Fuchs-Welpen in Berlin: Wie Leo, Flaxi und Maja eine zweite Chance bekommen

Die verwaisten Fuchs-Welpen werden in Berlin meistens mit der Milchspritze ernährt.
Marco Papajeswski- Die Fuchshilfe Berlin rettet verwaiste Fuchs-Welpen wie Leo, Flaxi und Maja.
- Mareike Seadini, Gründerin der Fuchshilfe, pflegt die Welpen in ihrer Wohnung.
- Die Welpen werden mit der Flasche oder Milchspritze aufgezogen.
- Berlin und Brandenburg haben hohe Zahlen hilfloser Fuchs-Welpen.
- Die Rettung ist teuer; Spenden sind notwendig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Flaxi“ fiept aufgeregt als Mareike Seadini die Tür zum Badezimmer öffnet. Sie hat zum Glück zwei Toiletten in ihrer Wohnung in Berlin Buckow, und das größere Bad in eine Art Innengehege umfunktioniert. „Hallo Flaxi, komm mal raus“, sagt die 64-Jährige mit sanfter Stimme. Und schon kommt ein fiependes Tierchen aus einem geöffneten Katzenkorb geklettert.
„Achtung Zehenbeißer“, warnt Mareike Seadini lachend. Flaxi interessiert sich aber gerade nicht für Füße. Er steuert erstmal für eine Pinkelpause das Katzenklo an, bevor er zu seiner Zieh-Mama tapst. Die kühlen Kacheln im Badezimmer hat sie mit einer Decke ausgelegt, die mit Spielzeug bestückt ist. Flaxi, wenige Wochen alt, ist ja auch noch ein Baby, besser gesagt ein Fuchs-Welpe.
Fuchs-Welpe brauchte alle zwei Stunden die Flasche
Er wurde mutterseelenallein auf der Straße von Spaziergängern aufgelesen. Sie brachten den verängstigten und klapperdürren Fuchs zum Tierarzt. Dieser rief Mareike Seadini an. Denn sie ist nicht nur eine ehemalige Mitarbeiterin der Tierarztpraxis, sondern Gründerin der Fuchshilfe Berlin gUG. „Wir sind eine Gruppe von rund 15 Frauen“, erklärt sie.
Die einen päppeln wie sie die Fundtiere in sogenannten Heimpflegestationen auf, die anderen kümmern sich um die Notrufhotline und die Auswilderungsgehege in Wandlitz und Zossen. Dorthin kommen die Tiere, wenn sie gesund gepflegt wurden und ein Gewicht von rund 1,5 Kilo erreicht haben. Wandlitz ist die letzte Station, bevor sie wieder ausgewildert werden.
Doch bis Flaxi zurück in die Natur kann, wird es noch ein paar Wochen dauern. Heute soll er erstmal „Maja“ kennenlernen. Sie wohnt bei einer anderen Fuchs-Retterin und Freundin von Mareike Seadini gleich um die Ecke. Auch Maja wurde von Spaziergängern gefunden. „Sie wog da gerade mal 380 Gramm. Ihre Geschwister haben nicht überlebt“, berichtet die Freundin. Die Welpen mit der Flasche oder Milchspritze aufzuziehen, sei ein Rund-um-die-Uhr-Job, erzählt die blonde Frau. Anfangs musste sie Maja, die neben dem Ehebett schläft, alle zwei Stunden das Fläschchen geben.
Da Füchse soziale Tiere sind, die auch in der Natur gerne zu zweit unterwegs sind, sollen beide Fundtiere zusammengeführt werden. Auch die quirlige Maja ist im ersten Moment zurückhaltend. Ihre Pflegerin hält sie nach der Ankunft in der fremden Wohnung erst einmal in ein Handtuch gewickelt wie ein Baby im Arm.

Mareike Seadini, Gründerin der Fuchshilfe Berlin, mit ihrem derzeitigen Schützling „Flaxi" auf dem Balkon in Berlin.
Maria NeuendorffDoch nach ein paar Streicheleinheiten lugt das Köpfchen immer mutiger aus dem Frottee-Knäuel. Neugierig inspizieren zwei kleine Knopfaugen die Umgebung. „Mit meinem Mann und den Kindern kommt sie gut klar, aber hier ist sie noch ein bisschen schüchtern“, berichtet ihre Zieh-Mama.
Das legt sich schnell. Beide Fuchs-Welpen beschnuppern sich, drehen Kreise im Laufstall, und nach wenigen Minuten versucht Maja, auf den Rücken von Flaxi zu klettern, zwickt ihn in den Hals. „Er ist noch sehr ängstlich, aber mit ihr kann er gut lernen, sich zu behaupten“, sagt Mareike Seadini.
Fuchs in Berlin - Aus Kinderzimmer wird Wildtierzimmer
Nach ein paar Minuten trennen die Frauen die Tiere. Sie wollen ihre Schützlinge nicht überfordern. „Die können aber gut zusammen. Das passt wie Arsch auf Eimer“, stellen sie fest. Beide sind zuversichtlich, dass Flaxi in den nächsten Tagen zu Maja umziehen kann. „Mein Sohn ist gerade ausgezogen und wir bauen sein Zimmer zu einem Wildtierzimmer um“, berichtet die 46-Jährige.
Dass Fuchs-Welpen hilflos und halbtot aufgefunden werden, ist in Berlin und Brandenburg keine Seltenheit. Allein 2024 hatten die Berliner Fuchsretter 32 Tiere in Pflege, in diesem Jahr waren es schon 18. Manchmal wurden sie aus Bachbetten oder Schächten gerettet.

