Erziehung
: Unbekannte Kinderschicksale – zur Pflegefamilie ins Ausland?

Wie viele Pflegekinder werden zu Familien ins Ausland geschickt? Das Jugendministerium weiß es nicht.
Von
Mathias Hausding
Potsdam
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Lückenhaft: Die Zahl der ins Ausland geschickten Kinder wird nicht erfasst.

dpa/Ralf Hirschberger

In einem „Polizeiruf“-Krimi, der beim anschließenden Faktencheck sehr gut abschnitt, wurde das jüngst problematisiert: Auf wen treffen die Jugendlichen dort? Sind sie an diesen Orten gut aufgehoben? Geht es manchen Jugendämtern womöglich in erster Linie darum, schwierige Kinder kostengünstig meist nach Osteuropa abzuschieben?

Rund 700 Jugendliche aus Deutschland sollen sich 2017 im Rahmen solcher Programme im Ausland aufgehalten haben, hieß es im Film-Abspann. Wie viele Brandenburger Kinder könnten darunter sein? Wie wird garantiert, dass die Rechte dieser jungen Menschen respektiert werden? Diesen Fragen ist die CDU-Landtagsabgeordnete Kristy Augustin nachgegangen. Weit ist sie nicht gekommen. Das Jugendministerium in Potsdam konnte auf die Kleine Anfrage der CDU-Familienexpertin keine Zahlen ermitteln. „In der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik werden diese Daten nicht erhoben“, schreibt das Ministerium. Die Nachfrage der Abgeordneten, ob es nicht geboten sei, die Statistik zu erweitern, damit man künftig Erkenntnisse zu diesen Kindern hat, ließ das Ministerium unbeantwortet.

„Ich habe fast erwartet, dass mir keine Auskunft gegeben wird, aber beschämend finde ich es dennoch“, ärgert sich Kristy Augustin. „Das Land ist offenbar nicht daran interessiert zu wissen, wo sich Kinder aufhalten, die in Obhut sind. Das finde ich untragbar. Sollte nicht gerade, wenn es um besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche geht, ein erweiterter Informationsbedarf des Landes bestehen?“

Fachleute sind sich einig, dass ein gut vorbereiteter und pädagogisch intensiv begleiteter Auslandsaufenthalt für manche Kinder ein sinnvoller Ausweg sein kann, wenn sämtliche hiesigen Erziehungsmaßnahmen nicht gefruchtet haben sollten. Als entscheidend gelten die Qualität und die Überwachung der Auslandsprojekte.

In dem „Polizeiruf“ wird zum Beispiel erzählt, wie sich Jugendamtsmitarbeiter an Auslandsprojekten von fragwürdiger Qualität finanziell beteiligen und damit an der Verschickung der Kinder verdienen. Einen solchen Skandal habe es tatsächlich vor rund vier Jahren in Gelsenkirchen gegeben, berichtet der WDR.

Die Kosten explodieren

Der Brandenburger CDU-Landtagsabgeordneten Kristy Augustin geht es in ihrer Kritik freilich nicht um Extremfälle, die dann in einem Krimi verarbeitet werden. Ihre Bedenken entzünden sich an dem, was die Jugendhilfe-Statistik dann doch offenbart, und was sie über die Situation in den Jugendämtern hört. "Die Zahl der Kinder in Obhut steigt, bundesweit, so auch in Brandenburg. Die Kosten der Hilfen zur Erziehung werden mir aus vielen Landkreisen als explodierend geschildert“, sagt die 40-Jährige. „Um so mehr sollte der Blick auf die Interessen der Kinder gerichtet werden.“ Sonst passiere es schnell, „dass aufgrund der finanziellen Situation die menschliche Situation ins Abseits gerät“.

Wie die Landesregierung auf Anfrage von Kristy Augustin mitteilt, waren 2017, aktuellere Zahlen liegen nicht vor, in Brandenburg 2355 Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Das ist eine Zunahme um neun Prozent gegenüber 2013. Die Zahlen haben sich Jahr für Jahr erhöht. Welche Kosten für die Unterbringung eines Pflegekinds im Inland beziehungsweise im Ausland anfallen, vermag das Ministerium mit Verweis auf die Zuständigkeit der Landkreise nicht zu sagen.

Dass die Hilfen für schwierige Jugendliche zunehmend zu einer finanziellen Herausforderung für die Kommunen werden könnten, zeigt auch die Zahl der Mädchen und Jungen, die eine sogenannte stationäre Hilfe zur Erziehung erhalten haben. 2013 waren das noch 2854 Kinder, im Jahre 2017 dann bereits 4006. Entsprechend erhöht hat sich auch die Zahl der „stationären Einrichtungen zur Erziehung“. Im Jahre 2018 gab es in der Mark 1377 solcher Standorte, vor fünf Jahren waren es knapp 900.