Friedrichstadt-Palast Berlin
: Wie das Theater 400 Tonnen CO₂ spart

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin macht für gewöhnlich mit spektakulären Shows und Girl-Reihen Schlagzeilen. Doch jetzt will das Show-Theater 400 Tonnen CO₂ einsparen. Was ist geplant?
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Der Friedrichstadt-Palast in Berlin braucht als Showtheater besonders viel Strom. Den soll jetzt ein innovative Energie-Konzept bringen.

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin braucht als Show-Theater besonders viel Strom. Den soll jetzt ein innovatives Energie-Konzept sicherstellen.

picture alliance/dpa

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin war schon immer für seine besondere Technik bekannt. Das berühmte Show-Theater will nun auch jenseits der Bühne mit Innovationen aufwarten. Die neuesten Errungenschaften befinden sich nicht im großen Saal, sondern auf dem Dach. So stieg am Dienstagnachmittag (9.7.) Britta Behrendt (CDU), Staatssekretärin für Klimaschutz und Umwelt, mit Intendant Berndt Schmidt die schmalen Eisentreppen über der Show-Arena empor, um sich im aufgeheizten Himmel über Berlin ein Bild von den neuen Anlagen zu machen, mit denen der Kulturpalast inzwischen rund ein Drittel Energie einspart.

„Das ist ein Leuchtturmprojekt mit Signalwirkung“, befand die Politikerin, nachdem sie zwischen 712 Solarpaneelen stand, die rund 70 Prozent des Daches bedecken. Ein Teil davon ist schon rund zehn Jahre alt. Seit dem vergangenen Jahr wurde die Photovoltaikanlage erweitert und mit zwei Wärmepumpen angereichert. Der Clou ist aber als dritter Baustein ein sogenannter Latentwärmespeicher im Keller, der alles länger speichern kann.

Friedrichstadt-Palast in Berlin braucht viel Energie

Mit der innovativen Kombination würden nun jährlich 400 Tonnen CO₂ eingespart, erklärte Intendant Schmidt. Das Projekt kostete rund zwei Millionen Euro und wird durch die Europäische Union, das Land Berlin und die Friedrichstadt-Palast Betriebsgesellschaft mbH im Rahmen des Berliner Programms für Nachhaltige Entwicklung (BENE) der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz finanziert.

Die besondere Leistung bestand darin, einen denkmalgeschützten Bestandsbau so umzurüsten, dass der ökologische Fußabdruck klein ist, obwohl ein Kulturhaus mit seinen vielen Zuschauern, Mitarbeitern, Scheinwerfern und sonstigen technischen Geräten generell besonders viel Energie benötigt.

Der Weg zum umweltfreundlicheren Fußabdruck sei lang und steinig gewesen, betonte Schmidt. Schon 2010 wurden die ersten Solarpaneele installiert. Eigentlich wollte man sie mit Brennstoff-Zellen kombinieren. Doch das Verfahren stellte sich als nicht genug ausgereift heraus, sodass man auf Wärmepumpen umsattelte. „Insgesamt waren es neuneinhalb Tonnen Material, die wir auf das Dach bringen mussten, was auch eine statische Angelegenheit ist“, erklärt Guido Herrmann, Verwaltungsdirektor und Projektverantwortlicher.

Dafür erzeuge das neue System nun auch das Zehnfache an Energie. Damit die nicht zu schnell verpufft, wurden alle Fenster in dem 1984 eröffneten Haus saniert. Zudem hatten die Palast-Verantwortlichen schon die Corona-Zeit genutzt, um eine neue Lüftungsanlage einbauen zu lassen.

TV-Dreharbeiten in den Theaterferien am Friedrichstadt-Palast

In diesem Jahr sorgt das international bekannte Revue-Theater mit der „Falling in Love“-Show für Furore. Derzeit sind gerade Theaterferien, die allerdings für die Dreharbeiten der zweiten Staffel der TV-Serie „Der Palast“ genutzt werden.

