Einkaufen in Berlin: Kaufhäuser Galeria-Karstadt – Wolkenkratzer für Osten, Abriss im Westen

Der Galaria Kaufhof am Alexanderplatz in Berlin soll nach dem Umbau als „Galeria Weltstadthaus“ weiterbetrieben werden.
Maria NeuendorffWer derzeit beim Weihnachts-Shopping in Berlin auf Schnäppchen aus ist, könnte an der Wilmersdorfer Straße fündig werden. „Wir schließen – alles muss raus“, prangt schon von weitem sichtbar am Kaufhaus in Charlottenburg, das zum letzten großen Warenhauskonzern in Deutschland gehört, zu Galeria Karstadt Kaufhof.
Seine Tage sind gezählt. „Voraussichtlich wird am 17. Januar Schluss sein. Vielleicht auch früher, je nachdem, wie viel Ware noch da ist“, erzählt eine Mitarbeiterin, während die Kunden durch die Gänge strömen und die heruntergesetzten Waren begutachten. Die Weihnachts-Deko ist heute um 40 Prozent billiger als ausgezeichnet. Der Gourmet-Grill mit Raclette-Funktion ist für 44,99 Euro statt für 89,99 Euro zu haben, die Schulranzen gibt es zum halben Preis, Sommerröcke – und -hosen sind bis zu 70 Prozent heruntergesetzt.

„Alles muss raus“- das Kaufhaus der insolventen Galeria Karstadt Kaufhof Gruppe an der Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg ruft die Kunden zum großen Ausverkauf. Mitte Januar 2024 soll das traditionsreiche Warenhaus schließen.
Maria NeuendorffInsolvenz des Mutterkonzerns Signa
Während die Kunden sich über Schnäppchen freuen, blicken die Mitarbeiter in eine ungewisse Zukunft. „Wir gehören zu einer Zeitarbeitsfirma und sind sowieso nur ausgeliehen“, erzählt die Verkäuferin. Vom Unternehmen selbst war in den vergangenen zehn Tagen auch nach mehrfacher Nachfrage keinerlei Stellungnahme zu erhalten.

Rabatt-Aktionen vor Weihnachten in der Karstadt-Filiale an der Wilmersdorfer Straße in Berlin.
Maria NeuendorffKlar ist bisher nur, dass bis Januar kommenden Jahres 52 der 129 bundesweiten Warenhäuser schließen oder schon geschlossen haben werden. Nachdem der Mutterkonzern, die Signa Holding, Ende November nach mehreren Tochterunternehmen ebenfalls Insolvenz anmelden musste, könnte das langfristig auch auf weitere Standorte Einfluss haben.
In Berlin-Brandenburg sind bisher drei Filialen betroffen. Cottbus ist schon seit dem Sommer dicht. Bei Karstadt an der Müllerstraße in Wedding sollen ebenfalls spätestens Ende Januar die Lichter ausgehen. Von den knapp 270 Mitarbeitern erhielten schon Anfang 2023 alle betriebsbedingte Kündigungen und Abfindungen, die auf zweieinhalb Monatsgehälter gedeckelt waren. „So bekamen Beschäftigte mit 30 bis 40 Jahren Betriebszugehörigkeit gerade mal rund 5000 Euro brutto“, berichtet ver.di-Gewerkschaftssekretär Ralph Thomas.
Ein Teil der Belegschaft habe Angebote in anderen Warenhäuser bekommen und angenommen. Doch auch diese seien zum Teil nicht zumutbar gewesen. Er berichtet von einem Fall, bei dem eine Mitarbeiterin in Vollzeit aus Berlin eine Teilzeit-Stelle in Augsburg angeboten bekommen habe. Viele hätten sich selbst eine neue Beschäftigung gesucht, so Thomas.
Kaufhaus-Beschäftigte kommen bei Rentenversicherung unter
Durch das Engagement der Betriebsräte und der Gewerkschaft sei es zudem gelungen, einige bei der Deutschen Rentenversicherung unterzubringen. „Für rund 15 verbliebene Stammbeschäftigte aus Berlin gibt es nach wie vor keine Lösung.“
Nicht betroffen von den aktuellen Schließungsplänen sind die Berliner Filialen Ring-Center, Hermannplatz, Tempelhofer Damm, Kurfürstendamm, Schloßstraße, Carl-Schurz-Straße und Tegel, sowie die letzte verbleibende Brandenburger Filiale in Potsdam.
Galeria Kaufhof am Alexanderplatz wird aufgestockt
Auch das Flagschiff „Galeria Kaufhof“ am Berliner Alexanderplatz soll trotz Verkaufs und Aufstockung der Immobilie erhalten bleiben. „Der Umbau erfolgt bei laufendem Betrieb. Der Verkauf im Warenhauses läuft ganz normal weiter“, betont Gerd Johannsen, Sprecher Commerz Real AG. Die Commerzbank-Tochter hatte den historischen Warenhauskomplex vom Immobilienunternehmen Signa Real Estate vor kurzem gekauft und will auch den geplanten Anbau weiterführen.
Dabei soll ab Januar 2024 an der Ecke Dircksenstraße und Karl-Liebknecht-Straße ein Wolkenkratzer in das Sockelgebäude des bestehenden Warenhauses hineingebaut werden. In dem 134 Meter hohen Turm selbst sollen vorwiegend Büros entstehen. Das Warenhaus soll laut Commerz Real AG als „Galeria Weltstadthaus“ mit einem veränderten Nutzungskonzept fortgeführt werden.
Dachterrasse mit Blick über Berlin
Demnach sollen im ersten Untergeschoss und im Erdgeschoss etwa 2.500 Quadratmeter für einen hochwertigen Lebensmittelbereich und für kleinteiligen Einzelhandel vorgesehen sein. „In den beiden oberen Geschossen ist auf rund 7.900 Quadratmetern ein sogenannter Food-Culture-Market geplant, welcher Genuss, Kultur und Einkauf verbinden soll“, heißt es in der Projektbeschreibung. Des Weiteren soll es eine großzügige öffentliche Dachterrasse mit Blick auf den Berliner Fernsehturm geben.
Auch davon zeugen schon Schilder. „Alles auf neu – hier shoppen sie bald noch schöner“, ist an einer wegen des Umbaus gesperrten Rolltreppe zu lesen. Doch sonst ist noch alles beim Alten. Während die Weihnachtsbuden-Betreiber draußen Bratwürste grillen, strömen die Massen in dicken Winterjacken in das Kaufhaus. Die Puppen tragen Dessous in Weihnachtsmannfarben.
Überall glänzt und glitzert es festlich. Bei Swarovski sind nicht nur die Herzchen-Ketten, sondern auch die Kugelschreiber mit künstlichen Diamanten besetzt. Die Preise kann man inzwischen schon mit denen im KaDeWe vergleichen. Eine kleine Nikolaus-Süßigkeit in nostalgischer Emaille-Box von einer Edelfirma kann schon mal locker 20 Euro kosten. Die übermannsgroßen Plüsch-Eisbären, die zugleich als Deko-Element herhalten, sind für 5200 Euro zu haben.
„Irgendwie ist es doch inzwischen überall teuer“, sagt Sabine Jesse gelassen, die mit ihrer Tante im Restaurant Kaffee trinkt. Beide können die Erdbeertorte empfehlen, für die sie sich nicht verschulden mussten. „Ich komme immer sehr gerne her. Denn hier finde ich alles an einem Fleck“, sagt die 60-Jährige aus Ahrensfelde, die nicht gerne online bestellt. „Ich fasse gerne an und will die Dinge sehen, bevor ich sie kaufe.“

