DDR-Geschichte in Berlin
: Rätsel um vergessene Bleiglasfenster in ehemaliger Gaststätte

Die 86-jährige Leserin Marianne Wachtmann führt zu vergessenen Schätzen in der ehemaligen DDR-Gaststätte Laternenklause in Berlin-Friedrichshain und erinnert sich an ihre Jugend.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Marianne Wachtmann steht neben einem der drei DDR-Bilder in einem Büro in Berlin-Friedrichshain. Die 86-jährige Leserin erinnert sich daran, dass die Kunstwerke schon in den 1950er-Jahren die Gaststätte „Laternenklause" schmückten und machte sich auf die Suche nach den Relikten.

Maria Neuendorff

Berlin wandelt sich stetig, vieles verschwindet einfach, doch Marianne Wachtmann findet die Orte ihrer Kindheit und Jugend trotzdem wieder. „Hier war unser Hinterhof, das war mal alles ganz eng bebaut“, sagt sie auf einer gerade erst neu gestalteten weitläufigen Grünfläche im Wohngebiet nördlich der Karl-Marx-Allee.

Ihr altes Wohnhaus in Berlin-Friedrichshain, das längst nicht mehr steht, ist aber nicht der Grund, warum die 86-Jährige heute extra aus Neuenhagen bei Strausberg angereist ist. Nach der Lektüre unserer Serie zur DDR-Architektur hat sich die aufmerksame Leserin gemeldet und will uns zu einem ganz besonderen Relikt führen.

„Man sieht sie schon von draußen“, sagt Marianne Wachtmann und zeigt auf die Fenster eines prächtigen Eckhauses an der Auerstraße, das im Zuge der ehemaligen Stalinallee in den 1950er-Jahren entstanden ist. Zu sehen ist eines von drei riesigen transparenten Bildern, die an die Bleiglasfenster des DDR-Künstlers Walter Womacka (1925–2010) erinnern. „Das war hier mal die Gaststätte ,Zur Laternen-Klause‘“, berichtet Wachtmann. Die urige Gaststätte, in der sie mit ihrem späteren Mann Ende der 1950er-Jahre einkehrte, ist schon lange geschlossen.

Seit 2007 ist in den Erdgeschoss-Räumen die Verwaltung des Kriminaltheaters ansässig. „Ich sage immer, ich arbeite in einer Eckkneipe“, beschreibt Mitarbeiterin Andrea Waldmann lachend. Sie erlaubt uns, einen Blick in die Büroräume zu werfen und die Scheiben von Nahem zu betrachten.

Blick in das Büro des Berliner Kriminaltheaters, in dem die DDR-Kunstwerke aus den 1950-Jahren die Zeiten überdauert haben.

Maria Neuendorff

Diese entfalten erst bei der Innenansicht, also quasi mit der Sonne im Nacken, ihre wahre bunte Pracht und sind wie ein Triptychon angelegt, das allerdings über zwei Räume verteilt ist. Das erste der etwa vier Meter hohen und ein Meter breiten Bilder, die wie steife Gardinen vor den Fenstern von der teils noch holzverkleideten Decke hängen, zeigt einen mittelalterlichen Marktplatz mit Vogelfänger, Fischverkäuferin und Harfenspieler.

Dieses Bild zeigt vermutlich ein Richtfest zu DDR-Zeiten und könnte ein Verweis auf das gigantische Wohnbauprojekt an der ehemaligen Stalin-Allee in Berlin-Friedrichshain sein.

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Die zweite Szene spielt dann schon ein paar Jahrhunderte später, zeigt wieder ein Markttreiben mit Schmuckverkäufern und einem Bettler mit Holzbein. Das letzte zeigt ein Richtfest zu DDR-Zeiten, höchstwahrscheinlich auf die Stalinallee bezogen. Es werden Fenster geputzt und Biere getrunken. Eine junge Frau mit sowjetisch anmutendem Kopftuch hält Ährenkranz und Zirkel in der Hand. Im Hintergrund sind ein stattliches Wohnhaus und der Berliner Bär zu sehen.

DDR-Werk ohne Autor

Leider gibt es keinerlei Signaturen, die auf den Künstler hinweisen. „Nein, das ist nicht Womacka“, sagt DDR-Kunstexperte Martin Maleschka, nachdem wir ihm Fotos von dem unbekannten Fund geschickt haben. Der Architekt und Fotograf aus Eisenhüttenstadt, der auch das Buch „Baubezogene Kunst – Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990“ geschrieben hat, macht sich seit vielen Jahren auf die Spurensuche nach DDR-Überbleibseln. „Die Bilder erinnern mich an zwei ähnliche Bleiglasfenster im ehemaligen Kinderheim Makarenko in Berlin-Johannisthal, das ich vor Kurzem erst wieder besucht habe“, sagt Maleschka.

So recherchieren wir weiter und stoßen auf den DDR-Design-Experten Bernd Havenstein. „Der Entwurf der Arbeiten stammt von Walter Wichmann, die Ausführung der Glasmalerei nahm Katharina Peschel vor“, sagt der Diplom-Wissenschaftler. Wichmann hat unter anderem in Eisenhüttenstadt zwei Wandbilder des Friedrich-Wolf-Theaters gestaltet, Peschel auch Womacka-Entwürfe umgesetzt.