Mit den 255.693 Kilowattstunden, die inzwischen auf dem Dach produziert werden, habe sich der Palast teilweise selbst versorgen können, berichtet Herrmann. „Wir sind aus der Eigenversorgung nur rausgeflogen, weil zusätzlich noch der Quatsch Comedy Klub im Haus angefangen hat zu spielen“, berichtet Herrmann.

Besichtigung der Wärmepumpe des Friedrichstadtpalastes am 09.Juli 2024.

Verwaltungschef Guido Herrmann (v. l.) mit Britta Behrendt, Staatssekretärin für Klimaschutz und Umwelt, Intendant Berndt Schmidt sowie Marketin-Direktorin Natascha Lecki auf dem Dach des Friedrichstadt-Palastes in Berlin, das zu 70 Prozent von Solarpanelen bedeckt ist.

Josy Braun

Als nächstes wolle man eine Energie-Prüfung im gesamten Haus durchführen. „Wir sind gerade dabei, überall Messpunkte anzubringen.“ So will das staatlich geförderte Theater seiner Verantwortung für den Klimaschutz gerecht werden und bei gleichbleibendem Komfort für Gäste und Mitarbeiter den Energieverbrauch und damit die CO₂-Emissionen signifikant reduzieren.

Der Friedrichstadt-Palast könnte dabei eine Vorbildwirkung einnehmen, glaubt auch Sabine Wiesmann vom Dresdener Findig Beratungs- und Planungsbüro, die das Berliner Projekt begleitet hat. Eine große Rolle spiele dabei die Kombination mit dem Latentwärmespeicher. Denn dieser kann die thermische Energie wesentlich länger und effektiver konservieren als andere Anlagen.

Der Latentwärmespeicher funktioniert nicht mit Wasser, sondern mit einer Sole-Mischung, ähnlich wie ein Handwärmekissen. Dieses wird beispielsweise in der Mikrowelle vorab erwärmt, speichert die Wärme dann latent ab und gibt sie erst frei, wenn es geknickt oder gequetscht wird, also physikalische Kräfte darauf einwirken.

So muss die gewonnene Energie vom Dach nicht sofort wieder verbraucht werden. „In der Mittagsonne speisen alle Solaranlagen gleichzeitig ins Netz ein, das dann überlastet ist“, erklärt Wirtschaftsingenieurin Wiesmann. Doch in Häusern wie dem Friedrichstadt-Palast werde erst zur Abendvorstellung die meiste Energie gebraucht.

Die beiden neuen Wärmepumpen auf dem Dach des Friedrichstadt-Palastes in Berlin wirken unspektakulär. Doch in Verbindung mit der Latentwärmespeicher und der Photovoltaik ist die Anlage in ihrer Größe in der Kulturlandschaft der Hauptstadt bisher einzigartig.

Die beiden neuen Wärmepumpen auf dem Dach des Friedrichstadt-Palastes in Berlin wirken unspektakulär. Doch in Verbindung mit Photovoltaik sowie einem Latentwärmespeicher ist die Anlage in ihrer Größe in der Kulturlandschaft der Hauptstadt bisher einzigartig.

Maria Neuendorff

Derzeit gelten Latentwärmespeicher noch als verhältnismäßig teuer. Doch je öfter sie realisiert werden, desto preiswerter würden sie. In Berlin gebe es eine ähnliche Anlage im Tropenhaus des Botanischen Gartens. Zudem betreut die Dresdener Findig GmBH gerade ein Latentwärmespeicher-Projekt im Sportforum Hohenschönhausen, wo es vor allem auch um die Kühlung der Eisflächen geht.

„Wichtig ist, dass der Strom dort bleibt, wo er erzeugt wird“, betont Sabine Wiesmann. Besonders gut eigneten sich Nicht-Hochhäuser mit einer ausgeprägten technischen Infrastruktur, so wie der Friedrichstadt-Palast. Bei diesem kam aber noch ein weiteres wichtiges Kriterium hinzu: „Das Team war extrem engagiert“, betont die Wissenschaftlerin. Es habe nie gesagt: „Das geht nicht“, erzählt sie. „Sondern immer: Wenn das nicht geht, wie kann es stattdessen funktionieren.“