Fußball-EM 2024 in Berlin
: Public Viewing in der Fanmeile - Einlass, Kontrolle, Feeling

Wie fühlt es sich an, auf der Fanzone zur Fußball-EM 2024 am Reichstag in Berlin gemeinsam in der Masse ein Deutschland-Spiel zu schauen? Und was gibt es dort sonst zu erleben? Ein Selbstversuch.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Fans jubeln beim Public Viewing in der Fanzone am Reichstagsgebäude.

Fußball-EM 2024: Fans jubeln beim Public Viewing in der Fanzone am Reichstag in Berlin.

Christoph Soeder/dpa

Am Sonnabend (29.6.) spielt Deutschland im Achtelfinale der Europameisterschaft (EM) gegen Dänemark. Viele Fans wollen das Fußball-Fest gemeinsam zelebrieren. Welcher ist der beste Ort für Public Viewing? Wird es nicht doch zu voll auf den offiziellen Fanzonen in Berlin?

Wann muss man spätestens dort sein? Diese Fragen haben wir uns schon am vergangenen Sonntag (23.6.) gestellt – und uns ins Getümmel gestürzt. Erlebnisse, Stimmung und Kontrollen vom letzten EM-Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft beim Public Viewing auf der Fanzone am Reichstag.

Weil diese nur 10.000 Menschen fasst, sind wir schon um 18.30 Uhr am Hauptbahnhof, obwohl erst um 21 Uhr angepfiffen wird. Die Idee, sich vorher noch mit Proviant für den langen Abend, mit ein paar Snacks im Bahnhofssupermarkt einzudecken, haben scheinbar auch viele andere Fans. Die lange Menschen-Schlange windet sich einmal durch den Laden. Doch die Mitarbeiter sind auf den Ansturm vorbeireitet, haben alle Kassen geöffnet, und unsere kleinen Sportbeutel sind trotz des Andrangs schnell mit Chips und Backwaren gefüllt.

Kein Einlass zur Fanmeile mit zu vollen Taschen

Die U-Bahn-Line 5 Richtung Bundestag ist überraschend leer. Die meisten Fans pilgern direkt vom Hauptbahnhof zur Reichstags-Meile. Die Menschentrauben vor den Eingängen sind um 18.30 Uhr noch so klein, dass man in fünf Minuten an der Sicherheitskontrolle ist. Allerdings ist dem Security-Mann einer unserer Turnbeutel zu prall gefüllt.

Grundsätzlich sind alle Rucksäcke, Reisekoffer und Taschen erlaubt, die nicht größer als A4 sind, heißt es. Das mitgebrachte Essen muss darin verstaut sein. Alkoholische Getränke und Glasflaschen sind verboten. Nicht-alkoholische Getränke dürfen in Plastikflaschen oder Tetra Paks bis 0,5 Liter mitgebracht werden.

Also stopfen wir uns schnell ein paar der Snacks in den Mund, hängen die Sommerjäckchen aus dem Beutel um die Hüfte und kommen am zweiten Eingang problemlos auf das Gelände. Die Fanzone ist schon sichtlich gefüllt. Eine Sängerin schmettert Hiphop-Songs, ihre Stimme dröhnt aus großen Boxen. Doch jenseits der Public-Viewing-Bildschirme gibt es auch ruhigere Orte, wo sich die Besucher gut verteilen.

Adidas-Arena ein Mini-Stadion in Berlin

Vor den noch geschlossenen Eingängen der Adidas-Arena, einem nachgebauten Mini-Stadion für 2500 Zuschauer, die auch 1000 Sitzplätze bietet, haben sich schon lange Schlangen gebildet. Auch die Liegestühle, die zum Teil auf dem Gelände vor weiteren Bildschirmen stehen, sind belegt.

Nicht weit von der Fanzone am Reichstag ist die Fanmeile am Brandenburger Tor gelegen.

Nicht weit von der Fanzone am Reichstag befindet sich auch die Fanmeile am Brandenburger Tor, die ihre Kapazitäten nun erweitert hat.

