Freizeit in Berlin
: Fahrrad-Hightech im Museum – staunen und ausprobieren

Das Technikmuseum wirft einen Blick auf die Fahrrad-Geschichte und die Verkehrskonzepte in Berlin. Auch Mauer-Maler Jim Avignon ist dabei. Wer eine VR-Brille aufsetzt und in die Pedale tritt, kann was erleben.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Einfach einsteigen. Die neue Sonderausstellung im Deutschen Technikmuseum in Berlin richtet sich an die ganze Familie: In ein modernes Lastenfahrrad kann man sogar einsteigen.

Einfach einsteigen: Die neue Sonderausstellung im Deutschen Technikmuseum in Berlin richtet sich an die ganze Familie: In ein modernes Lastenfahrrad kann man sogar einsteigen.

SDTB/Ériver Hijano
  • Sonderausstellung im Technikmuseum Berlin: Fahrradgeschichte und Verkehrskonzepte.
  • Besucher können moderne Lastenräder testen, darunter das fast 7000 Euro teure Cargobike Urban Arrow FamilyNext.
  • 2023 wurden in Deutschland erstmals mehr Elektroräder als Treträder verkauft.
  • Die Ausstellung zeigt Konflikte und Lösungen für eine fahrradfreundliche Stadt.
  • VR-Brillen und interaktive Stationen bieten ein immersives Erlebnis.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der neueste Schrei unter den elektrischen Lastenrädern ist mit einem Bosch-Motor ausgestattet, das LED-Licht ist im Rahmen integriert. Eine Federgabel sorgt dafür, dass selbst holprige Wege kein Hindernis mehr sind. Die großzügige Ladefläche, auf der Kind und Kegel Platz finden, wirkt trotz verstärkter Seitenwände schnittig und ist mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten und ergonomischen Sitzen ausgestattet.

Das Cargobike Urban Arrow FamilyNext, das in der neuen Sonderausstellung „Rückenwind. Mehr Stadt fürs Rad!“ zu sehen ist, kostet mit fast 7000 Euro so viel wie ein älterer Gebrauchtwagen. Es zeigt dazu einen Trend auf. „2023 wurden in Deutschland erstmals mehr Elektroräder verkauft als Treträder“, erklärt Kurator Frank Steinbeck.

Das Fahrrad als „Arme-Leute-Verkehrsmittel"

Doch die neue Sonderschau, die seit 29. November in der Ladestraße des Kreuzberger Technikmuseums zu sehen ist, will keine Fahrradmesse sein, sondern auf rund 500 Quadratmetern den Aufstieg des Fahrrads zum beliebten Verkehrsmittel für alle darstellen. Und das nicht ohne dabei auch Konflikte zu beleuchten, die sich auf den Straßen ergeben.

Die Schau geht dabei chronologisch vor und startet mit einem Blick in die Vergangenheit. Vor hundert Jahren war das Fahrrad in Deutschland auch schon ein Verkehrsmittel für alle. 1938 gab es rund 20 Millionen Fahrräder und nur 1,5 Millionen Autos.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit änderte sich das. „Das Rad wurde eine Zeitlang zum Arme-Leute-Verkehrsmittel“, berichtet Kurator Steinbeck. „Wenn, dann wurde es vermehrt von der klassischen Hausfrau zum Einkaufen genutzt, weil ja der Mann das Auto zur Arbeit brauchte“, erklärt er und zeigt auf ein 60er-Jahre-Modell mit Fahrradkorb. Städte und Straßen in Berlin, aber auch anderswo wurden autogerecht ausgebaut. Vorhandene Radwege vernachlässigt oder zurückgebaut.

Erst in den 1970er Jahren nahm der Radverkehr in der Bundesrepublik wieder stark zu. „Die neue Fahrradbegeisterung symbolisierte Naturverbundenheit und die Ablehnung der automobilen Konsumgesellschaft, zugleich war sie Ausdruck eines neuen Gesundheitsbewusstseins“, erklärt der Kurator.

