„Kurz nach Kriegsausbruch in der Ukraine erhielt ich die Nachricht, dass wir für die Evakuierung von Pflege- und Waisenheimen größere Objekte benötigen“, berichtet Bernadette Feind-Wahlicht. Sie gehört zum Krisenstab Ukraine der Caritas in Berlin. „Das Christian-Schreiber-Haus ist mit seiner Infrastruktur als Notunterbringung für die ersten Wochen ideal. Von hier aus suchen wir nach weiteren Lösungen für die Kinder und ihre Betreuer“, erklärt Feind-Wahlicht. So stellte das Erzbistum Berlin das Haus zur Verfügung und die Caritas kümmerte sich mit ihren Mitarbeitern um die Logistik und alle Fragen rund um die stationäre Jugendhilfe.
Seit dem 10. April leben im Christian-Schreiber-Haus (CSH) im Grünheider Ortsteil Alt-Buchhorst 45 ukrainische Waisen- und Pflegekinder. Sie sind im Alter von drei bis 20 Jahren und kommen mit ihren Betreuern aus der Region Rivne. Zusätzlich gibt es dort eine Pflegefamilie mit zwölf Kindern aus Mykolajiw.

Projektkoordinatorin Bernadette Feind-Wahlicht vom Krisenstab Ukraine der Caritas Berlin, ihr Kollege Rene Mallow vom Sozialdienst Katholischer Frauen sowie Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin (v. l.)
Projektkoordinatorin Bernadette Feind-Wahlicht vom Krisenstab Ukraine der Caritas Berlin, ihr Kollege Rene Mallow vom Sozialdienst Katholischer Frauen sowie Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin (v. l.)
© Foto: Rocco Thiede

Die Kinder und ihre Betreuer haben eine lange Flucht hinter sich

Die Caritas hat zusammen mit den Mitarbeitern der Jugendbildungsstätte für die geflüchteten Kinder in Grünheide die Betreuung übernommen, getreu ihrem Motto: „Not sehen und handeln.“ Die Finanzierung im CSH in Alt-Buchhorst kommt aus mehreren Töpfen, aus Spenden, kirchlichen Eigenmitteln und von der öffentlichen Hand, insgesamt mehrere hunderttausend Euro.
Die Kinder und deren Betreuer haben eine zirka 3000 Kilometer lange Flucht hinter sich. Das Erzbistum Berlin leistete Hilfe in der Not. „Alle versuchen, den Aufenthalt der Kinder so angenehm wie möglich zu machen. Die Betreuer überlegen sich Freizeitangebote, die ohne Sprache funktionieren. Inzwischen haben sich auch viele Ehrenamtliche gemeldet, die ukrainisch sprechen“, sagte Sozialarbeiterin Bernadette Feind-Wahlicht von der Caritas.

Viele engagierte Freiwillige

„Viele Freiwillige waren und sind bei der Eingewöhnung der Kinder sehr engagiert“, ergänzt ihre Kollegin Susanne Netzel. Die anfängliche Unsicherheit auch wegen der Sprachbarrieren wich schnell. „Die Kinder fahren Rad, spielen Ball, aber die älteren schauen auch manchmal stundenlang Filme auf den Handys“, sagt Frau Netzel.
„In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft merkten wir den Kindern und Jugendlichen ihre Kriegs- und Fluchterfahrungen an“, schildert Bernadette Feind-Wahlicht ihre Eindrücke. Aber schon nach einer Woche wurden viele ruhiger und entspannter. „Aus ihren Gesichtern wich der Schrecken. Oft hören wir nun von ihnen mit großer Dankbarkeit, wie wohl sie sich hier fühlen“.

Eine Berlinerin hat das Projekt angestoßen

Da einige der Waisenkinder auch Behinderungen haben, ist es wichtig für ihre Zukunft eine entsprechende Unterkunft zu finden. Ohne Unterstützung des Landratamtes, vieler Ehrenamtlicher und den Spenden der Leser der MOZ, hätte das sicher nicht so gut geklappt.
Angestoßen wurde das Projekt von Elena Killer. Sie stammt aus dem ukrainischen Mykolajiw und erfuhr über ihre Verwandten von der Not der Waisenkinder. „Wir mussten etwas tun“, sagt Elena Killer, die mit ihrem Mann in Berlin ein Bauunternehmen betreibt. Sie selbst ist Christin und kommt aus einer Neuapostolischen Kirche. Freunde empfahlen das Don-Bosco-Zentrum in Berlin-Marzahn sowie das Christian-Schreiber-Haus in Brandenburg.