Jörn Sandner/Kulturprojekte

Gegen 18.45 Uhr treffen unsere Freunde aus Brandenburg ein. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach werden die ersten Eingänge geschlossen und nur gegen 20.40 Uhr kurz aufgemacht, um einen letzten kleinen Schub an Nachzüglern reinzulassen. Das geht nur, weil manche Besucher von der Fanzone am Reichstag weiter zur nahe gelegenen Fanmeile am Brandenburger Tor ziehen. Dort wurde das Gelände für die Partie Deutschland gegen die Schweiz zum ersten Mal Richtung Siegessäule erweitert, sodass diesmal 55.000 statt bisher 45.000 Menschen Platz finden.

Wir machen auf der Fanzone als Treffpunkt den Pavilion mit der Aufschrift „Sportstadt Berlin“ aus. Dort kann man kickern, Tischtennis auf einer Miniplatte spielen oder nach rund 20-minütigem Anstehen am Glücksrad drehen. Als Preise gibt es Sonnenbrillen und kleine Berlin-Souvenir-Dosen mit Fernsehturm-Emblem zu gewinnen. Als Trost bekommt man edle schwarze Postkarten mit dem erleuchteten Berliner Olympiastadion.

Kostenloses Obst beim Public Viewing in Berlin

Wer das längere Anstehen nicht scheut, kann sich auch mit kostenlosem Obst im Lidl-Pavillon versorgen. An der Frische-Theke füllen Volunteers je nach Wunsch Blaubeeren, Weintrauben und Ananas in einen Becher. Der ist ebenfalls essbar und schmeckt wie eine besonders robuste Eiswaffel.

Der zentrale Platz um die vier großen Bildschirme, die in alle Himmelsrichtungen zeigen, füllt sich weiter stetig. Statt Wiese wie auf der Fanmeile ist der Boden in der Fanzone teilweise mit Holzbalken ausgelegt. Wir pilgern zum Magenta-TV-Pavillon.

Die Zeit bis zum Spiel müssen wir ja sowieso totschlagen, und quatschen können wir auch beim Anstehen. Nach dem Konzert machen Moderatoren Stimmung, tanzen über das hölzerne Rund um die Bildschirme, filmen dabei jubelnde und besonders ausgefallen gestylte Fans, die wiederum auf den Screens erscheinen und ihrerseits für Jubel sorgen.

Fotoshooting mit den Lieblingsspielern der EM 2024

Nach längerem Schlange-Stehen dürfen wir als Fünfer-Gruppe eine Foto-Kabine betreten und unsere Lieblingsspieler wählen. Diese erscheinen auf einem Bildschirm. Wir können uns für das Fotoshooting um sie herum drapieren und bekommen so ein digitales Gruppen-Bild mit Müller, Wirtz, Füllkrug und Neuer.

Danach können wir beim hybriden Torwandschießen in Zweierteams gegeneinander antreten und mit echten Bällen auf ein virtuelles Tor schießen. Auf der Leinwand leuchten Punkte wie beim Dart auf, die es mit gezielten Schüssen zu treffen gilt. Wer häufiger die 50 oder 60 abballert, bekommt als Gewinner hinterher weiße Socken geschenkt.

Mit der VR-Brille zum WM-Sieg nach Rio

Die nächste Station befindet sich in der ersten Etage, von der man eine tolle Aussicht auf die nun gut gefüllte Fanzone hat. Also Handy zücken und Selfies machen, bevor wir die VR-Brillen aufgesetzt bekommen. Danach taucht jeder für sich in die Virtual-Reality-Welt des Bezahlsenders ein, der mithilfe von ein paar Bewegungs-Spielen ganz nebenbei ordentlich Werbung für sein Programm macht. Doch das Beste kommt bekanntlich zum Schluss.

Am Ende des virtuellen Rundganges findet man sich plötzlich auf dem Rasen des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wieder. Es fühlt sich an, als würde man selbst auf dem Spielfeld stehen und gleich mitkicken. Mario Götze ist zum Greifen nah und schießt seine Mannschaft zum WM-Titel. Sein spektakuläres Tor wird dabei immer wieder aus allen möglichen Perspektiven gezeigt.

Die EM-Fanzone am Reichstag in Berlin am Sonntagabend kurz vor dem Anpfiff zum Deutschland-Spiel gegen die Schweiz.

Die EM-Fanzone am Reichstag in Berlin am Sonntagabend (23.6.2024) kurz vor dem Anpfiff zum Deutschland-Spiel gegen die Schweiz.