Sabine Jesse (60) aus Ahrensfelde geht seit über 30 Jahren im Galeria Kaufhof am Berliner Alexanderplatz einkaufen und auch gerne im 5. Stock einen Kaffee trinken.
Maria NeuendorffSabine Jessen hofft, dass der Kaufhof trotz erneuter Insolvenz noch lang erhalten bleibt. „Es gehört an einen Ort wie den Alexanderplatz und macht ihn attraktiv“, sagt die Kundin, die den Konsumtempel noch aus DDR-Zeiten als „Centrum-Warenhaus“ kennt. „Auch damals war es was Besonderes, dass es hier so viel an einem Ort gab“, sagt Sabine Jesse. Ihre Tante, mit der sie sich heute im Restaurant im fünften Stock zum Kaffeekränzchen getroffen hat, geht auch gerne zu Galeria am Herrmannplatz. „Dort kann man auf der Dachterrasse schön Kaffee trinken“, verrät sie.
Auch Galeria am Herrmannplatz soll längerfristig umgebaut und die Fassade aus den 1920er-Jahren wiedererrichtet werden. Der Rohbau des Bestandsgebäudes muss dabei erhalten bleiben. Er steht unter Denkmalschutz. Der Warenhausbau am Aex wurde zwischen 1967 und 1970 vom Kollektiv Josef Kaiser im Stil der sozialistischen Moderne errichtet.
120 Jahre Kaufhaus-Geschichte
Die Kaufhaus-Geschichte in der Wilmersdorfer Straße begann dagegen schon vor 120 Jahren. Dort eröffnete 1906 die Firma Graff & Heyn ein Warenhaus. Bereits 1912 wurde es wieder abgerissen und durch einen größeren Neubau ersetzt. 1914 wurde es von Adolf Jandorf übernommen, der 1907 am Wittenbergplatz schon das Kaufhaus des Westens eröffnet hatte. 1926 übernahm die jüdische Kaufmannsfamilie Tietz das Haus an der Wilmersdorfer Straße. Die Banken bildeten im Nationalsozialismus aus den Anfangsbuchstaben Hermann Tietz die Wortmarke Hertie. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kaufhaus zerstört, 1950 wiedereröffnet, 1962 und 1972 erweitert und 1997 von Karstadt übernommen.
Doch obwohl der Bau, wenn er nicht gerade mit grellbunten Rabatt-Schildern vollgeklebt ist, eigentlich verhältnismäßig ansehnlich wirkt, will der neue Besitzer, die Cofra Holding, das Kaufhaus abreißen und das Grundstück für Büros, Wohnen und Gewerbe neu bebauen.




