Gigafactory Grünheide
: Nach Kritik und Vorwürfen – Tesla kündigt höhere Löhne an

UPDATE 17.20 Uhr: Viele Arbeitsunfälle und hohe Arbeitsbelastung bei Tesla: Das Unternehmen verteidigt seine Arbeitsschutzmaßnahmen in der Gigafactory in Grünheide. Jetzt hat das Unternehmen Lohnerhöhungen versprochen. Wann werden sie erwartet?
Von
Claudia Duda, dpa
Grünheide
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  • Mitarbeiter der Tesla Gigafactory Berlin Brandenburg arbeiten an der Endkontrolle der fertigen Elektrofahrzeuge vom Typ Model Y.

    Mitarbeiter der Tesla Gigafactory Berlin Brandenburg arbeiten an der Endkontrolle der fertigen Elektrofahrzeuge vom Typ Model Y.

    Patrick Pleul
  • Zahlreiche Mitarbeiter nehmen bei Tesla am Montag an einer Informationsveranstaltung in Grünheide teil.

    Zahlreiche Mitarbeiter nehmen bei Tesla am Montag an einer Informationsveranstaltung in Grünheide teil.

    Tesla
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Nach den Vorwürfen wegen der Arbeitsunfälle und der zu hohen Arbeitsbelastung bei Tesla hat der Elektroautobauer jetzt reagiert. Nach Angaben der IG Metall hat das Management Lohnerhöhungen angekündigt.

Am Montag (9.10.) hatte die Gewerkschaft eine Aktionswoche in der Fabrik in Grünheide gestartet, bei der mehr als 1000 Beschäftigte bessere Arbeitsbedingungen gefordert hatten. Sie hätten sich in der Nacht- und Frühschicht mit IG Metall-Aufklebern auf T-Shirts gezeigt, teilte ein Sprecher der Gewerkschaft mit. Darauf stand laut Gewerkschaft: „Gemeinsam für sichere & gerechte Arbeit bei Tesla“.

Arbeitsbelastung bei Tesla: Krankenstand laut IG Metall bei rund 30 Prozent

Die Beschäftigte wiesen auch auf gravierende Mängel bei Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit hin, die zu Krankenständen von bis zu rund 30 Prozent und einer hohen Zahl von Arbeitsunfällen führten, wie die IG Metall weiter mitteilte.

Die Tesla-Beschäftigten in Grünheide hätten in der IG Metall-Aktionswoche ihre Stärke gezeigt und das Management zur Ankündigung einer Lohnerhöhung bewegt. „Die Reaktion zeigt: Mit ihrem Mut und ihrer Solidarität haben die Tesla-Kolleginnen und Kollegen auch die Geschäftsleitung beeindruckt“, erklärte IG Metall-Bezirksleiter Dirk Schulze am Mittwoch. „Das ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg zu besserer Arbeit bei Tesla in Grünheide.“

Ankündigung von Lohnerhöhung auf Mitarbeiterversammlung

Scharfe Kritik übte Schulze an den Versuchen des Managements, das gewerkschaftliche Recht auf Austausch mit den Beschäftigten im Werk zu behindern. So soll die Werksleitung laut IG Metall auf einer Mitarbeiterversammlung am Montag (9.10.) versucht haben, die Belegschaft gegen die IG Metall aufzubringen. Allerdings soll dort auch die Lohnerhöhung noch für dieses Jahr angekündigt worden sein.

Wie hoch die Lohnerhöhungen ausfallen sollen, ist jedoch noch nicht bekannt. „Die festangestellten Mitarbeiter und auch die Leih-Beschäftigten sollen davon profitieren“, erklärte Gewerkschaftssprecher Markus Sievers gegenüber MOZ.de.

Gegenüber MOZ.de bestätigte ein Tesla-Sprecher, dass es am Montag eine Mitarbeiterversammlung gegeben hat. „Wir können bestätigen, dass wir auch in diesem Jahr die Entgelte unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anpassen werden“, erklärte er auf Nachfrage. Im vergangenen Jahr seien die Entgelte um bis zu sechs Prozent erhöht worden. „Über die Höhe informieren wir natürlich zuerst unsere Mitarbeitenden. Dies wird in einem Team Huddle im November geschehen, zu welchem wir zeitnah einladen“, so die Mitteilung des Unternehmenssprechers.