Maria Neuendorff

So geht die Zeit schneller herum als gedacht. Die Holzfläche vor den Bildschirmen ist inzwischen von Fans übersät. Wir laufen Slalom durch die auf dem Boden sitzenden Menschen und kämpfen uns tatsächlich bis in die vordersten zwei Reihen vor. Direkt vor den riesigen Bildschirmen sind wir nun quasi alle gemeinsam gefangen. Zum Glück regnet es nicht und es ist nicht zu heiß. Und wir haben extra keinen Alkohol getrunken, damit wir nicht zu häufig aufs Klo müssen.

Ich habe ein bisschen Angst vor einer Bierdusche, denn einige Fans haben ihre vollen Becher direkt neben uns auf dem Boden geparkt. Doch viele Besucher scheinen sich die Getränke zu Preisen von 6 Euro plus Pfand auch zu sparen. Dafür ziehen immer wieder Rauchschwaden von Marihuana durch die Menge. In den vorderen Reihen hat sich vor allem junges Publikum versammelt. Die Stimmung ist freundlich und gelassen, auch wenn man sich gegenseitig auf die Pullis tritt, die die winzige Sitz-Fläche markieren sollen. Geschaut wird größtenteils im Schneidersitz.

Erst beim 1:0 durch Robert Andrich springen alle auf. Der Jubel auf so engem Raum ist berauschend. Und obwohl schnell klar ist, dass das Tor wegen eines Fouls nicht gegeben wird, verpufft die Freude nicht. Selbst nach dem 1:0 für die Gegner bleibt die Stimmung gut. Über die vielen vergebenen Chancen des deutschen Teams wird eher ungläubig geschmunzelt als böse geflucht. Als ein einzelner Schweizer Fan sich nach der Führung seines Teams aus der schwarzrotgoldenen Masse erhebt und die rote Fahne schwenkt, wird ihm freundlich zugewunken.

Zur Pause mit Zehntausenden auf Toilette

Bei zehntausend Menschen in der Halbzeitpause auf Toilette zu gehen, ist wahrscheinlich keine gute Idee, doch langsam können wir nicht mehr anders. Statt der müffelnden Dixisklos auf der Fanmeile, gibt es in der Fanzone am Reichstag Toilettenwagen wie auf dem Weihnachtsmarkt. Überraschenderweise müssen auch die Frauen nicht länger anstehen. So schaffen wir es rechtzeitig zurück nach vorne, wo eine Freundin wacker versucht, die Plätze zu verteidigen.

Die Adidas-Arena auf der Fanzone am Reichstag in Berlin wird nach Sonnenuntergang beleuchtet.

Die Adidas-Arena auf der Fanzone am Reichstag in Berlin wird nach Sonnenuntergang beleuchtet.

Florian Pohl/City Press GmbH

Ihr Sohn und seine Freundin, die noch länger nach einer Pizza angestanden haben, kommen nicht mehr rechtzeitig zu uns durch. Der heilige Boden vor den TV-Geräten ist nun zu dicht mit Menschen übersät, die teilweise Knie an Knie oder aneinander gelehnt die zweite Halbzeit verfolgen.

Nach dem Public Viewing zum Hauptbahnhof

Die Stimmung ist großartig und bricht sich in der Nachspielzeit Bahn, als „Fülle“ tatsächlich noch den Ausgleich einköpft. Danach wollen alle nur noch schnell nach Hause. Der U-Bahnhof Bundesplatz ist inzwischen gesperrt. Also müssen wir uns mit der Masse Richtung Hauptbahnhof treiben lassen. Auf der engen Brücke über die Spree stockt es kurz: In einem kurzen Moment macht sich Beklommenheit bei mir breit: Was ist, wenn hier mal Panik ausbricht?

Doch die Menschen sind so entspannt und ruhig, dass es gesittet im Gänsemarsch weitergeht. Am Hauptbahnhof verteilen sich die Massen gut auf die Linien. Die S-Bahn hat zusätzliche Züge eingesetzt. Auch unsere Freunde erreichen eine halbe Stunde nach Abpfiff pünktlich ihren Zug nach Bernau. Fazit von uns allen: Super Abend: Kann man gerne wiederholen.