Familien sind das Rückgrat unseres Landes! So steht es auf Seite 45 des Koalitionsvertrages von SPD, CDU und Grünen, der 2019 geschlossen wurde. Das klingt gut. Spätestens in der Corona-Krise zeigte sich jedoch, wie wenig sorgsam mit diesem Rückgrat umgegangen wurde.
Eine Studie der Fachhochschule Potsdam vom Februar dieses Jahres, an der rund 1600 Brandenburgerinnen und Brandenburger teilnahmen, zeigte, dass Eltern sich bei den ganzen Entscheidungen rund um die Pandemie nicht mitgenommen fühlten. Kritisiert wurde das Hin und Her in den Eindämmungsverordnungen, das hilflose Agieren der Politik und wenig durchdachte Entscheidungen, die dann in den Familien ausgebadet werden mussten.

Die Pandemie zeigte, wer Einfluss hat

62,7 Prozent der Teilnehmenden der Studie gaben an, dass sie kein Vertrauen in die Politik in diesem Zusammenhang haben, bei weiteren 23 Prozent hat das Vertrauen zumindest gelitten. Allerdings gab es keinen Vergleich, wie hoch das Vertrauen in die Politik vor der Pandemie war. Die Auswertung der Befragung ergab, dass Eltern das Gefühl haben, keine Lobby in der Politik zu haben und die Probleme der Wirtschaft bei Entscheidungen eine größere Rolle spielen.
Björn Lüttmann (SPD) Vorsitzender des Sozialausschusses im Landtag, sieht große Defizite in der Familienpolitik. Die Corona-Pandemie müsse seiner Meinung nach noch einmal mit Blick auf Eltern und Kinder aufgearbeitet werden, sagte er gegenüber MOZ.de. Außerdem brauche es neue Formen der Einbeziehung.

Treffen mit der Politik wird verschoben

Eine solche Form strebt die Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände (LAGF) an. Sie hat ein Brandenburger Familienforum vorgeschlagen, bei dem sich die über 50 lokalen Familienbündnisse in Brandenburg mit den Landtagsabgeordneten und Vertretern der Landesregierung treffen können. Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hat das Vorhaben begrüßt und angekündigt, es finanziell zu fördern.
Leider fiel der ins Auge gefasste Termin am 2. Juli durch, weil an diesem Tag der Landtag zu einer Veranstaltung unter dem Motto „Brandenburg sagt Danke“, Ehrenamtler einlädt, die sich in der Corona-Pandemie verdient gemacht haben. Eine Kombination beider Anliegen wurde abgelehnt. Matthias Milke, Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken in Brandenburg, hofft nun auf einen Termin im Herbst. Für ihn ist es wichtig, dass Abgeordnete und die Verwaltung einmal den Eltern zuhören und würdigen, was diese in den vergangenen beiden Jahren geleistet haben.

Beratungsstellen werden weiter ausgebaut

Familienpolitik findet natürlich trotzdem statt. In Brandenburg aber eher getrennt nach einzelnen Themenfeldern. Im Fokus standen in den vergangenen zehn Jahren vor allem Hilfen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. Gabriel Hesse, Sprecher des Sozialministeriums, verweist darauf, dass der Bund für die Fragen der finanziellen Zuwendungen zuständig ist.
Ländersache ist dagegen der Aufbau von Beratungssystemen und Hilfsangeboten. Dafür wurde in Brandenburg ein Beratungsnetz von 36 Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser aufgebaut, die vor allem den Beratungsbedarf für soziale Leistungen abdecken, darüber hinaus aber auch als Treffpunkte und als Schnittpunkte zu ehrenamtlichen Strukturen dienen. Ausschusschef Lüttmann sieht bei diesen Einrichtungen aber nach wie vor hohe Hemmschwellen. Vor allem Familien, die durch Corona und die hohen Energiepreise jetzt in finanzielle Schwierigkeiten geraten, tun sich schwer, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Auch um das zu ändern, fordert der Familienbeirat, der 2021 wieder eingerichtet wurde, mehr Personal und Qualifizierungen für die Familienberatungen.

Ehrenamtler engagieren sich für gesunde Kinder

Auf der Habenseite stehen auch die Netzwerke Gesunde Kinder. Die wurden vor knapp 20 Jahren nach finnischem Vorbild in Brandenburg schrittweise etabliert. Sie bieten jungen Eltern bereits ab der Schwangerschaft und in den ersten Jahren nach der Geburt in Kooperation mit Hebammen und Geburtskliniken ehrenamtliche Begleitung an.
Für die meisten Eltern sind Fragen der Bildung und er Kinderbetreuung in der Familienpolitik am wichtigsten. Es geht um die Ausstattung der Schulen und der Kitas, um Personalfragen und Bildungsziele. Die große Kita-Reform sollte Eltern Rechtssicherheit, beispielsweise bei der Berechnung der Beiträge und bei der Zulassung neuer Kitas geben. Außerdem sollte das Zuständigkeitsgerangel zwischen Kreisen und Gemeinden bei diesem Thema aufgelöst werden. Die Absage der Reform wegen angeblicher Überforderung der Landkreise und deren eventueller finanzieller Belastung wird von Elternvertretungen als Rückschlag in der Familienpolitik verstanden.
Mit dem Pakt für Pflege, der 2020 startete, sollen die Beratungsangebote und Hilfeleistungen für pflegende Angehörige ausgebaut werden. Es geht aber auch um kommunalen Strukturen, die ältere Menschen unterstützen und ihre Selbstständigkeit erhalten helfen.

Auch Einsamkeit ist ein Thema

Zur Familienpolitik gehört letztendlich auch das Thema Einsamkeit. Das betrifft nicht nur diejenigen, die ihre Liebsten verloren haben, sondern auch gemobbte Jugendliche, Kinder, die sich in Computerwelten zurückziehen oder Alleinerziehende, denen die Zeit und die Kraft für soziale Kontakte fehlt. Die Politik hat dieses Thema erst spät entdeckt – die CDU-Abgeordnete Roswitha Schier hat dazu eine sogenannte „Große Anfrage“ an die Landesregierung gerichtet. Bislang ist es auch bei den Fragen geblieben, ohne dass es als Querschnittsaufgabe für alle Bereiche begriffen worden wäre.
Wie können Familien in Brandenburg Gehör finden? Dazu starten wir auf MOZ.de eine große Umfrage zur Familienfreundlichkeit. Hier können Sie mitmachen und eine Familienreise an die Ostsee gewinnen.
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