In der Ausstellung „Rückenwind. Mehr Stadt fürs Rad!“ im Deutschen Technikmuseum in Berlin dreht sich ab 29. November alles ums Radfahren in der Stadt. Zu sehen sind auf 500 Quadratmetern Meilensteine der jüngeren Fahrradgeschichte: vom frühen Mountainbike und BMX-Rad bis hin zum modernen E-Bike und Lastenrad.

In der Ausstellung „Rückenwind. Mehr Stadt fürs Rad!“ im Deutschen Technikmuseum in Berlin dreht sich alles ums Radfahren in der Stadt.

Maria Neuendorff

In der DDR hingegen waren Fahrräder wegen des Auto-Mangels noch bis zuletzt ein wichtiger Teil des Alltags. An einer der Medienstationen berichten ehemalige DDR-Bürger, warum das Rad sich zum Beispiel auch gut für Reisen in die sozialistischen Bruderländer eignete. „Wir durften ja pro Tag nur maximal 30 Mark umtauschen. Die Summe wurde von den Spritpreisen in Ungarn gleich aufgefressen“, berichtet ein Zeitzeuge.

Daneben ist auch ein Klapprad der Mifa Mitteldeutsche Fahrradwerke aus dem Jahre 1976 zu sehen. Der ostdeutsche Fahrradbauer aus Sachsen-Anhalt stellte von 1967 bis 1990 etwa 2,8 Millionen Klappräder her. „Sie waren bei Familien beliebt, weil je nach Einstellung Kinder wie Erwachsene gleichermaßen damit fahren konnten“, berichtet Steinbeck. Der Klappmechanismus dagegen sei eher selten genutzt worden.

Fahren in Berlin – Fahrräder zum Angeben

Ein West-Fahrrad, bei dem eher die Optik als die Funktionen im Vordergrund standen, war das Bonanzarad. Das Gefährt der „coolen Jungs“ mit seinem gebogenen Bananensattel, den hohen Sitzbügeln und dem Geweih-Lenkrad nutzte man in den 1970er-Jahren mehr zum Angeben als zum Strecke-Machen.

Spätestens ab den 1980er Jahren dienten auch andere Modelle zunehmend dem Lifestyle und Freizeitsport. Zur Trimm-Dich-Bewegung gehörten unter anderem auch ein „Cavallo“ von Hercules aus dem Jahr 1979 oder ein Mountainbike der Firma Göricke von 1984, die ebenfalls in der Schau zu sehen sind.

Cross und Freestyle im Märkischen Viertel um1984: Für den damals elfjährigen Alexander Breest bot sich beides an: Um die Ecke befands sich eine der beiden BMX-Strecken West-Berlins und der Parcours für Kunststücke lag direkt vor seiner Haustür.

Cross und Freestyle im Märkischen Viertel 1984: Für den damals elfjährigen Alexander Breest bot sich beides an: Um die Ecke befand sich eine der beiden BMX-Strecken West-Berlins und der Parcours für Kunststücke lag direkt vor seiner Haustür.

Sammlung Alexander Breest

Mehrere der Ausstellungsstücke sind Leihgaben von ehemaligen Nutzern, die dazu mit Privatfotos und Videobeiträgen kombiniert wurden. So ist auch ein Rad zu sehen, mit dem der Berliner Alexander Breest 1984 als Elfjähriger die erste BMX-Meisterschaft West-Berlins in seiner Altersklasse gewann.

Seine Kindheitsfotos aus dem Märkischen Viertel sollen aber auch zeigen: BMX war Teil einer Jugendkultur, die sich – neben Graffiti, Breakdance und Rap – den öffentlichen Raum erschloss. In den späten 1990er Jahren lösten dann die Erfolge des Teams Telekom einen extremen Radsport-Hype in Deutschland aus.