Havenstein ist sich sicher. „Ich war selbst 2003 mal in Friedrichshain vor Ort und durfte mit Genehmigung der Wohnungsgesellschaft Fotos von diesen Arbeiten anfertigen, von denen ich noch Dias habe“, erklärt Havenstein und verweist auf das Heft „Deutsche Architektur 1956“, in dem der Gaststätte „Zur Laternen-Klause“ zwei Seiten gewidmet sind.

Kneipen-Keller in Berlin ist heute Theater-Fundus

Die ehemalige Kneipe ist nun ein Büro. In den alten Holzregalen lagern Akten. „Dort war sogar noch ein Tisch, auf dem die Kneipenkasse stand“, sagt Andreas Waldmann und zeigt auf eine Wand aus dunklen Ziegelsteinen. Der Keller, in dem einst Getränke und Speisen gekühlt wurden, dient den Theaterleuten heute als Fundus für Kostüme und Requisiten. Die Kleider der Schauspieler werden in der ehemaligen Kneipen-Küche gewaschen. „Die ist immer noch so gefliest wie damals, auch der Boden ist derselbe“, stellt Marianne Wachtmann erstaunt fest.

Welche Speisen damals in der Laternenklause feilgeboten wurden, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. „Wir hatten kein Geld, um hier was zu essen“, erzählt sie. „Wir haben nur ein großes Bier bestellt und uns dann stundenlang in einer der Kuschelecken aufgehalten.“ Denn gerade im Winter wussten sie und ihr Verlobter oft nicht, wohin. „Meine Mutter arbeitete als Schneiderin zu Hause, dort fanden ständig Anproben statt, und wir hätten nur gestört“, berichtet die gebürtige Berlinerin.

Mietskaserne mit Kuhstall im Hof

Sie bewohnte damals mit ihrer Mutter Stube und Küche in einem der wenigen Häuser, die die Kriegsbomben halbwegs verschont hatten. Während drumherum die neuen Arbeiterpaläste im Akkord hochgezogen wurden, verfiel die alte Mietskaserne mit dem Kuhstall im Hof zusehends. Auch Marianne Wachtmann musste als Jugendliche zwei Jahre lang „Steine klopfen“. Rund 38 Millionen Ziegelsteine wurden in rund vier Millionen Stunden freiwilliger Arbeit aus dem Schutt geborgen und später wieder auf dem Vorzeige-Boulevard verbaut.

Doch von einer Wohnung in den neuen „Zuckerbäcker“-Bauten mit Bad, Parkettboden, Fernwärme, die anfangs für 90 Pfennig pro Quadratmeter zu mieten waren, konnte die junge Berlinerin nur träumen. Die begehrten Neubauwohnungen seien hauptsächlich an treue Partei-Genossen vergeben worden, berichtet Wachmann.

Die Teilnahme an Demonstrationen, politischen Veranstaltungen und Hausversammlungen gehörten zu den Pflichten der Mieter. „Ich kenne viele der alten Bewohner, die auch noch nach der Wende gerne den Sozialismus weiter hochgehalten hätten.“ Sie erinnert sich, dass unter den Erstmietern besonders viele Sachsen waren „Es gab bei uns Kindern zwei Cliquen, die sich nicht mochten: die Einheimischen und die Zugezogenen.“

Wo heute kleine grüne Vorgärten vor den Apartments blühen, habe kurz nach dem Krieg noch ein Stall mit Kühen gestanden. „Über Marken bekam jedes Kind einen halben Liter Milch für 30 Pfennig, das war teilweise die einzige Nahrung für uns“, berichtet Wachmann. Auch das Bier in der Laternenklause kostete nur ein paar Pfennige. Die Gaststätte, etwas abseits des großen Boulevards, sei aber selten überlaufen gewesen. „Sie hatte ja auch große Konkurrenz mit dem Café Warschau und dem Restaurant Budapest, die viel bekannter und beliebter waren“, erklärt Wachtmann.

Zeitzeugin Marianne Wachtmann vor dem Wohnhaus Auerstraße 14 in Berlin-Friedrichshain, in dem zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss die Gastätte „Laternenklause" ansässig war.

Maria Neuendorff

Mit ihrem späteren Mann, den sie 1957 heiratete, zog die junge Frau, die Werbe-Ökonomie studierte und unter anderem für den DDR-Außenhandel in der Werbung tätig war, später nach Prenzlauer Berg und nach der Wende nach Märkisch Oderland.

Auch in Neuenhagen betätigt sich die Frau mit der zierlichen Gestalt und dem wachen Geist ehrenamtlich in Sachen Heimatkunde und hat gemeinsam mit dem Seniorenbeirat schon Geschichtsbroschüren veröffentlicht. Nach Friedrichshain pilgert Marianne Wachtmann auch immer wieder gerne.

Vor ein paar Jahren hat sie geholfen, die Geschichten ihres ehemaligen Kiezes, in dem ihre Urgroßeltern einst eine Fleischerei und ihre Großeltern eine Kneipe führten, für eine Ausstellung des Bezirksmuseums aufzuarbeiten. „Ich freue mich einfach, wenn ich als Zeitzeugin helfen kann, die Erinnerung lebendig zu halten.“

Persönliche Erinnerungen

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de