht man einen Spielmannszug von Paul Rosié, den es später wirklich gab“, erklärt Sabrina Knüppel und zeigt auf eine Fassadenmalerei über dem Hauseingang eines Wohnhauses.

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Die bunten Glasfenster im ehemaligen DDR-Kinderheim in Berlin-Treptow stellen Schulfächer dar. Eine Scheibe wurde durch Vandalismus zerstört und soll mit Hilfe von Spenden restauriert werden.

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Dass das Leben im Heim nicht so fröhlich war, wie die Bilder suggerieren, weiß sie aus erster Hand. Durch eine Freundin, die einst im Makarenko lebte und der sie bei der Suche nach ihren Eltern half, kam sie nach der Wende das erste Mal auf die 17 Fußballfelder große Anlage und blieb hängen.

Den Großteil ihres heutigen Ehrenamtes widmet die Verwaltungsangestellte der Organisation des Ehemaligen-Vereins, der dazugehörigen Stiftung sowie des Informations- und Begegnungszentrums (IBZ) Königsheide.

Das durch Spenden finanzierte Anlaufzentrum hilft seit 2018 ehemaligen Heimkindern bei der Suche nach Verwandten und unterstützt sie bei Behörden-Anträgen. Denn viele wissen bis heute sehr wenig über ihre eigene Biografie.

Doch auch die Fassadenmalereien gehören für sie zur Geschichte des Heimes, die noch lange nicht vollständig aufgearbeitet ist. Sie zeugten unter anderem vom einstigen großen Anspruch, erklärt die Vereinsvorsitzende. „Das Kinderheim war Anfang der 50er-Jahre das zweitwichtigste Bauprojekt der DDR, gleich nach der Karl-Marx-Allee“, erzählt Sabrina Knüppel.

Anfangs lebten Kriegswaisen oder Mädchen und Jungen aus prekären Verhältnissen in Johannisthal. Aber auch Diplomaten und Intellektuelle wie Erwin Strittmatter haben ihren Nachwuchs im Vorzeige-Heim abgegeben – in dem die Kinder zu „guten sozialistischen Menschen“ erzogen werden sollten.

Aber spätestens nach dem Mauerbau habe sich die Belegung und die Stimmung sehr geändert. „Von den rund 600 Heimbewohnern waren rund 350 Kinder von Republikflüchtlingen“, weiß die Vorstandsvorsitzende. „Hier ist auch viel Leid geschehen.“

Dass das geschichtsträchtige Gelände - rund zehn schnelle Gehminuten vom S-Bahnhof Schöneweide entfernt – aber heute kein Freiluftmuseum ist, sondern wieder bewohnt, findet sie gut. „Nun leben hier wieder Kinder. Aber diesmal gemeinsam mit ihren Eltern.“

Öffnungszeiten und Führungen

Die kleine Dauerausstellung im IBZ Königsheide an der Südostallee 146, 12487 Berlin ist dienstags 11 bis 15 Uhr sowie donnerstags 10 bis 19 Uhr geöffnet.

Jeden zweiten Sonnabend im Monat ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dann gibt es Führungen, für die man sich aber telefonisch unter 030-67951155 anmelden muss.

Auch für Termine in der Betroffenen-Sprechstunde jeden Donnerstag 16.30 bis 19 Uhr bitten die ehrenamtlichen Mitarbeiter um Anmeldung.

Alle Infos unter https://ibz-koenigsheide.de