Heute soll das Fahrradfahren zur grünen Verkehrswende beitragen. Berlin will bis 2045 klimaneutral werden. „Das kann nur gelingen, indem unter anderem der Radverkehr deutlich gestärkt wird und sich mehr Menschen zutrauen, im Stadtverkehr mit dem Rad unterwegs zu sein“, sagt Joachim Breuninger, Direktor des Deutschen Technikmuseums. Dabei werde der Platz auf den Straßen neu verteilt werden müssen. In Berlin sei das besonders schwierig, da schon geplante Radwege von Senats-Kürzungen betroffen sind.

Die Ausstellung wirft daher auch den Blick auf andere Metropolen, von Paris über Den Haag bis Bogota, um zu zeigen, wie eine fahrradfreundliche Stadt gelingen kann – trotz der damit verbundenen Konflikte.

Blickwinkel der Autofahrer

Angesichts der allzu oft verhärteten Fronten in Berlin laden die Ausstellungsmacher auch zum Perspektivwechsel ein und lassen an einer der Medienstationen eine Taxifahrerin, einen Lkw-Fahrer sowie einen Rollstuhlfahrer zu Wort kommen.

Typische Gefahrenstellen werden aus den Blickwinkeln der Autofahrer und Fußgängern gezeigt. „Ziel ist es, dadurch Vorurteile und festgefahrene Fronten auf allen Seiten abzubauen und Verständnis dafür zu schaffen, die Radinfrastruktur in Deutschland weiter auszubauen“, heißt es von den Machern.

Dazu machen mehrere Experimentierstationen die Ausstellung zu einem interaktiven Erlebnis für die ganze Familie und vermitteln anschaulich, wie zum Beispiel verschiedene Gangschaltungen am Fahrrad funktionieren, oder wie lang der Reaktions- und Bremsweg nach einem Schreckmoment tatsächlich ist.

Wer mit einer VR-Brille auf ein Rad steigt und kräftig in die Pedale tritt, findet sich im Jahr 1937 auf der Frankfurter Allee wieder, nachdem diese fahrradfreundlich umgebaut wurde.

Der Mauer-Künstler Jim Avignon hat die Inhalte der neuen Fahrrad-Ausstellung im Berliner Technikmuseum mit seinen besonderen Bildern kommentiert und auch dieses besondere Gefährt gestaltet.

Der Mauer-Künstler Jim Avignon hat die Inhalte der neuen Fahrrad-Ausstellung im Berliner Technikmuseum mit seinen besonderen Bildern kommentiert und auch dieses spezielle Gefährt gestaltet.

Maria Neuendorff

Dazu kommentieren die ausdrucksstarken Illustrationen von Jim Avignon die Inhalte der Ausstellung mit Humor. Der ehemalige Mauer-Maler, der besonders für seine bunten Figuren auf der East Side Gallery weltbekannt wurde, lebt seit 35 Jahren in Berlin. „1996 habe ich mein Auto abgeschafft und bin seitdem begeisterter Radfahrer“, berichtet der Künstler.

Die Welt der Zweiräder in der deutschen Hauptstadt sei für ihn inzwischen eine Art Paralleluniversum, in dem es ganz unterschiedliche Typen von Radfahrern gebe, betont Avignon. Einige davon – vom Schönwetter-Radler bis zum resoluten Radrennfahrer – hat er bildlich für die Ausstellung festgehalten.

Ort, Tickets und Begleitprogramm

Die Ausstellung „Rückenwind. Mehr Stadt fürs Rad!“ läuft bis zum 7. September 2025 im Deutschen Technikmuseum, Eingang Ladestraße (Zugang über Möckernstraße 26, 10963 Berlin). Die Tickets für das gesamte Technikmuseum kosten 12, ermäßigt 6 Euro.

Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren und bis zum Abschluss der regulären Schulausbildung.

Dazu gibt es zur Ausstellung auch einen „Podcast für Kinder“ sowie ein kostenfreies Begleitprogramm für Schulklassen und Familien mit verschiedenen Workshops. Alle Informationen finden sich unter: https://technikmuseum.berlin/rueckenwind