DDR-Produkte in Berlin kaufen: Trödel-Laden „VEB Orange“ weckt Erinnerungen

Mario Schubert verkauft in seinem Trödel-Laden „VEB Orange“ in Berlin größtenteils DDR-Produkte.
Maria NeuendorffDass der Osten von Deutschland nicht nur grau, sondern auch quietschbunt sein konnte, beweist ein Besuch im „VEB Orange“. Die Tische und Regale im Trödel-Laden in Prenzlauer Berg, in dem DDR-Originalprodukte an- und verkauft werden, sind gefüllt mit farbenfrohen Haushaltsgeräten und Wohn-Accessoires.
Das Herzstück ist eine orangefarbene DDR-Einbauküche im Hinterzimmer, auf deren Arbeitsplatten und Schränken sich – farblich passend – Geschirr und Gerätschaften stapeln. Vom orangefarbenen Eierbecher bis zum zitronengelben Brotkörbchen – die Auswahl der Produkte aus den DDR-Kunststoff-Boom-Zeiten der 1960/70er-Jahre ist groß.
Wie im DDR-Museum
Weil trotz der Fülle alles nett dekoriert und manches schon aus dem Alltagsgedächtnis verschwunden ist, fühlen sich selbst DDR-Geborene ein bisschen wie im Museum.
So ist auch nicht alles verkäuflich. „Das Putzi-Zahnpasta-Set mit dem Sandmann-Aufdruck würde ich nicht hergeben, das habe ich nur einmal“, betont Ladeninhaber Mario Schubert in breitem Sächsisch. Zu seinen unzähligen Schätzen gehören Weimarer Porzellan „Modell Luise“ von 1960 sowie Fernsehturm-Miniaturen in verschiedenen Ausführungen, die einst als Parteigeschenke extra entworfen wurden. Sein Lieblingsmodell ist aber ein Bausatz des Wahrzeichens mit Anleitung, Höhe: 64 Zentimeter.
Mit dem Fernsehturm aus silberblauem Stahl kann man hingegen Flaschen öffnen; den „Malfi“, den sogenannten DDR-Alf, gibt’s als Schmuck fürs Schlüsselbund. Kleine Trost-Preise wie Mini-Pistolen und Pfeifen aus Plaste erinnern an Kindheit auf dem DDR-Rummel.
Auf dem Verkaufstresen aus Sprelacart steht unter anderem eine kreisrunde Schirmlampe. „In jedem Polizeiruf Ende der 70er-Jahre stand dieses Modell auf dem Schreibtisch des Kommissars“, erzählt Schubert. So stöbern auch gerne Filmleute für historische Netflix-Serien nach passenden Requisiten in seinem Laden. Auch die Honecker-Bilder würden gerne für Filmsets, aber auch als Spaßgeschenk oder für Revival-Partys geordert, berichtet der Mann, der sich selbst als völlig unpolitisch bezeichnet. Viele der DDR-Lampen in seinem Laden sind dagegen vom Design gar nicht so groß von westlichen Marken aus den 70er-Jahren zu unterscheiden.