Übersetzerin Julia hilft im Alltag

Eine wichtige Unterstützerin vor Ort ist auch Julia, die vor fast zwei Jahrzehnten als Au-pair nach Deutschland kam und inzwischen hier verheiratet ist. Sie hilft als Übersetzerin bei Behördengängen, Arztbesuchen und bei der Gestaltung des Alltags. „Ich las von dem Aufruf im Internet“, beichtet Julia. Für sie es „eine Herzensangelegenheit der Pflegefamilie und den Waisenkindern zu helfen“. Beim Gespräch mit Marina und Denis, den Pflegeeltern von zehn Pflegekindern ist sie als Sprachmittlerin behilflich. „Sie haben zwei eigene Kinder und sind ein Vorbild für viele andere Familien. Aktuell suchen wir ein Haus oder eine größere Wohnung für sie und die Kinder, wo sie auch zur Schule oder in die Kita gehen können“.
Ihre leibliche Tochter Diana (10) sowie die Pflegekinder Andre (3) und Maxim (4) stehen gerne mit ihrer Mama Marina (37) für ein Foto zur Verfügung. Die Eltern und ihre insgesamt zwölf Kinder flüchteten in letzter Minute mit ihrem Minibus aus ihrer von den russischen Aggressoren kriegszerstörten Stadt. Sie verloren alles und sind sehr dankbar, hier eine vorrübergehende Heimat gefunden zu haben.

Suche nach einer längerfristigen Bleibe für die Kinder läuft

Wichtig so sagt die Caritas-Chefin Ulrike Kostka zum Abschied, sei die nahe Zukunft der Waisen- und Pflegekinder, „denn das ist hier nur eine temporäre Unterbringung und die Kinder brauchen einen längerfristigen Ort. Wir wissen aber auch, sie sehnen sich nach Hause in die Ukraine, wo sie wieder in Frieden leben wollen.“
Aktuelle Entwicklungen im Ukraine-Krieg finden Sie im Liveticker.

Schon mehr als 250.000 Euro gespendet

Die Hilfsaktion dieser Zeitung gemeinsam mit der Caritas Berlin-Brandenburg ist auf eine überwältigende Resonanz getroffen. Seit dem 5. März sammeln wir für Flüchtlinge aus der Ukraine, die in Brandenburg zumindest zeitweise eine neue Heimat gefunden haben. Bis Anfang dieser Woche waren 255.757 Euro auf dem Spendenkonto eingegangen.
„Dank der Spendenmittel konnte vielerorts schnell und unkompliziert geholfen werden“, teilt Thomas Gleißner, Pressesprecher der Caritas mit. Es wurde aus den Spendengeldern ein Nothilfefonds aufgelegt. Beratungsstellen konnten auf Anfrage mit bis zu 1.000 Euro ausgestattet werden, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.
So kamen ab Mitte März in Fürstenwalde täglich hunderte Geflüchtete an. Deshalb hat die Caritas eine neue Spendenausgabestelle eröffnet und konnte dabei die Gelder aus der Spendenaktion effektiv einsetzen. In den Räumlichkeiten des Quartiersmanagements sollten Geflüchtete die Möglichkeit bekommen, kostenlos Bekleidung, Hygiene-Artikel, Kinderwagen und -spielzeug, Babynahrung und haltbare Lebensmittel zu erhalten. Es wurde ein Café eingerichtet, das ehrenamtlich von drei Frauen aus der Ukraine betrieben wird.
In Michendorf zum Beispiel sind sehr viele Vertriebene privat aufgenommen worden. Mit den Spendengeldern wird dort ein Caritas-Ukrainezentrum aufgebaut, das die Angebote aus dem bereits eingerichteten Begegnungscafé verstetigen soll. Ähnliche Aktivitäten gibt es unter anderem in Cottbus und Golzow (Märkisch-Oderland).