Flaxi (l) und Maja beim ersten Beschnuppern. Die beiden verwaisten Fuchs-Welpen aus Berlin sollen demnächst zusammenziehen.
Maria NeuendorffSie werden auch ausgesetzt, weil sie zum Beispiel Augenkrankheiten haben und die Mutter verhindern will, dass die Geschwister angesteckt werden. Seadini zeigt das Bild eines Welpen, der durch die verklebten Augen blind ist. Doch nachdem er behandelt wurde, kann er wieder normal sehen, erzählt die Fuchs-Retterin und zeigt weitere Videos.
Ein anderes Fundtier mit Grauem Star konnte ebenfalls mithilfe einer Spende operiert werden und lebt wieder in Freiheit. Die Berlinerin zeigt ein Video, in dem ein Fuchs seine gelähmten Hinterbeine hinter sich herzieht. „Ich dachte, die Wirbelsäule ist kaputt und das war's“. Sie brachte das Mädchen trotzdem zum Arzt. „Es waren nur die Nerven eingeklemmt. Nach drei Wochen Physiotherapie konnte Mia wieder laufen.“
Vom amputierten Bein bis zum Schädel-Hirn-Trauma
Leo dagegen wurde mit halb abgebissenem Bein neben der toten Mutter gefunden. Es musste amputiert werden. „Nach einer Heilungsphase bei mir lebt er seit 14 Tagen im Gehege und kommt auch mit drei Beinen gut klar.“
Auf den Fuchs gekommen ist die Tierarzthelferin vor rund vier Jahren durch Moritz, der ebenfalls in der Praxis abgegeben wurde, in der sie arbeitete. „Er war mein erster Fuchs-Welpe und konnte durch ein Schädel-Hirn-Trauma nur im Kreis laufen. Heute ist er gesund und ausgewildert.“ Inzwischen arbeitet Mareike Seadini noch Teilzeit im Büro, anders wäre das Ehrenamt zeitlich nicht zu bewerkstelligen.
Die Fuchs-Helferin hat Weiterbildungen besucht und den Sachkundenachweis Fuchs nach §11 des Tierschutzgesetzes gemacht. „Über das Internet sind wir gut mit Experten vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung vernetzt und haben uns schon mit Leuten vom Bodensee bis nach Ungarn ausgetauscht. Da werden dann auch Therapieansätze besprochen“, berichtet sie.
Allein in Berlin leben geschätzte 4000 bis 4500 Füchse, sagt Derk Ehlert, Wildtierreferent in der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Wirklich valide Zahlen gebe es nicht. „Die Füchse sind sozusagen die Gesundheitspolizei der Wälder, denn sie jagen nicht nur Ratten und Mäuse, sondern fressen auch Aas.“

Der dreibeinige Leo konnte nach guter Pflege ins Auswilderung-Gehege nach Wandlitz (Barnim) gebracht werden.
Mareike SeadiniDer Eindruck mancher Berliner, die Population habe in der Stadt zugenommen, täusche jedoch. Dass man die rotbraunen Streuner vermehrt wahrnehme, liege eher daran, dass die Scheu vor dem Menschen abgenommen habe. „Sie gewöhnen sich immer mehr an uns“, betont Ehlert.
Doch auch der Mensch müsse keine Angst haben. „Die Fuchs-Tollwut gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr in Deutschland.“ Dafür erkrankten Stadtfüchse häufig an tödlichen Krankheiten wie Räude und Staupe. Das liege daran, dass die Krankheiten über Körperkontakt übertragen werden und die Tiere in der Metropole enger zusammenleben, erklärt der Experte.
Fuchs in Berlin – vom Jäger zum Sammler
Denn während Landfüchse in weiträumigen Revieren jagen, seien Stadtfüchse eher zu Sammlern geworden, die von Imbiss zu Mülltonne, von Restaurant zu Mauseloch wanderten.
Auch die Fuchsretterinnen können nicht allen kranken Tieren helfen. Ihr Leid erlöst dann der befreundete Tierarzt. Weil Pflege und medizinische Betreuung ins Geld gehen, ist die Fuchshilfe Berlin auf Spenden angewiesen. Allein Mareike Seadini hat nach eigener Schätzung 2024 rund 3000 Euro drauflegen müssen.
So freut sie sich auch über jede Sachspende, die ihr mancher Tierfreud einfach per Paket nach Hause schickt. „Gestern kam zum Beispiel das hier an“, sagt die Fuchs-Retterin und zeigt auf eine kleine Wildtierkamera, die im Flur auf der Kommode liegt.
Mit den Kameras überwachen die Helfer Futterplätze in den Gehegen, zu denen die Tiere nach der Auswilderung zurückkehren können. Die Abnabelung von den menschlichen Helfern soll freiwillig geschehen. „Sobald sie im Außengehege sind, bekommt man sie tagsüber so gut wie nicht mehr zu sehen“, berichtet die Berlinerin.
Fuchs in Berlin – Abschied für immer
Der Moment, in dem das Gatter geöffnet wird, sei der schönste und schrecklichste zugleich, findet Mareike Seadini. Denn, wenn alles nach Plan läuft, entfremdeten sich die Tiere sofort. „Man muss dann für immer loslassen“, sagt die Wildtierretterin und muss kurz die Tränen in Schach halten. „Doch genau das ist ja unser großes Ziel - den Füchsen ein Leben in Freiheit zu schenken.“