Der Trödel-Laden „VEB Orange" in der Oderberger Straße 29 in Berlin ist nicht zu übersehen.
Maria NeuendorffDie DDR-Eisdielen-Stühle vom VEB Rennsteig sind dagegen optisch wirklich Ost-Kult. Doch es sind nicht nur Fans und Sammler, die den Trödel-Laden an der Oderberger Straße zu ihrem Mekka machen. Auch Eltern und Kinder aus dem Kiez und ohne jegliche Ostsozialisierung nehmen am Eingang einen der bunten Plastikkörbe und tasten mit Augen und Händen neugierig die Produkte aus vergangenen Epochen eines nicht mehr existierenden Staates ab.
„Auch wenn du hier zehnmal durchläufst, findest du immer was Neues“, sagt Schubert. Das liegt nicht nur an der Fülle, sondern am regen An- und Verkauf. Gerade auch über das Internet werden ihm täglich neue alte Dinge angeboten.
Von DDR-Briefpapier bis Kinderherd
Schubert schlägt eine Mappe mit feinem Briefpapier auf, das gestern jemand vorbeigebracht hat. „Berlin –Hauptstadt der DDR“ steht über einer fein gezeichneten Stadtansicht. Auch der elektrische Kinderherd „Ursula“ ist neu im Sortiment. Auf ihm kann man wirklich kochen. Der „Rauchverzehrer“, ein Hund aus Porzellan, diene aber nur angeblich dazu, die Zimmerluft von Qualm zu reinigen. „Das ist eigentlich mehr Duftlampe und Deko“, erklärt der Ladenbesitzer.
Im Regal mit den alten DDR-Weckern klingelt es plötzlich. „Ich habe die alle mal aufgezogen, um zu überprüfen, ob ich sie noch guten Gewissens verkaufen kann“, erklärt Schubert. So reinigt und überprüft er die gebrauchten Handrühr- und Mixgeräte gründlich, bevor sie wieder über seinen Ladentisch gehen. „Damit sie auch die nächsten 40 Jahre halten.“
Der AKA Electric RG28 aus dem Kombinat VEB Elektrogerätewerk Suhl wurde in den 1980er-Jahren in mehr als 20 Länder exportiert und auch in der Bundesrepublik vertrieben. Bis heute gilt er als besonders gut und robust.
So hat die DDR-Mangelwirtschaft irgendwie für langlebige Produkte gesorgt. „Man musste ja teilweise Stroh zu Gold spinnen. Aber das haben sie gut gemacht“, findet Schubert. Zurückwünschen tut er sich die DDR deshalb aber nicht. „Ich hatte eine schöne Kindheit und es war nicht alles schlecht. Aber ich tendierte in der Jugend zur Punkszene und das wäre in dem System wahrscheinlich ungemütlich für mich geworden.“
Made in GDR
Trotzdem verkauft der gelernte Heilerziehungspfleger die DDR-Produkte nicht nur, er lebt sie auch. Auf der schwarzglänzenden Jacke in Jeansoptik, die Schubert trägt, ist das Signet des Palasts der Republik gestickt. „Das ist die Uniform, die das Servicepersonal im Palast trug“, erklärt der Ladenchef. In die Brusttasche hat er einen orangefarbenen Plastikkamm gesteckt, auf dem „Made in GDR Pneumant“ aufgedruckt ist. Auf seinem Verkaufstresen liegt ein original HO-Block für Notizen. Kunden bekommen zum Rückgeld einen Ost-Glücks-Pfennig geschenkt. Wenn im Laden das Telefon klingelt, hebt Schubert einen orangefarbenen Hörer ans Ohr. Zur Arbeit fährt er mit dem Trabi, den er, wie die Fensterrahmen seines Ladens, orange lackiert hat.

Blümchentapete, Amiga-Platten und Fernsehturm-Souveniers gehören im Gebrauchtwarenladen „VEB Orange" zum Inventar.
Maria NeuendorffAus dem Plattenspieler, auf dem sich ein leuchtender Fernsehturm dreht, dudeln die Beatles. „Die wurden damals in der DDR rauf und runter gespielt, weil Amiga die Lizenz hatte“, erzählt der 49-Jährige. Er selbst ist im Erzgebirge aufgewachsen und kam im Jahr 2000 nach Berlin. Mit dem Gebrauchtwarenladen machte Schubert fünf Jahre später sein Hobby zum Beruf. „Ich war einfach schon immer ein leidenschaftlicher Sammler. Irgendwann hatte ich so viel, dass ich wieder was verkaufen musste.“
Inzwischen hat er viel mehr angehäuft, als er im Laden präsentieren könnte. „Ich habe noch drei Garagen, den Dachboden und den Keller voll“. Zu fast allen Dingen kann er eine Geschichte erzählen. Reich werde er mit seiner Leidenschaft aber nicht. „Zum Glück funktioniert es seit 20 Jahren, dass ich davon leben kann, auch weil ich einen netten Vermieter habe, der nicht wie andere in der Gegend extreme Preise verlangt.“

Mario Schubert im hinteren Teil seines Geschäfts „VEB Orange" in Berlin mit bunten Küchenutensilien und sonstigen Gebrauchsgegenständen aus DDR-Produktion.
Maria NeuendorffWenn Schubert einen Wunsch frei hätte, dann, dass ihm nochmal jemand einen orangefarbenen Spielzeug-Trabi anbietet. „Den haben sie mir leider im hinteren Raum geklaut“. Und auch die kultige DDR-Gießkanne, die ein Kunde aus Versehen vom Regal stieß und die nun einen Sprung hat, hätte er gerne nochmal in unversehrter Ausführung.
Das Geschäft „VEB Orange“ an der Oderberger Straße 29 hat montags bis sonnabends, jeweils von 10 bis 19 Uhr, geöffnet. Mehr Infos unter www.veborange.de
Ostpro in Karlshorst
19. bis 21. April 2024 findet auf der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst auch wieder die Verkaufsmesse für Ost-Klassiker Ostpro statt.
Rund 100 Unternehmen aus den neuen Bundesländern präsentieren Freitag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr, Nahrungs- und Genussmittel, Bekleidung und Kosmetika, Bücher, Videos und CDs, Porzellan, Keramik, Glaswaren und Kerzen, Uhren und Schmuck, Spielwaren sowie Möbel und Haushaltswaren.
Dazu werden kulinarische Spezialitäten aus Tschechien, Polen, Russland und Ungarn angeboten. Der Eintritt kostet 2 Euro. Kinder bis zehn Jahre haben freien Eintritt. Alle Infos unter www.berlin.de