Zu den Vorwürfen, dass die Aktionen der IG Metall gehindert worden seien, erklärte er: „Am Montag haben in unserer Fabrik zu den Pausenzeiten verschiedene Gesprächsangebote und Informationsveranstaltungen stattgefunden. Es stand allen Mitarbeiter*innen frei, zu entscheiden, wo sie ihre Pause verbringen und auch ob und welches Informationsangebot sie wahrnehmen wollten. Dabei haben mehrere tausend Mitarbeiter*innen die Gesprächsangebote der Geschäftsführung angenommen.“ Als Nachweis sandte er ein Foto mit.

Die Aktionen der IG Metall gehen indes trotzdem weiter. Vor dem Werk in Grünheide und an den Bahnhöfen in Erkner und Fangschleuse tauschen sich Gewerkschaftsvertreter mit Mitarbeitern der Gigafactory aus. Viele hätten sich spontan der IG Metall angeschlossen, hieß es von Markus Sievers.

Tesla bezieht Stellung zu Vorwürfen zum Arbeitsschutz

Die Diskussion um den Arbeitsschutz beim Tesla gingen auch in dieser Woche weiter. Am Dienstag hatte erstmals das Unternehmen selbst Stellung bezogen: Tesla weist Vorwürfe über mangelnden Arbeitsschutz in seiner Grünheide Fabrik bei Berlin zurück. „Für uns als Gigafactory Berlin Brandenburg steht der Gesundheitsschutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an oberster Stelle und damit auch die Arbeitssicherheit“, hieß es beim Unternehmen auf Anfrage der dpa.

Alle Arbeitsplätze werden laut Tesla nach standardisierten Gefährdungsbeurteilungen bewertet und notwendige Schutzmaßnahmen umgesetzt. Weiterhin stellt das Unternehmen nach eigenen Angaben sicher, dass alle Mitarbeiter die richtige Arbeits- und Sicherheitskleidung tragen und in Schutzmaßnahmen geschult werden.

Hohe Anzahl an Arbeitsunfällen in der Tesla-Fabrik

Ende September hatte der „Stern“ über eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Arbeitsunfällen in der Tesla-Fabrik berichtet. Demnach wurden zwischen Juni und November 2022 insgesamt 190 meldepflichtige Unfälle gemeldet. Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall erklärte, dass im Jahr 2022 statistisch gesehen 16 meldepflichtige Unfälle pro 1000 Beschäftigte bei Autoherstellern und Zulieferern auftraten. Basierend auf der Mitarbeiterzahl von Tesla im Mai 2022 von etwa 4000 Mitarbeitern, wären statistisch gesehen nur 64 meldepflichtige Unfälle zu erwarten gewesen.

Unfallanalyse von Tesla und Bewertung durch geschultes Personal

Das Unternehmen hat jetzt mitgeteilt, dass Unfälle von geschultem Personal analysiert und bewertet werden und dann geeignete Vorsichtsmaßnahmen oder notwendige Änderungen vorgenommen werden sollen. Die Arbeitssicherheitsmaßnahmen in der gesamten Fabrik würden regelmäßig von den zuständigen Behörden überprüft.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hatte in der vergangenen Woche (4.10.) im Gesundheitsausschuss des Landtags erklärt: „Es gibt in ganz Brandenburg kein Unternehmen und keine Großbaustelle, die intensiver und häufiger kontrolliert worden ist als die Tesla-Baustelle und das Tesla-Unternehmen.“ Das Unternehmen Tesla würde wie jedes andere in Brandenburg behandelt. „Wir gehen jedem Hinweis, auch anonymen, auf Verstöße gegen Arbeitsschutzbestimmungen nach“, so Nonnemacher. Die Linksfraktion im Brandenburger Landtag hat angekündigt, die Zahl der Arbeitsunfälle in der Tesla-Fabrik in der kommenden Woche im Landtag zu diskutieren.

Tesla-Mitarbeiter klagen über schlechte Arbeitsbedingungen

Zahlreiche Mitarbeiter von Tesla haben bei Gesprächen mit der IG Metall über schlechte Arbeitsbedingungen geklagt. Sie berichten von extrem hoher Arbeitsbelastung aufgrund kurzer Taktzeiten, Personalmangel und überzogenen Produktionszielen. Die IG Metall spricht von einer „Atmosphäre der Angst“, was Tesla zurückgewiesen hat.

Die Fabrik in Grünheide wurde im März 2022 eröffnet und beschäftigt derzeit etwa 11.000 Mitarbeiter. Umwelt- und Naturschutzaktivisten äußern Bedenken, da ein Teil des Fabrikgeländes in einem Wasserschutzgebiet liegt.