Herr Horn, worum ging es Ihnen bei der Idee?

Die Konjunkturkrise durch Corona ist sehr ungleich verteilt. Der Online-Handel und die Baumärkte boomen, aber lokaler Einzelhandel, Gastronomie und Kultur liegen darnieder. Die für alle geltende Mehrwertsteuersenkung war da in meinen Augen nicht die richtige Antwort. Wir brauchen gezielte Hilfen für die, die es am nötigsten haben. In Wien gibt es bereits Konsumgutscheine. Und da kam mir die Idee: Was man dort machen kann, geht vielleicht auch in Bad Belzig.

Wie groß sind die Nöte?

Vor allem noch recht neuen Betrieben, die keine Reserven bilden konnten, steht das Wasser bis zum Hals. Sie würden ohne Hilfe nicht mehr lange durchhalten. Es könnte zu Insolvenzen und Schließungen kommen, was auch für die Bad Belziger Innenstadt fatal wäre. Die Lage war hier schon vor Corona schwierig und hat sich nun verschärft. Wir müssen die noch vorhandenen Geschäfte beleben.

Kritiker sagen, die Stadt sei hoch verschuldet und würde die veranschlagten rund 110.000 Euro dringend für Kita- und Schulbauten brauchen.

Das wäre in der Krise die falsche Antwort. Wir brauchen jetzt einen schnellen Impuls, der sofort ausgabenwirksam wird, also den Läden Einnahmen bringt. Der Betrag, über den wir reden, wäre außerdem mit Blick auf die Bauvorhaben ein Tropfen auf den heißen Stein. Dafür gibt es andere Finanzierungstöpfe.

Zehn Euro sind doch recht wenig. Lohnt sich der Aufwand?

Pro Kopf ist es nicht viel, aber in der Summe sind es mehr als 110.000 Euro für nicht so viele Geschäfte in einem begrenzten Zeitraum. Das spürt man schon. Und, das kleine Geheimnis, die Rechnungen belaufen sich dann ja nicht immer auf zehn Euro pro Kopf, sondern im Restaurant auch schnell auf zwölf Euro. Ich rechne damit, dass wir aus jedem eingesetzten Euro am Ende 1,20 Euro machen. Und fünf bis zehn Prozent der Ausgaben fließen über Steuern wieder an die Kommune zurück.

Dennoch: Gutscheine müssen gedruckt und verteilt werden. Bad Belzig ist ein weitläufiges Gebiet.

Das stimmt. Um die Durchführung geht es jetzt im Gespräch mit der Stadtverwaltung. Ich plädiere dafür, den Haushalten die Gutscheine zuzuschicken. Wer ihn zu Hause hat, nutzt ihn auch. Wenn man ihn bei der Gemeinde abholen müsste, wäre das vielleicht anders.

Wie kann man einen eventuellen Erfolg der Maßnahme messen?

An gestiegenen Umsätzen in den Geschäften, für die die Gutscheine gelten. Eine wissenschaftliche Begleitung, bei der diese Daten anonymisiert ausgewertet werden, wäre natürlich sehr sinnvoll. Dazu gibt es Überlegungen. Wie die Maßnahme wirkt, ist ja auch weit über Bad Belzig hinaus ökonomisch hoch interessant.

Sie denken als Ökonom in größeren Zusammenhängen. Welche Idee steckt hinter den Gutscheinen?

Meine Überzeugung ist, dass sich Krisen wie die jetzige nicht von selbst beheben. Wenn der Handel weitere Monate vor sich hin dümpelt, die Einnahmen nicht stimmen und die Kosten davonlaufen, dann hinterlässt das Spuren. Geschäfte gehen Pleite, Innenstädte verarmen. Hier muss mit einem aktiven wirtschaftspolitischen Eingriff gegengesteuert werden. Man muss den Menschen Geld in die Hand geben, damit sie es ausgeben und so den Wirtschaftskreislauf wieder in Schwung bringen.

Das Geld für die Gutscheine kommt vom Land


Mit knapper Mehrheit haben die Bad Belziger Stadtverordneten die Ausgabe von Konsumgutscheinen an ihre rund 11300 Einwohner beschlossen. Sie sollen bis zum Jahresende in örtlichen Läden gelten, die unter der Corona-Krise leiden. Also zum Beispiel nicht in Supermärkten. Das Geld kommt von den Zuweisungen des Landes aus dem kommunalen Rettungsschirm. Die Idee für die Gutscheine hatte der Ökonomie-Professor Gustav Horn. Der 65-Jährige sitzt für die SPD im Stadtparlament und ist ein bundesweit seit Jahrzehnten geschätzter Experte für die Themen Konjunktur und Wachstum. In seinem aktuellen Buch „Gegensteuern. Für eine neue Wirtschaftspolitik gegen Rechts“ plädiert er für eine „Renaissance des Lokalen“. mat