Frau Neiman, Sie konnten inzwischen mehrere Nächte über die Ereignisse vom Mittwoch schlafen. Wie lautet Ihre Bewertung mit etwas Abstand?

Sie hat sich nicht geändert. Wir haben seit November erwartet, dass es zu Aufruhr kommt. Die Bilder vom Capitol waren schockierend, aber keine Überraschung. Trump ruft seine Unterstützer seit Monaten zu Gewalt auf. Man sollte nicht um den heißen Brei herumreden: Das ist Faschismus. Eine Überraschung waren hingegen die Ereignisse in Georgia.

Warum?

Es schien ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Schwarzer oder ein Jude die Senatswahlen in dem republikanisch gefärbten Staat gewinnt. Dass beide zusammen gekämpft haben, im Namen der alten Solidarität zwischen Schwarzen und Juden zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung, und am Ende gewonnen haben, ist wirklich ein Wunder. Ich bin selbst aus Georgia und weiß, wie wichtig das ist. Das Ergebnis dort macht mich auch insgesamt froh.

Welche Bedeutung hat es?

Viele Europäer fragen sich, warum manche mit Präsident Barack Obama verbundene Hoffnung seinerzeit nicht erfüllt wurde. Die Antwort ist Mitch McConnell. Der republikanische Senatsführer hat in sechs Jahren von Obamas Amtszeit alles blockiert. Nach dem Ausgang der Wahl im November drohte Joe Biden das gleiche Schicksal wie Obama. Doch das weltbewegende Ergebnis der Nachwahlen für den Senat in Georgia gibt ihm nun die Möglichkeit für echte Veränderungen etwa in der Klimapolitik und den internationalen Beziehungen.

Was wird Biden als Präsident zuerst angehen?

Die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, ist ganz klar seine erste Aufgabe. Außerdem weiß er, dass die Polizei reformiert werden muss, damit schwarze Menschen nicht immer wieder von Polizisten erschossen werden. In manchen US-Staaten ist die Friseurausbildung bislang anspruchsvoller als die zum Polizisten. Es gibt keine einheitlichen Standards.

Aus Ihrer Perspektive als in Deutschland lebende Amerikanerin: Was bedeutet das Ende der Trump-Präsidentschaft für den Rest der Welt?

Wie mir ein Freund aus Senegal am Donnerstag schrieb: „Alle Diktatoren und rechtsradikalen Staatschefs sind jetzt Waisenkinder.“ Sie haben sich an Trump orientiert, bis hin zu Boris Johnson. Und jetzt ist ihr Vorbild weg. Das reicht bis zu den Leuten, die im Sommer die Treppe am Reichstagsgebäude in Berlin gestürmt haben und dabei teilweise Trump-Fahnen schwenkten. Auch Parteien wie die AfD wurden durch Trump genährt.

Was heißt genährt?

Wenn der Präsident nicht irgendeines Landes, sondern der USA, fortwährend Normen, Werte und Gesetze zerstört, ermutigt das die AfD, ähnlich vorzugehen.

Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem Sturm auf die Reichstagstreppe und dem auf das Capitol?

Es waren hier wie dort Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker. Der Unterschied ist, dass sie in den USA vom Staat gefördert wurden. Nicht nur von Trump, sondern auch von vielen Republikanern im Kongress. Ein weiterer Unterschied ist, dass Deutschland eine funktionierende Polizei hat.

Deutschland ist also ein sicherer Hafen?

Zunächst einmal finde ich auch noch wichtig, dass Deutschland nach wie vor eine rege, diverse Medienlandschaft hat. Journalistische Standards werden hier in der Regel eingehalten. Das ist auch in der westlichen Welt keine Selbstverständlichkeit mehr, wenn man auf Privatmedien nicht nur in den USA sondern auch in Großbritannien schaut. Darüber hinaus kann ich nur hoffen, dass die Menschen in Deutschland und insbesondere auch in Brandenburg die richtigen Schlüsse aus den Ereignissen in den USA ziehen.

Welche wären das?

Man sieht, wohin es führt, wenn man die radikale Trump- und AfD-Richtung immer weitergeht. Beide Bewegungen haben die gleiche Strategie, das gleiche Programm. Der Trump-Freund und ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, hat aus seiner Sympathie für die AfD keinen Hehl gemacht.

Ihr aktuelles Buch heißt „Von den Deutschen lernen“. Gibt es einen Bezug zu den aktuellen Ereignissen?

Ja. Die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit kam in Deutschland schleppend und widerwillig in Gang. Aber als Jüdin verfolge ich die Entwicklungen seit 1982 sehr genau. Und da sehe ich die welthistorische Leistung, dass es gelungen ist, zu einer verbrecherischen Vergangenheit ein Verhältnis zu entwickeln, zu ihr zu stehen. Ähnliches ist in den USA oder in Großbritannien nicht passiert.

Und was bedeutet das?

Die US-Amerikaner fangen erst jetzt an, den Bürgerkrieg vor mehr als 150 Jahren aufzuarbeiten. Dass die Sklaverei damals offiziell abgeschafft wurde, aber in Wahrheit auch auf institutioneller Ebene noch 100 Jahre weiterging, wusste vor fünf Jahren kaum ein Weißer. Die Mängel an Vergangenheitsaufarbeitung haben unmittelbar zu der Welle an Rassismus geführt, die Barack Obama bei seinem Amtsantritt erleben musste und die schließlich Donald Trump ins Weiße Haus geführt hat.

Susan Neiman – seit vielen Jahrzehnten eng mit Deutschland verbunden


Die 1955 in Atlanta, Georgia, geborene Philosophin Susan Neiman ist seit dem Jahr 2000 Direktorin am Einstein Forum in Potsdam, das sich als Ort der intellektuellen Innovation außerhalb des universitären Rahmens versteht. Bereits als Jugendliche war Neiman politisch engagiert, seinerzeit gegen das Vorgehen der USA im Vietnamkrieg, in der jüngeren Vergangenheit gegen den Irak-Krieg der Bush-Administration und als Wahlkampfhelferin für Barack Obama.

Schon vor der politischen Wende in Deutschland führte sie ein Stipendium an die Freie Universität Berlin. Von 1989 bis 1996 war sie Professorin an der Yale University in den USA, danach für fünf Jahre an der Universität Tel Aviv. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Moralphilosophie, politische Philosophie und Philosophiegeschichte.

In ihrem 2020 erschienen Buch „Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können“ setzt sie sich mit dem Thema Aufarbeitung auseinander. mat